Viktoria Tolstoy & Jacob Karlzon: Who We Are Peter Füssl · Feb 2026 · CD-Tipp
Die Schwedin Viktoria Tolstoy, eine Ururenkelin des berühmten russischen Schriftstellers Leo Tolstoi, zählt längst zu den Top-Vokalistinnen des Münchner Jazz-Labels ACT, hat sie dort doch seit 2004 zwei Drittel ihrer 15 Alben herausgebracht. Bei allen hatten besonders angesagte Pianisten des Labels ihre Finger im Spiel: Esbjörn Svensson, Iiro Rantala, zuletzt Joel Lyssarides – und vor allem Jacob Karlzon.
Die Zusammenarbeit mit Letzterem begann sogar schon in Vor-ACT-Zeiten und umfasst die unterschiedlichsten Meilensteine in Tolstoys Karriere: „My Swedish Heart“ (2005) ist ihre Hommage an 50 Jahre schwedischen Jazz, und mit „My Russian Soul“ (2008), spürte sie mit von Karlzon arrangierten Bearbeitungen russischer Klassiker wie Tschaikowsky, Rachmaninov oder Borodin ihren einschlägigen Roots nach. Auf „Pictures of Me“ (2006) huldigt sie großen Einflüssen aus dem Pop/Rock-Bereich wie Paul Simon, Peter Gabriel, Prince, Stevie Wonder oder Van Morrison, „Letter to Herbie“ (2011) hingegen ist dem wegweisenden Tastenstar Herbie Hancock gewidmet. Mit „A Moment of Now“ (2013) erschien auch schon ein Duo-Album von Tolstoy und Karlzon, mit dem die vielseitige und in viele Richtungen offene Sängerin das breite Spektrum ihrer musikalischen Interessen abbildete – von Peter Gabriel und Phil Collins über Alanis Morissette und Stevie Wonder zu Cole Porter, Pat Metheny oder Gabriel Fauré. Tolstoy hat all diese fremden, meist durch griffige Melodien charakterisierten Songs durch eigenwillige Interpretationen zu ihren eigenen gemacht – manchmal ein bisschen gegen den Strich gebürstet, immer auf den emotionalen Gehalt hin abgeklopft. Natürlich hat sich Jacob Karlzon, der dank seines ebenfalls offenen Umgangs mit den Genregrenzen im Spannungsfeld von Jazz, Pop, Klassik und Electronics von vielen als Nachfolger des genialen, 2008 ums Leben gekommenen Pianisten Esbjörn Svensson gesehen wird, in all den Jahren mit zahlreichen Solo-Aufnahmen und Band-Projekten als Ausnahme-Pianist eine große Fan-Gemeinde erspielt. Wie sehr ihn die mehr als zwei Jahrzehnte als musikalischer Leiter der jeweiligen Ensembles von Viktoria Tolstoy aber zum Kenner und Wegbegleiter der Vokalistin machten, zeigt das aktuelle Duo-Album „Who We Are“.
Auf diesem finden sich zwar auch wieder drei einschlägige Fremdkompositionen: Billy Joels „And So It Goes“ vom Album „Storm Front“ (1989) über eine zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung leitet Tolstoy a-cappella ein, ehe sich Karlzon mit zart perlenden Tönen dazugesellt. Den hochemotionalen Tori Amos-Song „Cloud on My Tongue“ von deren legendärem Album „Under the Pink“ (1994) über eine leidenschaftliche, aber letztlich oberflächliche Liebe interpretieren sie relativ nahe am Original. Dasselbe gilt für „True Love Waits“, das Radiohead schon 20 Jahre lang bei Konzerten live gespielt hatten, ehe sie es 2016 endlich auch auf ein Album pressten – ein ergreifender Song um Liebe und Verlust, den Thom Yorke anfangs solo zur Gitarre vorgetragen hatte. Neu ist bei „Who We Are“ aber, dass Jacob Karlzon acht der elf Songs nicht nur selbst komponiert hat, was auch früher schon vorgekommen ist, sondern erstmals auch alle Texte aus seiner Feder stammen – voller starker Bilder und ausgefallener Metaphern. Wer könnte Songs besser für Viktoria Tolstoy maßschneidern als er, der ihre Karriere so lange hautnah begleitet und gefördert hat und all ihre Stärken besser kennt als sonst irgendwer? Es sind reife Songs zu den gewohnten Themen, es geht aber auch um Persönlichkeitsentwicklung, Selbstfindung, um die Überwindung von Identitätskrisen, Statusdenken und Lebenslügen. „Was wir im Duo machen, ist wirklich anspruchsvoll – aber es fühlt sich leicht an. Jacob spricht meine Sprache komplett, wir folgen einander auf eine magische Art“, erklärt Tolstoy und Karlzon ergänzt: „Zwischen Viktoria und mir gibt es keine Trennung zwischen Solistin und Begleiter, wir sind einfach zwei Seelenverwandte auf Augenhöhe.“ Dementsprechend entfaltet Karlzon seine reichhaltigen, energievollen Tastenkünste, die er fallweise auch mit Electronics erweitert, und rückt Tolstoys ausdrucksstarke, soulige Stimme perfekt ins Rampenlicht. Mit „zwei Menschen, ein musikalischer Organismus“ bringt er auf den einfachsten Nenner, was durch einen jahrzehntlangen gemeinsamen Reifungsprozess zweier kongenialer Künstlerpersönlichkeiten entstanden ist. Auch die Entwicklung des Refrains im Titelsong drückt es perfekt aus: „Be who I am – Be Who You Are – Be who we are“
(ACT)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.