Tragikomödie über das Leben
Neuer Roman von Christina Walker: „Verteidigung eines Gartens“
Annette Raschner ·
Sep 2026 · Literatur
Die Vorarlberger Schriftstellerin Christina Walker hat ein Faible für ungewöhnliche Schauplätze und Menschen in schwierigen Lebenssituationen. In ihrem Debütroman „Auto“ erträgt der Vertreter Busch das Herumreisen nicht mehr, kündigt und zieht in seinen alten Mercedes. Vorübergehend wohnungslos, weil von seiner Frau ausquartiert, ist auch der Protagonist in dem Buch „Kleine Schule des Fliegens“, das für den Österreichischen Buchpreis 2023 nominiert war. In Christina Walkers neuem, dritten Roman „Verteidigung eines Gartens“ ist das Setting eine Schrebergartensiedlung, die von drei „Schiffbrüchigen“ bewohnt wird. Eine davon ist Marianne.
„Seit dreizehn Tagen befand sie sich auf dieser Kreuzfahrt durch spätwinterliches Gelände, ausgestattet mit dicken Wolldecken, Zwei-Platten-Rechaud und spärlich beleuchtet von einer Camping-Solarlampe, die seit gestern komplett streikte.“ Am Valentinstag zieht die einstige Bäckersfrau Marianne Roth unter das einzige Dach, das ihr nach dem Tod ihres Mannes Carl geblieben ist. In ein Gartenhaus der Schrebergartensiedlung „Neu-Amerika“, die von Herrn Gregor, dem Obmann des Kleingartenvereins streng kontrolliert wird. Doch obwohl es hier verboten ist, ganzjährig zu wohnen, hausen neben Marianne noch zwei weitere Überlebenskünstler in der Siedlung: Richard, der, seitdem er alle Kontakte und Verpflichtungen abgelegt hat, keinen Nachnamen mehr hat, der die dünnen Wände seiner Hütte mit Büchern insoliert und unter anderem mit selbst gefangenen Aalen handelt; und das fünfzehnjährige Mädchen Diana – eine ebenso kluge wie mutige Rebellin, die, obwohl sie sich Didi nennt, dem Namen der römischen Göttin alle Ehre macht. Sie zieht die Hütte ihrem Zuhause vor, in dem neben ihrer alkoholkranken Mutter Rosa deren gewalttätiger Lover, „Idiot“ Mike, wohnt. Auch Herrn Gregors Psyche ist angeschlagen, seitdem ihn seine Frau ohne Angabe von Gründen verlassen hat und er um sein geliebtes „Neu-Amerika“ bangen muss, welches vermessen und in Bauland umgewidmet werden soll. Diese vier Personen könnten unterschiedlicher gar nicht sein, aber sie stehen einander in der Not bei.
Christina Walker zeichnet sie alle wunderbar fein, vielschichtig und liebevoll. „In einer Regenpause lehnte Herr Gregor seine Leiter ans Dach von Mariannes Hütte. Er kletterte hinauf, um nach dem Leck zu suchen. Es tropfte auch durchs Vordach auf die Ochsenherztomate, die zum Erstaunen des Obmanns trotzdem gut wuchs.“ Mit großer Empathie und stilistischer Eleganz erweckt sie Christina Walker zum Leben. Die in Augsburg lebende Autorin, in ihrem Brotberuf Werbetexterin, lässt ihrem Personal ihr Geheimnis und ihre Würde. „Ich bin niemand, der die Handlung eines Romans vor dem Schreibprozess durchplant. Ich lasse mich von den Figuren durch ihre Geschichten führen“, sagt sie. Es sind Geschichten prall gefüllt mit Leben.
Keine grüne Idylle mit Gartenzwergen
In den ersten beiden Romanen von Christina Walker waren die Protagonisten jeweils männlich, diesmal heißen sie Marianne und Diana alias Didi. Die schon etwas ältere Frau und das jugendliche Mädchen werden eine wichtige Stütze füreinander. Die mit ihren bisherigen Entscheidungen hadernde Marianne bewundert es, wie Didi ihr Leben trotz aller Härten ungemein lässig und – wenn es zum Überleben notwendig ist – auch abseits des gesetzlich Erlaubten meistert. Das Mädchen mit den rot und pink gefärbten Zöpfchen bringt nicht nur Schwung in die Schrebergartenanlage, sondern auch in das Dasein von Marianne, die wegen der Spielsucht ihres Mannes, der sich allem Anschein nach mittels Suizids davongestohlen hat, alles verloren hat: ihren Beruf, ihr Haus, ihre Freunde. „Die Kälte und der Lichtmangel waren auszuhalten, nur, dass niemand mit ihr sprach, setzte ihr zu.“
In ihrer fast dreißigjährigen Ehe war Marianne eine Meisterin der Selbstverleugnung. In der Gartensiedlung wird ihre Resilienz herausgefordert. Der Schauplatz ist keine grüne Idylle mit Gartenzwergen, sondern Zufluchtsstätte und Lost Place in einem. Vor allem aber ist es ein Ort, wo nicht nur fantastische Pflanzen wachsen, sondern auch die Solidarität untereinander blühen kann. „34 Parzellen mit 43 Apfelbäumen, 22 Birnbäumen, der einen oder anderen Zwetschge und Quitte, mit Johannis- und Stachelbeersträuchern, mit lebenden Hecken, Hibiskus, Bauernjasmin und Herrn Gregors echten englischen Teerosen.“ Christina Walker hat offenbar ein erstaunliches Wissen um die Geheimnisse der Flora und Fauna. Die sich immer wieder aufbäumende Natur steht sinnbildlich für den Überlebenskampf der Figuren, denen die Autorin auch diesmal wieder Einiges abverlangt.
Raus aus der Komfortzone!
„Schauplätze inspirieren mich zu meinen Geschichten“, sagt Christina Walker. „Damit fängt es an. Andere haben zuerst eine Figur oder ein Thema. Bei mir ist es ein spezielles Setting, das ich mit meinen Figuren besiedele. Diese Figuren nehme ich aus ihrer Komfortzone heraus. Ich treibe sie zum Äußersten, um sie mit der Frage zu konfrontieren, was im Leben wirklich zählt.“ Die Schrebergartensiedlung erweist sich als Schutzraum. Im Kontakt mit dem „Außen“ erleiden die Figuren Schlimmes: Gewalt, Missbrauch, Abwertung und Ungerechtigkeit. Am meisten bekommt die Jüngste ab. „Der kräftige Tritt in die Kniekehle, den sie nicht kommen sah, traf ihr gesundes Bein. Den anderen Fuß belastete sie kaum. Der Knöchel tat noch weh. Das Mädchen, das den Namen einer Göttin trägt, der Jägerin, der Beschützerin der Frauen und Mädchen, konnte sich diesmal selbst nicht schützen. Sie war die Beute. Sie ging sofort zu Boden.“
Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die trotz der vielen Niederlagen nach wie vor an den Konjunktiv und die Zukunft glaubt, folgt Didi den Regeln des Indikativs. Sie zieht ihre Schlüsse und steht wieder auf.
Neben den Menschen spielen auch in Christina Walkers drittem Roman die Tiere eine zentrale Rolle. Im ersten waren es die Ameisen, im zweiten die Krähen, nun sind es die so unfassbar widerstandsfähigen Aale. Sie habe ein Faible für Tiere, die die meisten nicht so mögen, schmunzelt Christina Walker. „In diesem Buch stehen sie für das, was meine Figuren durchmachen müssen. Sie alle streben nach Freiheit und Unabhängigkeit, müssen aber dafür viel durchmachen.“ Doch der Kampf lohnt sich. So gesehen ist „Verteidigung eines Gartens“ auch ein Buch, das Hoffnung spendet. Und es ist ein literarisches Juwel, das seinen Zauber und seine Sogwirkung nicht sofort, sondern allmählich, aber unaufhaltsam entfaltet.
Annette Raschner ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg.
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR September 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Christina Walker: Verteidigung eines Gartens, Residenz Verlag, Wien 2026, Hardcover, 296 Seiten, ISBN 978-3701718283, € 26,95
Lesungen in Vorarlberg:
29.9., 19.30 Uhr, Theater Kosmos, Bregenz
2.10., 19.30 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
7.11., 15-23 Uhr, Festival texte & töne, ORF Funkhaus Dornbirn
20.11., 19.30 Uhr, Kulturcafé Hafner, Hard