Twangmen – Spannender Progressive-Rock in beeindruckendem Konzert
Die Vorarlberger Instrumental-Band beim „Heimspiel“ im vogelfreiRAUM in Rankweil
Darius Grimmel ·
Mär 2026 · Musik
„Twangmen betonieren verträumt und zertrümmern mit Liebe“. Wer wird bei einem solchen Satz im Pressetext nicht neugierig? Wie treffend im positiven Sinne diese Formulierung für Twangmen ist, hat die instrumentale Vorarlberger Progressive-Rock-Gruppe bei ihrem „Heimspiel-Konzert“ im vogelfreiRAUM Rankweil gezeigt.
Hochkomplexe Strukturen, Arrangements und Rhythmen
Bereits der Opener „Bluetopia“ hat es in sich: Nach einem Intro, das ein wenig an 2000er Stoner-Rock erinnert, erfolgt ein abrupter Szenenwechsel zum typischen 70er Progressive-Rock-Sound inklusive obligatorischer Hammond-Orgel. Kurz darauf wird das Zepter an Daniel Seeger am Bass übergeben, der seine lebendigen, rhythmisch akzentuierten Kurzthemen in stetiger Wiederholung anlaufen lässt, bevor der Rest der Band das Klangbild komplettiert. Schnell wird klar: Die Arrangements, Songstrukturen und Rhythmen sind hochkomplex und von den Bandmitgliedern akribisch einstudiert worden. Immer wieder finden sich zwei oder mehr Instrumente, um im Unisonospiel ein neues Thema zu etablieren.
Im ersten Stück übernehmen dies Cellist Fabian Jäger und Keyboarder Gunnar Giesinger, deren konzertierendes Wechselspiel über einem faszinierenden rhythmischen Grundgerüst stattfindet, das ungewöhnliche Betonungen im 4/4-Takt plötzlich zu einem völlig neuen Grundpuls umdeutet. Zuletzt schließt sich der Kreis mit einem epischen Übergang zurück zum 70er Prog-Rock-Thema des Beginns, zusätzlich re-harmonisiert durch Bass und Keyboard. Was für ein Statement zur Konzerteröffnung!
Überlaut, aber trotzdem musikalisch differenziert
Während die zweite Nummer des Abends etwas ruhiger beginnt, bilden sich doch schnell Kernmerkmale von Twangmen heraus, die sich durchs ganze Set ziehen. Von Schlagzeuger Florian Frick abgesehen, verfremden die Musiker ihre Instrumente durch mehr oder weniger extreme Effekte. In den allermeisten Fällen bereichern diese die Soundpalette und bis auf den hier und da sehr schrillen Gitarrenklang fügen sie sich gut ein, doch stellenweise wäre weniger mehr gewesen und hätte die Mehrdimensionalität der Stücke nicht verwässert. Überhaupt muss gesagt werden, dass die Balance der Instrumente im Verlauf des Konzertes zwar besser wurde, aber die Gesamtlautstärke für eine solch kleine Location wie den vogelfreiRAUM vollkommen unangemessen war.
Auf musikalischer Ebene punktet Twangmen nämlich unter anderem durch besondere Dynamik. Im dritten Stück des Abends bleibt der Rest der Band nach einem kollektiven Decrescendo eine ganze Weile leise, während der Bass allein eine große dynamische Steigerung zeigt, bevor die Begleitung wieder in Gänze einsteigt. Ebenso reizvoll ist auch der Schluss der Nummer: Während sich die Band nach vielschichtigen, rauschartigen Eskapaden in einem Unisono-Ostinato zusammenfindet und beständig leiser wird, eröffnet Gunnar Giesinger mit herrlich kitschigen Keyboard-Streichersounds eine Parallelwelt. Dadurch entsteht eine wunderbare, einzigartige Stimmung, wie wenn der Abspann eines ereignisreichen Filmes in eine Post-Credit-Szene überblendet.
Motivisch geprägte Kompositionen mit weiten dramatischen Spannungsbögen
Zudem kommt es immer wieder vor, dass ein Musiker die hektische „Bildfläche“ zunächst mit einem kleinen Element, fast nur einer Klangfarbe betritt, wie in einem Song das Cello mit dezenten Nachschlägen, die im Verlauf von den anderen Instrumenten organisch übernommen werden und sich schließlich zum prägenden und treibenden Element des nächsten Songabschnitts entwickeln. Dies zeugt vom stark motivisch geprägten Kompositionsstil von Twangmen. Überhaupt muss Fabian Jägers klanglicher Beitrag hervorgehoben werden, dessen geschmackvolle Effekte und maßvolle Einwürfe gezupft wie gestrichen Twangmen bestens zu Gesicht stehen. Ein besonderer Genuss ist ein von ihm fast allein mit Looper gestaltetes Intro, das durch die in reichlich Hall getränkten Melodien und Klangschichten eine willkommene Abwechslung zum massiven Bandsound darstellen.
Eine weitere Stelle später im Set bleibt ebenfalls im Gedächtnis. Wie bereits öfter zuvor stellt Daniel Seeger mit seinem herrlich drahtigen Bassklang, der zugleich spiegelglatt und konturenstark klingt, ein pentatonisch geprägtes Ostinato in ungeraden Taktarten vor, das durch prägnante Drums einen infektiösen Groove entwickelt. Der sich stetig steigernde Teppich wird zuletzt von einer wunderbar weit gesponnenen Melodie des Gitarristen Martin Mayer veredelt. Nach dem darauffolgenden Keyboardsolo (die Soli können den ganzen Abend über besonders durch treffendes Sounddesign und dramaturgisch wirkungsvolle Abschlüsse punkten), wird das immer noch pulsierende Ostinato in Bass und Schlagzeug durch einen abrupten Stimmungswechsel der Akkordinstrumente in eine deutlich dunklere Tonalität umgedeutet. Großartig!
Schade, dass gerade die Zugabe den Bogen in der Gesamtwirkung von Polyrhythmik und – in diesem Fall leider etwas ziellos anmutender – Endlossteigerung deutlich überspannt. Zu lange bleibt die Klangwand gleichförmig. Das Gefühl, dass die maximale Energie längst erreicht ist, nimmt der Musik jeglichen Vorwärtsdrang. Dieser Eindruck wird auch dadurch bestärkt, dass das Hauptthema der Nummer zudem etwas sperriger ist als die oftmals rhythmisch komplexen aber melodiös simplen Ostinati. Die Position dieses Stückes in der Setlist mit einer der gradlinigeren Nummern zu tauschen, hätte möglicherweise für einen runderen, schwungvolleren Abschluss dieses erstaunlichen Konzertabends gesorgt. Nichtsdestotrotz applaudierte das Publikum am Ende vollkommen zurecht minutenlang.
Twangmen haben 2021 ein über einstündiges Album eingespielt. „Triskele and Cascades“ ist über ihre Website als Doppel LP und als CD erhältlich: twangmen.jimdosite.com/store/
Reinhören kann man hier: www.youtube.com/watch?v=9Gjk1rkwbmo