Verworrene Perspektiven im Kopf einer Gottesanbeterin
Neues Buch von Lisa Spalt: „Das verwirrte Tier“
Sieglinde Wöhrer ·
Mär 2026 · Literatur
Drei emotionslose Psychopathen, ein surrealer Chor von Gottesanbeterinnen in einem Terrarium und eine poetische Intelligenz bilden den Rahmen einer Erzählsituation, der Lisa Spalts surreal-poetisches Buch „Das verwirrte Tier“ auf 208 Seiten zusammenhält. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein Terrarium, das zu einer Deponie all der Dinge wird, die von den Psychopathen dort hineingespuckt werden. Abwechselnd melden sich wiederkehrende Stimmen zu Wort, von denen das „Ich“ und „Mein Kopf“ noch am dominantesten zu sein scheinen.
Menschliches Empfinden im Terrarium
Der Erzählverlauf spielt (vermutlich) im Kopf einer Gottesanbeterin, die auf eine absurde und verspielte Weise das eigene (doch menschliche) Empfinden beschreibt, während ihr Monolog von verschiedenen anderen Stimmen unterbrochen wird. Daraus ergibt sich ein surrealistischer Text, in dem sich zwar immer wieder Handlungszusammenhänge erkennen lassen, der aber inhaltlich vor allem bizarre Szenen und Wortspielereien aneinanderreiht. Momente, Motive und Stimmungen sind assoziativ miteinander verwoben. Zwischen Traum und einer traumhaften Realität beschäftigen sich die Gedankengänge des „Ichs“ mit der eigenen Identität und dem äußeren Geschehen und einem „Kopf, der gegen die Gesellschaft kämpft“. An einer Stelle heißt es erklärend:
„Willkommen in meiner Vorstellung, willkommen im Terrarium
Pandoro. Pandoro ist mein Leib. Ich walze ihn, wenn
mein Kopf ihn mit Selbstvorwürfen quält. Er würgt meinen
Hals, bis ich ihm schwöre, dass ich nur noch Kopien des Unglücks produziere.“
Grenzen zwischen Realität und Imagination
Die Gesichter der Gottesanbeterinnen tragen Masken, die aussehen wie Edvard Munchs Gemälde „Schrei“, immer wieder ist die Rede von Eden, dem verlorenen Paradies, das tief in der Fantasie verankert ist: „ein Ort, an dem man die Grenzen zwischen Realität und Imagination verschwommen erleben kann“.
In Spalts Literatur wechseln Ort, Zeit und Identitäten ständig, die meisten Vorkommnisse folgen nicht der Alltagslogik, sondern einer inneren, traumähnlichen Logik. Dadurch wird der Inhalt hauptsächlich von Gefühlen und Assoziationen bestimmt. Spalt gibt Dingen und Objekten ein Bewusstsein, Farben können froh sein, Seelen werden recycelt, Reifen liegen auf dem Rücken und blinzeln und „antike Himmel und grüne Almen zogen durch unsere Gehirne“.
„Mein Nervensystem sirrt elektrisch. Aus vielen
Objekten entweicht Tageshitze mit einem Knistern, wie Herdplatten
es absondern, wenn man vergessen hat, sie abzuschalten.“
Meistens geht die Aussage schon während des Zu-Ende-Lesens der Sätze verloren – ein Stil, an den man sich aber nach einer Weile gewöhnen kann und der dafür an manchen Stellen auch geistreiche Formulierungen eröffnet, die unsere Lebenswelt manchmal treffend und manchmal originell beschreiben.
„Für einen Moment fühle ich, dass das All
mich und den Müll – dass dieses All einfach alles und alle wie
einen Kaugummi in seinem Mund herumrollt.“
Poetische Intelligenz
Dass ihre Sprache nicht immer leicht zu verdauen ist, scheint die Autorin zu wissen, und sie versucht, ihre Fantasiewelt durch Erklärungen und Skizzen anschaulicher zu machen. Als Pendant zur künstlichen Intelligenz spricht und diskutiert die Ich-Person mit einer Art poetischen Intelligenz, die ein bisschen Klarheit schafft, immer wieder für lyrischen Input sorgt und auf Kritik und Widerspruch mit dem Verständnis und der hohen inhaltlichen Anpassungsfähigkeit reagiert, die man beispielsweise auch von ChatGPT kennt.
„Die Maschine schreibt, der Geist schweift,
Unbewusstes quillt, die Feder gleitet.
Automatische Dichtung, ein wilder Fluss,
Kontrollverlust, ein süßer Genuss.
Instinkt lenkt die Grammatik, die Worte fließen,
launisch, sprunghaft, die Zeilen schießen.
Ein Gedicht entsteht, geheimnisvoll und neu.“
Gesellschaftskritische Anspielungen tauchen auf und versinken wieder im fortlaufenden Gedanken-Wirrwarr. Die Stimme, „das zerknitterte Gesicht der Geschichte“ reflektiert über absurde anthropogene Zustände und Prozesse, die nicht selten einen wahren Kern haben. Weitere Infos dazu finden sich in den Fußnoten.
Insgesamt hat Spalt aber vor allem viel gereimt und sich dabei eine fiktive Welt „zusammengereimt“, die sich hauptsächlich in Fragmenten zeigt und in der viele Dinge eine ganz neue Bedeutungsebene bekommen. Der Text ist auf eine zeitlose Weise im Jetzt verhaftet, in dem man die Umstände gar nicht kennen muss, um die Zustände zu erfassen. Das erfordert auch beim Lesen ein bewusstes Einlassen auf einen Text, der sich durch eine ausgesprochene Flüchtigkeit auszeichnet. Die Beschreibungen erinnern teilweise an ständig präsente unbewusste Wahrnehmungen, die man aber nicht weiter beachten muss, weil auf der nächsten Seite schon wieder neue surreale Ebenen eröffnet werden. Und dennoch bleibt man beim Lesen immer wieder an eindrücklichen Passagen hängen, die in wenigen Wörtern starke Empfindungen ausdrücken. So entsteht ein interessanter Kontrast zwischen absolutem Unsinn und tiefsinniger Prosa.
„Tatsächlich hantiere ich in meiner Vorstellung
bis heute mit Bildern des Exotischen und des Vergangenen,
fast jeden Tag zusätzlich mit der Idee der Natur, mit
Spaziergängen und dem Gefühl, mich in der dünnen Flüssigkeit
der Dämmerung aufzulösen.“
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Lisa Spalt: Das verwirrte Tier. Czernin Verlag, Wien 2026, 208 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-7076-0895-3, € 24,95