Thomas Strønen Time Is A Blind Guide: Off Stillness Peter Füssl · Jän 2026 · CD-Tipp
Das akustische Band-Projekt Time Is A Blind Guide des vielbeschäftigten norwegischen Drummers, Perkussionisten und Komponisten Thomas Strønen liefert nun – nach dem selbstbetitelten Debütalbum (2015) und „Lucus“ (2018) – zum dritten Mal ein akkurates Gegenmittel zur leicht konsumierbaren, plakativen akustischen Dauerberieselungs-Welt, die nur den Zweck erfüllt, die für viele nicht mehr aushaltbare Stille zu vermeiden. „Off Stillness“ erfordert einen ruhigen Ort, reichlich zur Verfügung stehende Zeit und ein hohes Maß an Konzentration, um in den vollen Genuss der sensiblen Interaktionen, der klanglichen Feinheiten und des reizvoll miteinander verzahnten Gefüges aus Komposition und Improvisation zu kommen. Es lohnt sich!
„Bei diesem Ensemble geht es eher darum, etwas wegzunehmen als etwas hinzuzufügen. Eines der wichtigsten Werkzeuge ist der Raum. Es gibt einen großen Dynamikbereich; es kann sehr leise sein und dann plötzlich sehr laut; die Dinge mögen unerwartet scheinen, aber ich möchte glauben, dass sie auch kohärent sind und mit den natürlichen Impulsen in unserem täglichen Leben verbunden sind“, erklärt der stets zurückhaltend agierende, aber stets die maßgeblichen Impulse aussendende Bandleader. Mit der jungen japanischen Pianistin Ayumi Tanaka, die nach dem ersten Album Kit Downes ersetzte und mit der er mittlerweile auch das Trio-Album „Bayou“ mit Marthe Lea (2021) aufgenommen hat, verbindet ihn ein blindes Einverständnis. Manchmal bilden sie eine Art Counterpart zu den drei Streichern Håkon Aase an der Violine, Leo Svensson Sander am Cello (er ersetzt Lucy Railton) und Ole Morten Vågan am Kontrabass, meistens gehen sie aber zu fünft auf musikalische Entdeckungsreise. Etwa gleich beim Opener „Memories of Paul“ – eine doppelte Hommage an Bley und Motian – entwickeln sich im Dialog von Piano und Schlagzeug eigentümliche Spannungsbögen, die von den Streichern mit kleinen Glanzlichtern umrahmt werden.
Auch der Closer „In Awe of Stillness“ ist eine Hommage, nämlich an den einflussreichen, ebenfalls ECM verbundenen, norwegischen Pianisten Jon Balke, der in der zweiten Hälfte der 80-iger Jahre den damals 15-jährigen Strønen bei seinem „ersten echten Jazzkonzert-Besuch“ mit der Formation Oslo 13 nachhaltig beeindruckte: „Ihre Musik aus dem Album ‚Off Balance‘ veränderte meine Sichtweise auf Musik im Allgemeinen und das Schlagzeugspielen im Besondern“. Dementsprechend entwickelt sich das Stück – eindrucksvoll die ganze dynamische Bandbreite ausnützend – von suchenden Sounderkundungen über einen kraftvoll polternden Mittelteil zu einer lebhaften, von Håkon Aases Geigenmelodie gekrönten Gruppen-Performance. In „Season“ schält sich aus einer leichtfüßigen Zupforgie eine verträumte Folk-Melodie in Form eines Geige-Cello-Dialoges heraus, während im gedankenverlorenen „Fall“ Rhythmus- und Melodiefragmente mäandern und auch die Stille ihren besonderen Raum erhält. „Tuesday“ ist durch einen wundervoll lyrischen Dialog zwischen Violine und Piano geprägt. In „Cubism“ entwickelt sich der Mix aus gedämpften Drums und Vågans voluminösem Kontrabass zu einer spannungsgeladenen rhythmischen Struktur. Das darauffolgende „Dismissed“ hingegen entzieht sich jeglicher Konvention und wird zum musikalischen Experimentierfeld, zu einer eindrucksvollen Ansammlung amorpher, geräuschhafter, klangfarbenverliebter, lyrischer und dramatischer Ideen, die einen wundervollen Soundtrack für einen experimentellen Kurzfilm abgäben. Dieses auf unaufdringliche Weise mit einer Unmenge an Details gespickte Album mag anfangs vielleicht nicht für jede:n so leicht zugänglich sein, aber mit jedem Hördurchgang erschließen sich neue reizvolle Aspekte – ein potentielles Langzeitvergnügen für all jene, die musikalisch Herauforderndem gerne auf den Grund gehen wollen.
(ECM/Universal)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.