Theo Croker & Sullivan Fortner: Play Peter Füssl · Dez 2025 · CD-Tipp
„Forget the boxes. Forget the compositions. Forget the market. Forget if people will get it. Forget everything. Let’s just PLAY.“ Mit diesen sechs, an sie selbst gerichteten, knapp gehaltenen Aufforderungssätzen auf der Albumhülle verraten der Trompeter Theo Croker und der Pianist Sullivan Fortner den konzeptionellen Hintergrund (Kein Konzept!) für und die ideologische Herangehensweise (Pfeife auf Marketingstrategien!) an ihre erste gemeinsame Duo-Produktion. Beide Ende dreißig, Anfang vierzig, beide dick im Geschäft.
Theo Croker stammt aus Florida und ist ein Enkel des legendären Doc Cheatham und Meisterschüler von Donald Byrd. Er ist Musical Director bei Dee Dee Bridgewater und erkundete auf mehreren seiner aufsehenerregenden eigenen Alben mit unterschiedlichsten Formationen Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Black Music zwischen Jazz, Blues, Hip-Hop und Afrofuturismus. Pianist/Keyboarder Sullivan Fortner wurde von klein auf vom reichhaltigen Musikleben seiner Heimat New Orleans geprägt, studierte bei Jason Moran und Fred Hersch und zählt als Protagonist in Projekten von Roy Hargrove, Cécile McLorin Salvant und zwei Dutzend weiterer US-Größen zu den meistbeschäftigten Tastenkünstlern seiner Generation. Die beiden trafen sich im Juni 2023 im The Bunker Studio in Brooklyn und nahmen eine Reihe moderner Jazz-Standards und populärer Songs auf, was bei beiden das schale Gefühl hinterließ, sie hätten gerade ein paar Fingerübungen hinter sich gebracht, und nichts realisiert, was ihnen selber unter die Haut ginge. Also verwarf man den ursprünglichen Plan und startete nochmals ganz von vorne, so Theo Croker: „Wir kamen einfach mit spontanen kleinen Ideen: Dieses Stück spielen wir schnell. Für dieses Stück wählen wir vier Noten, die wir NICHT spielen werden. Bei diesem Stück spiele ich lange Töne, du spielst schnelle. Ich denke mir eine Melodie aus und wir sehen, wohin es führt. Und in einer Stunde waren wir fertig.“
So wird das Album mit der wunderschönen, stimmungsvollen Croker-Komposition "A Prayer for Peace“ eröffnet, und darauf folgen 13 spontan improvisierte Stücke, die nicht nur die perfekt passende Chemie zwischen den beiden Musikern, sondern auch deren gemeinsame Geschichte widerspiegeln – die beiden kennen sich nämlich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit am Oberlin College in Ohio vor mehr als 20 Jahren. „Es fühlte sich einfach richtig an: das sind wirklich wir. Der komplett freie Ansatz zog uns auf eine sehr spirituelle und inspirierende Art an und brachte vieles hervor, was wir gemeinsam gelernt haben. Es ist wirklich die Essenz aller unserer individuellen Einflüsse und unserer gemeinsamen musikalischen Beziehung“, resümiert Sullivan Fortner zufrieden. Auf ihrem musikalischen Spaziergang durch die Jazz-Geschichte spannen sie einen weiten Bogen zwischen Tradition und Avantgarde, schöpfen aus dem Blues, präsentieren auf rasante Weise gewagte Ideen, schalten mit Mini-Soundtracks das Kopfkino bei den Zuhörer:innen an, schaffen mit Meditationen emotionale Ruheinseln, changieren gekonnt zwischen leiser Intimität, aufbrausender Lebendigkeit und hymnischer Freude – sie nutzen auf jegliche erdenkliche Weise die Freiheit der Interaktion. „This is just two brothers playing“, stapelt Fortner tief. Aber dass all das nicht nur einen bunten Fleckerlteppich aus 14 interessanten musikalischen Ideen ergibt, sondern ein durch und durch stimmiges Chamber-Jazz-Album, ist nochmals eine ganz besondere Leistung.
(ACT)