Unter der Oberfläche lauert Tiefes
Rebekka Mosers zweiter Bodensee-Thriller: „Tief“
Sieglinde Wöhrer ·
Apr 2026 · Literatur
Alles beginnt mit einem toten Kind am Fußacher Seeufer. Die Kindergärtnerin hatte ihn aus den Augen verloren und am nächsten Morgen lag der Bub mit einer verstörenden Botschaft beschriftet im Sand. Es ist ein ungewöhnliches Verbrechen in Vorarlberg, selbst für den Kommissar Heinzle, der sich sofort seinen italienischen Kollegen zur Verstärkung holt. Den wird er auch brauchen, denn noch bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind, ist schon der nächste Täter unterwegs.
Ein Thriller über Flucht und Migration
Rebekka Mosers zweites Buch erschien im deutschen Emons Verlag als „Bodensee-Thriller“ und wieder ermittelt der Kommissar Heinzle, den manche Leser:innen schon aus ihrem Erstling „Unten“ kennen. In „Tief“ schreibt Moser über Rache, Ausweglosigkeit, Schuld und über die traumatischen Ereignisse aus der Vergangenheit, von denen sich ihre Figuren auch lange Zeit danach nicht lösen können. Es passieren mehrere grausame Mordfälle, die alle irgendwie miteinander verstrickt sind und zugleich werden die Folgen einer tragischen Flucht beschrieben. Das Thema Flucht und Migration „ist nicht unbedingt angesagt bei den Lesern“, weiß auch die Autorin, aber es „liegt mir einfach extrem am Herzen“ sagt Moser, und deshalb habe sie wieder einen Thriller geschrieben. „Der einzige Weg, wie man so ein schweres Thema bringt, ist, dass man eine spannende Geschichte daraus macht.“
Viele Szenarien im Buch seien aus dem Leben gegriffen und von ihrer ehrenamtlichen Arbeit in der Flüchtlingshilfe geprägt. „Es ist nichts erfunden, aber alles umgeschrieben“, sagt Moser. Der Thriller ist politisch und bringt komplexe Themen wie den Nahostkonflikt genauso zur Sprache wie den Alltagsrassismus in Vorarlberg. „Ich habe versucht, in diesem Buch verschiedene Standpunkte darzulegen. Es geht auch nicht um aktuelle Ereignisse, sondern eher um Stimmungen.“
Psychologische Hintergründe
Moser hat viel Zeit in die Recherche investiert und praktischerweise konnte sie gleich auf eine bereits fertig durchgedachte Hauptfigur zurückgreifen: „Der Kommissar ist über fünfzig, sehr altmodisch, konservativ und lebt mit seiner Teenager-Tochter Christina in geordneten Bahnen in der Provinz. Sein Freund Sense ist der coole Part von diesem Ermittlungsduo und bringt ihn immer wieder dazu, seine Meinungen zu reflektieren“, beschreibt die Autorin. Die Perspektiven von Tätern und dem Kommissar wechseln sich ab. Recht schnell ist man als Leser:in den Ermittlern einen Schritt voraus. „Ich mag keine Katz- und Mausspiele, es gibt zwar eine Wendung am Ende, aber es soll nicht um die Ermittlungsarbeit gehen, im Vordergrund steht die tragische Geschichte der Menschen.“ Es gehe ihr im Buch auch nicht vordergründig um die Verbrechen selbst, „die passieren einfach, mich interessiert die psychologische Seite“, erklärt Moser, die in ihren Figuren nachvollziehbar machen wollte, warum jemand dazu fähig wird, einen Mord zu begehen. „Es geht nicht um den Effekt, sondern darum: Was bringt einen Menschen dazu, dass er jemandem etwas Schlimmes antut. Was treibt ihn zum Verbrechen?“, sagt Moser, die als Autorin versucht hat, sich in die Täter hineinzufühlen und dabei aufpassen musste, dass sie nicht „zu viel Verständnis aufbringt“.
Aber auch das private Leben des Kommissars wird beleuchtet. Moser beschreibt die Dynamiken der Freundschaft zu seinem Kollegen, die innige Beziehung zu seiner Tochter und auch die Irritationen über deren neuen Freund. Seit dem Tod seiner Frau hat er zudem mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, während sich die Mordfälle auf seinem Schreibtisch stapeln. „Das Verletzliche war mir beim Heinzle sehr wichtig“, erklärt die Autorin. „Die Polizei macht immer so einen taffen Eindruck, aber nicht umsonst sind Polizisten in Kunst und Kultur immer sehr zerbrochene Menschen. Er ist eine sehr ambivalente Figur, auf die man das Zerrissen-Sein zwischen den Meinungen gut projizieren kann. Außerdem ist er mir sympathisch, wenn ich nochmal einen Thriller schreibe, dann werde ich wieder den Heinzle nehmen.“
Idyllische Orte der Heimat mit Verbrechen kombiniert
Rebekka Moser hat jahrzehntelang als Journalistin gearbeitet und erst spät zum Schreiben gefunden. Im Jänner 2023 erschien ihr erstes Buch „Unten“ im Bucher Verlag – ein Thriller, der ebenfalls am Bodensee spielt und in die psychische Verfassung eines Serienmörders eintaucht. Und obwohl sich das Buch in Vorarlberg gut verkauft hat, war die Zeit danach „ein bisschen desillusionierend“, beschreibt die Autorin: „Ich bin vollkommen blauäugig an diese Geschichte herangegangen. Ich habe gedacht, das geht locker, aber egal, wie viel du schreibst, ein Buch zu schreiben ist noch mal eine ganz andere Kategorie. Da es eine regionale Geschichte war, hab‘ ich den Sprung nicht über den Arlberg geschafft.“ Auch mit dem „Etikett Regionalkrimi“ konnte sie sich schwer anfreunden.
„Die Erfahrung und die Recherche aus meinem ersten Buch haben gezeigt, dass unter der Oberfläche Tiefes lauert“, erklärt Moser die Beweggründe für ihren zweiten Thriller. Als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin ist sie in ihrem Alltag laufend mit Themen wie Migration und Rassismus konfrontiert, die sie nun – eingearbeitet in eine fiktive Kriminalgeschichte – mit ihrem neuen Buch zu verdeutlichen versucht. „Wenn ich es schaffe, ein paar Leute zum Nachdenken anzuregen, dann bin ich schon im Reinen mit mir.“
Ein Jahr hat die Autorin an dem „Grundgerüst“ für „Tief“ geschrieben, und nach einem weiteren halben Jahr der Überarbeitung, habe sie den Entwurf an den Verleger geschickt. Das Schreiben sei ihr beim zweiten Buch schon viel leichter gefallen: „Man weiß einfach, wie das Schreibhandwerk funktioniert, wie man Geschichten angeht, wie man Personen anlegt und wie man vermeidet, dass inhaltliche Fehler entstehen. Das logische Konstrukt sollte über allem stehen und wenn man eher chaotisch ist, wie ich, dann ist das eine Herausforderung.“
Erneut verbindet Moser die idyllischen Orte ihrer eigenen Heimat mit Verbrechen. Das Buch spielt am Bodensee und an realen Plätzen in Vorarlberg, dort, wo auch die Autorin sozialisiert wurde und aufgewachsen ist. „Ich hab‘ im See schwimmen gelernt, meine Kinder sind am Mili (Bregenzer Militärbad) großgeworden. Der See ist ein wichtiger Teil meines Lebens und auch nicht wegzudenken.“ In „Tief“ bricht sie mit dieser Idylle. „Ich bin eigentlich ein sehr lebenszugewandter und optimistischer Mensch, und ich hab‘ keine Ahnung, was in mir lauert, dass mir die grausigen Kapitel beim Schreiben viel leichter fallen.“ Diese düsteren Kapitel entstehen dann in der Nacht, während sie für die Geschichte des Kommissars Tageslicht braucht. Momentan arbeitet Moser bereits an ihrem dritten Buch, das aber kein Krimi werden soll. „Es geht ums Altwerden und ist für meine Verhältnisse ein sehr sanftes Buch.“
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR April 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Lesung: 9.4., 19.30 Uhr, Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz
Rebekka Moser: Tief. Emons Verlag, Köln 2026, 320 Seiten, ISBN 978-3-7408-2849-3, € 14,40