WAX TRADERS: Mitreißendes Musiktheater über Stoffe, Handel und Verflechtungen
Eine Uraufführung mit besonderer Handschrift
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz ·
Apr 2026 · Theater
Gestern feierte am Vorarlberger Landestheater wieder einmal ein ganz besonderes Projekt seine Uraufführung. Erneut waren die Schweizer Regisseurin Eva-Maria Bertschy und der aus Kinshasa stammende Gitarrist Kojack Kossakamvwe eingeladen, eine ihrer spannenden Arbeiten in Vorarlberg zu präsentieren. „WAX TRADERS“ ist eine Produktion der Group50:50 und des Vorarlberger Landestheaters in Koproduktion mit der Kaserne Basel und erzählt die komplexe Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Europa und Westafrika – beginnend im Jahr 1855 bis zum Ende des letzten Jahrhunderts.
Gründliche Recherche als Grundlage
Wenn Eva-Maria Bertschy und Kojack Kossakamvwe gemeinsam ein spannendes, für sie relevantes Thema gefunden haben, das es wert ist, entfaltet zu werden, beginnt ihre Arbeit stets mit einer gründlichen Recherche. Diese entwickelt sich über verschiedenste Formate und mündet immer wieder in einem Musiktheaterstück, das das Thema in seiner ganzen Vielschichtigkeit sichtbar macht.
Dabei bedienen sich Bertschy und Kossakamvwe einer äußerst unterhaltsamen Erzählform: mit viel Musik, Gesang und Bewegung, mit kleinen Szenen und erzählerischen Monologen. Für das Publikum vergeht die Zeit dabei wie im Flug. Man erfährt viel Neues, staunt und bleibt neugierig bis zum letzten Satz.
Stoffe, die Geschichten in sich tragen
„WAX TRADERS“ erzählt von den in Afrika allgegenwärtigen Wax Prints, jenen bunten Stoffen, die nicht nur schön sind, sondern auch Geschichten in sich tragen, Namen haben und für ihre Trägerinnen eine ganz bestimmte Bedeutung besitzen. Man erfährt, dass diese bunten Stoffe ursprünglich von europäischen Textilunternehmen für den afrikanischen Markt entwickelt wurden und dass es über Jahrzehnte eine blühende Handelsverbindungen zur Schweizer Textilindustrie und zur Basler Handelsgesellschaft gab.
Frauen, die den Handel geprägt haben
„WAX TRADERS“ erzählt von den mutigen Frauen, von den Händlerinnen, die dieses Geschäft vor Ort überhaupt erst ermöglicht haben. Frauen, die unabhängig von ihren Männern Handel trieben – geschickt, klug und sehr erfolgreich. Edwige Dro, eine feministische Autorin aus Abidjan in der Elfenbeinküste, hat gemeinsam mit Eva-Maria Bertschy den Text geschrieben. Anhand zweier konkreter Begegnungen und vierer Lebensgeschichten entflechten die Autorinnen das komplexe System des Textilgroßhandels. 1855 lernen sich Hermann, ein Missionar aus der Schweiz, und Regina, eine Lehrerin aus Accra, kennen und eröffnen dort gemeinsam den ersten Stoffladen der Basler Handelsgesellschaft. Gut hundert Jahre später kommt der junge Schweizer Walter nach Accra, übernimmt den Textilgroßhandel der Basler Handelsgesellschaft und lernt die Stoffhändlerin Adjoa kennen.
Zwischen Erfolg, Ausbeutung und Tragödien
Diese Erzählung ist nicht nur eine Geschichte des Erfolgs, sondern auch eine von menschlichen Tragödien. Sie handelt nicht allein vom Handel mit Baumwolle und Stoffen, sondern ebenso vom Handel mit Menschen – von einem Kreislauf, der zwischen Afrika, Amerika und Europa über viele Jahrzehnte florierte.
Und auch von der Lustenauer Spitze wird erzählt, von den abertausend Tonnen, die zwischen 1974 und 1981 jährlich erst legal und später illegal nach Lagos verschifft wurden, finanziert durch den nigerianischen Ölboom.
„WAX TRADERS“ ist lebendiger, großartiger, spannender Geschichtsunterricht, der mit Leichtigkeit, viel Emotion und großer Leidenschaft in seinen Bann zieht. Die Inszenierung ist ein internationales Projekt, eine Performance in fünf Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch sowie den beiden regionalen Sprachen Ghanas, Ga und Twi. Ensemble und Leading Team stammen aus Ghana, Côte d’Ivoire, der Demokratischen Republik Kongo und der Schweiz.
Ein starkes Ensemble und ein begeistertes Publikum
Der musikalische Leiter, Kojack Kossakamvwe, der auch selbst als Musiker und Performer auf der Bühne steht, entführt mit seinen Klängen mühelos in eine andere Welt. Dabei wird er auf wunderbare Weise vom Schlagzeuger und Perkussionisten Jonathan Tshimbombo unterstützt. Jahelle Bonee, Sängerin aus Abidjan, überzeugt mit ihrer großartigen Stimme und ihrer Bühnenpräsenz, ebenso wie Araba Dansowaa Agyare aus Ghana und die Schweizer Künstlerin Martina Momo Kunz. Ein absolut starkes Trio auf der Bühne, das in verschiedenste Rollen schlüpft, singt, tanzt und mit unglaublicher Energie und Spielfreude agiert.
Die multidisziplinären ghanaischen Künstler Percy Nii Nortey und Austin Nortey zeichnen für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich. Alles wird vom französischen Künstler Sylvain Faye ins rechte Licht gesetzt.
Das Publikum, das sich während der Vorstellung den Rhythmen sichtlich nur schwer entziehen konnte, bedankte sich am Ende dieses Theaterabends mit frenetisch jubelndem Applaus.
Weitere Vorstellungen:
12./14.4. und 27./29./30.5., jeweils 19.30 Uhr
www.landestheater.org