Walartige Skulptur in vierzig Teile „filetiert“
„Ein gutes Stück Flensen“ von Lukas Zerbst in der Vaduzer Galerie am Lindenplatz
Die aktuelle Ausstellung im Kabinettraum der Vaduzer Galerie am Lindenplatz ist dem 1988 in Polen geborenen Künstler Lukas Zerbst gewidmet. Unter dem Titel „Ein gutes Stück Flensen – Fragmente eines müden Körpers“ zeigt er einundzwanzig von insgesamt vierzig Teilen, in die er eine sechseinhalb Meter lange, walartige Skulptur zerlegt hat.
Das Objekt war ursprünglich das Kernstück der im Gräsergarten der Akademie der Künste in Berlin präsentierten Werkgruppe „Müder Garten“, einer Installation über Erschöpfung, Stress, Depression und das Scheitern von Produktivität. Der Künstler überführte das aufgeblasen wirkende Gebilde, dessen malerische grau-rote Oberfläche einer verdichteten Haut aus von Staub, Wetter, Transport, Lagerung und Gebrauch gebildeten Spuren glich, später nach Bremerhaven. Dort platzierte er es zwischen Obst-, Gemüse-, Fisch- und Fleischständen vor dem Werftbrunnen mitten auf dem Wochenmarkt im Zentrum der Stadt und begann, es wie ein angehender Metzger zu filetieren.
Kunst als Grundnahrungsmittel nach Gewicht
Die solcherart entstandenen „Flensen“ wog er mit einer Gemüsewaage ab und bot sie, wie ein Marktschreier, nach Gewicht zum Verkauf an. Pro hundert Gramm verlangte er zwanzig Euro und brachte auch entsprechende neonorange Preisetiketten auf den Kunststücken an.
Beim Begriff „Flensen“ handelt es sich im Übrigen um ein veraltetes, niederdeutsches Verb, das hauptsächlich im Walfang verwendet wurde und bedeutet, den Speck von einem erlegten Wal abzuschneiden und in kleinere Stücke zu zerteilen. Es hat eine verwandte Bedeutung mit dem schwedischen „flensa“ und dänischen „flense“ und ist der Ursprung von Wörtern wie „Flensburger“.
Lukas Zerbst, der in Bremen studiert hat und heute in Liechtenstein lebt und arbeitet, hat die Aktion am Bremerhavener Wochenmarkt auch per Video dokumentiert. In einem Begleittext dazu heißt es: „Kunst wird hier als ‚Grundnahrungsmittel‘ angeboten und mit Lebensmitteln gleichgesetzt, die man dort auch kaufen kann. Dadurch verliert das Kunstwerk jegliche Erhabenheit und wird nicht einmal als Luxusgut wahrgenommen. Stattdessen zeigt die Performance einen Künstler, der ums Überleben kämpft – und dabei sogar so weit geht, seine eigene Kunst zu zerstören. Oder sie in eine verkaufsfähigere Form zu bringen? Im Schatten des geschlossenen, asbestverseuchten Karstadt-Gebäudes in Bremerhaven-Mitte wurde seine Skulptur zersetzt, genutzt, und diese Geste wurde ausführlich mit Passanten diskutiert.“
Im Nachklang zur Performance in Bremerhaven fertigte der Künstler aus Dachlatten, die ursprünglich als Grundgerüst der Skulptur dienten, Rahmen für die einzelnen „Flensen“ an. Was typisch für Zerbst ist: das Recycling von gebrauchten Materialien gehört zum Standardrepertoire seiner Werkstrategie. Die vierzig unterschiedlich großen Teile fasste er zudem sauber hinter Plexiglas ein. Die in Bremerhaven auf die einzelnen „Filets“ aufgeklebten neonorangen Preisschildchen sind nach wie vor Teil jedes einzelnen Stückes, obwohl sich der Preis mittlerweile vervielfacht hat, wie in der Galerie am Lindenplatz anhand der einundzwanzig zur Schau gestellten Arbeiten gut ersichtlich ist.
Lukas Zerbst: „Ein gutes Stück Flensen – Fragmente eines müden Körpers“
bis 28.2.26
Artist Talk: 12.2., 17.30 Uhr
Di - Fr 11-18.30 Uhr, Sa: n. tel. V.
Galerie am Lindenplatz, Vaduz
https://www.galerielindenplatz.li