Von ansteckender Fröhlichkeit
Umfassendes Sachbuch über die bewegte Geschichte der Toggenburger Orgelszene.
Fritz Jurmann ·
Dez 2025 · Literatur
Die Toggenburger Hausorgeln und ihre damit eng verbundene typische volkstümliche Musik dieser Region – das ist ein besonderes Spezifikum in der überlieferten Volkskultur unserer unmittelbaren Schweizer Nachbarn.
Diese liebevoll ausgeschmückten Instrumente von meist handlicher Größe sind in den zahlreichen kleineren Kirchen der Landschaft zu finden, aber als Elemente des familiären Ausstattungs- und Andachtsraumes auch in den „Firstkammern“ alter Bauern- und Bürgerhäuser von gutbetuchten Leuten. Die „Toggenburger Hausorgeltänze“, die sich wirklich authentisch auch nur auf diesen Instrumenten realisieren lassen, überwinden freilich spielerisch alle räumlich vorgegebenen Grenzen zwischen profaner und sakraler Musik und tragen ebenso wie im trauten Bauernhaus auch im geweihten Raum bei manchen Anlässen ganz einfach zur Erbauung und Unterhaltung bei. Es sind Klänge von ansteckender Fröhlichkeit.
Wenn etwa heute an einem Kilbi-Sonntag die Orgel zum Auszug am Ende des Gottesdienstes einen dieser Tänze anstimmt, habe ich in meiner Eigenschaft als Organist im Schweizer Rheintal nicht selten erlebt, dass Mitglieder eines Jodlerchörlis nach ihren Darbietungen beim Gottesdienst zu dieser Musik noch gleich auf der Empore der Kirche miteinander getanzt haben.
Für alle, die mehr über diese uralte Tradition und die bewegte Geschichte des lokalen Orgelbaues im Toggenburg des 18. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart wissen möchten, gibt es aktuell im Chronos Verlag einen von Umfang und Inhalt her gewichtigen Wälzer von rund 400 Seiten, ganze 900 Gramm schwer, der erschöpfend, fachkundig und aus verschiedenen Blickwinkeln dazu Auskunft gibt. Der Autor Markus Meier ist Musikdozent an der Pädagogischen Hochschule in Kreuzlingen, als gelernter Orgelbauer Handwerker und Intellektueller zugleich. Er hat in seinem zwischen spannendem Lesebuch und streng musikwissenschaftlichem Nachschlagewerk angesiedelten Buch mit unglaublichem Fleiß und großer Sorgfalt eine Unzahl musikgeschichtlicher und handwerklicher Details rund um diese einzigartigen mechanischen Kunstwerke mit ihrem besonderen Klang zusammengetragen, dass man nur staunen kann.
Dieses Werk ist in seiner Vielfalt einerseits für den Laien als eine Art Orgel-Lesebuch angelegt, bei dem es auch im reichhaltigen Bildmaterial mit Skizzen, Tabellen, Zeittafeln oder den Literatur- und Registeraufstellungen immer wieder Neues zu entdecken gibt. Andererseits bietet es als Nachschlagewerk auch dem Organisten oder Organologen eine Fülle an Material, das ihm beim praktischen Gebrauch, bei der Suche nach historischen Details hilfreich sein kann. Hinterher ist man jedenfalls fast immer klüger als zuvor.
Orgelbau-Hochburg Rankweil
Markus Meier blickte bei seinen Forschungen erfreulich aber auch über den Tellerrand und bezog die Situation in unserer Region im 18. Jahrhundert um die „Orgelbau-Hochburg Rankweil“ mit ein, ebenso Erkenntnisse des hiesigen Orgelforschers Hans Nadler. Kundige „Schreiner und Orgelmacher“ wie Matthäus Abbrederis (1652–1727) als tonangebender Orgelbauer sowie Johann Liberat Ammann (1726–1796), beide aus Rankweil, oder Johannes Allgeuer (1704–1778) aus Feldkirch belebten damals die Szene mit ersten beachtlichen Beispielen einer gut funktionierenden Orgelbaukunst.
Dass sein Buch den Titel „Geächtet, geliebt und geduldet“ trägt, deutet als neuer Ansatz in der Orgelforschung darauf hin, dass das gesellschaftspolitische Spannungsfeld einer konfessionell gespaltenen Eidgenossenschaft zwischen reformierter Bevölkerungsmehrheit und katholischem Machtanspruch damals ein bedeutender Störfaktor in diesem Umfeld gewesen sein muss. Dennoch entwickelte sich daraus, wie der Autor darlegt, eine blühende, funktionierende Geschichte der Orgellandschaft im Toggenburg, die bis heute ihren Ruf als urige Schweizer Besonderheit nicht verleugnet.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Dez.25/Jan.26 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Markus Meier: Geächtet, geliebt und geduldet – Die Orgel im nachreformatorischen Toggenburg, Chronos Verlag, Zürich, 400 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-0340-1796-1, € 48