Total abgefahren II: „Spem in Alium“
Eine Konzertinstallation der Montforter Zwischentöne im Feldkircher Dom
Michael Löbl ·
Nov 2025 · Musik
Was an dieser Stelle bereits mehrfach betont wurde, nämlich dass die Montforter Zwischentöne die unbestrittene Nummer Eins sind, wenn es um innovative, neue Konzertformate handelt, wurde am Samstag wiederum eindrücklich bewiesen. Im Rahmen der Konzertinstallation „Spem in Alium“ im Dom St. Nikolaus in Feldkirch konnte man acht Stunden lang die Realisierung eines 40-stimmigen Chorwerkes miterleben.
A-cappella-Chormusik aus der Zeit der Renaissance gehört hierzulande nicht gerade zum musikalischen Mainstream. Nun gab es aber sogar zwei Aufführungen mit Werken aus dieser Epoche innerhalb einer Woche: Zunächst die „Missa Papae Marcelli“ von Giovanni Palestrina mit dem Kammerchor Vocale Neuburg unter Oskar Egle in Götzis, eine Woche später nun „Spem in Alium“ von Thomas Tallis bei den Montforter Zwischentönen.
Komplexe Chorstruktur
Allerdings wurde dieses Werk nicht einfach aufgeführt – wobei „einfach“ angesichts der Komplexität der Komposition ohnehin das falsche Wort wäre – sondern in einem achtstündigen Prozess erarbeitet. „Spem in Alium“ ist eine vierzigstimmige Motette des englischen Komponisten Thomas Tallis, die er um 1570 für acht Chöre zu je fünf Stimmen a cappella komponiert hat. Über die Entstehung dieses außergewöhnlichen Werkes ist nichts Genaues bekannt, möglicherweise wurde es zum vierzigsten Geburtstag von Königin Elisabeth I. im Jahr 1573 uraufgeführt. In Konzerten ist es äußerst selten zu hören, da man für eine Aufführung mindestens vierzig stimmlich homogene, nervenstarke und intonationssichere Sänger:innen braucht und dazu noch eine akustisch geeignete Kirche, die alle Stimmen plastisch hervortreten lässt und dennoch das für a-cappella-Chormusik notwendige Raumgefühl ermöglicht.
Ein Renaissance-Puzzle
Zwei Sänger, der Schweizer Countertenor Terry Wey und der aus der Steiermark stammende Bass Ulfried Staber, haben gemeinsam mit dem Tonmeister Markus Wallner (ja, er heißt wirklich so!) unter dem Namen „Multiple Voices“ ein System entwickelt, mit dem man „Spem in Alium“ mit nur zwei Stimmen in einer Kombination aus Livegesang und Loops realisieren kann. Die vierzig Stimmen werden von den beiden Sängern einzeln nacheinander gesungen, vom in der Kirche platzierten Klangregisseur mitgeschnitten und für jeden weiteren Durchgang live zugespielt. Aus den 16 um das Publikum herum platzierten Lautsprechern erklingt schließlich eine Stimme nach der anderen im Kirchenraum. Ein musikalisches Experiment, das – trotz seines waghalsigen Konzeptes – bereits in mehreren Aufführungen gut funktioniert hat.
Die Konzertinstallation besteht darin, das Publikum an diesem Prozess teilhaben zu lassen. Das Stück dauert nur zehn Minuten, alle 40 Stimmen einzusingen allerdings knapp sieben Stunden. Und genau das konnte man – niederschwellig, nämlich bei freiem Eintritt – im Feldkircher Dom am Samstag von 14 bis 22 Uhr miterleben. Kommen und gehen sowie sich im Kirchenraum zu bewegen war nicht nur möglich, sondern ausdrücklich erwünscht.
Work in Progress
Um 14 Uhr begann alles recht unspektakulär. Vereinzelt haben sich Zuhörer:innen eingefunden, die ersten Stimmen wurden gesungen und aufgenommen. Das Ganze hatte noch den Charakter einer Probe oder eines Workshops. Mittels eines ausgeklügelten Systems haben „Multiple Voices“ die Reihenfolge der Stimmen so umgestellt, dass nicht minutenlange Pausen entstehen und das musikalische Puzzle für die Zuhörer:innen nachvollziehbar wird.
Um 18 Uhr war dann bereits die Hälfte der vierzig Stimmen aufgenommen und der Gesamtklang hatte in den vergangenen vier Stunden erkennbar an Volumen zugelegt. Die Zuhörer:innen wurden Zeugen eines Work in Progress. Aber mittlerweile offenbarte sich auch ein Manko des Konzeptes. Der Live-Charakter ist in den Hintergrund getreten und wurde in Richtung Aufnahme verschoben. Der Gesang von „Multiple Voices“ war zwar noch sicht- aber nicht mehr hörbar, da er vollkommen mit den mittlerweile 20 eingesungenen Stimmen, die über die im Kirchenraum platzierten Boxen wiedergegeben wurden, verschmolzen ist. Das Publikum hörte also in erster Linie eine Einspielung und weniger eine Live-Performance. Aber so ist nun mal das Setting konzipiert.
Eindrückliches Erlebnis
Beim großen Finale um 21.30 Uhr, als die letzten der 40 Stimmen aufgenommen waren, verstärkte sich dieser Eindruck. Nach der Einspielung der Stimmen 39 und 40 wurde dem Publikum gemeinsam mit den beiden Sängern die Aufnahme präsentiert, die in den letzten acht Stunden entstanden war.
Die Idee und das Gesamtkonzept sind zweifellos ungewöhnlich, stimmig und gut durchdacht. Die Leistung der beiden Sänger sowie der Klangregie ist absolut bewundernswert und nach einem Blick in die riesige Partitur noch faszinierender. Von der romantischen Vorstellung eines achtstündigen ununterbrochenen vokalen Crescendos mit einem Finale im Klangrausch, bei dem fast die Kirchendecke abhebt, davon musste man sich allerdings verabschieden. Dennoch war „Spem in Alium“ für alle, die dabei waren, ein eindrückliches Erlebnis.
https://www.montforterzwischentoene.at/
https://www.speminalium.at/