Theater, das neugierig macht
Luaga & Losna – 38. Internationales Theaterfestival für ein junges Publikum
Martina Nachbaur · Jun 2026 · Kinder

Was ist eine Grenze? Kann ein Roboter mein Freund werden? Haben Tiere auch eine Nationalität? Mit Fragen wie diesen eröffnet das Stück „Only Flowers“ die 38. Ausgabe von Luaga & Losna – und zeigt, wie ernsthaft, poetisch und gegenwärtig Theater für junges Publikum sein kann.

Seit fast vier Jahrzehnten bringt Österreichs ältestes Kinder- und Jugendtheaterfestival internationale Produktionen nach Vorarlberg. Unter der Leitung von Johannes Rausch, gemeinsam mit Kuratorin Sabine Wöllgens und Organisatorin Agnes Mair entsteht jedes Jahr ein Programm, das Theater nicht nur zeigt, sondern auch diskutiert, weiterdenkt und zum Austausch anregt. 
Vom 16. bis 20. Juni eröffnet Luaga & Losna seinen ersten Festivalteil in Nenzing mit internationalen Produktionen, heuer unter anderem aus Belgien, Frankreich, Slowenien und der Schweiz. Während in Nenzing vor allem Theater und Literatur miteinander in Dialog treten, richtet Feldkirch im zweiten Teil im September den Blick stärker auf die Begegnung zwischen Theater und bildender Kunst.

Internationale Perspektiven auf Kindheit

Mit seiner 38. Ausgabe zeigt sich Luaga & Losna heuer auch visuell in neuer Gestalt. „Das neue Erscheinungsbild aus der Agentur Zeughaus Design spricht Kinder direkter an und soll zugleich Lehrpersonen, Kindergarten-Pädagog:innen und Erwachsene neugierig machen, die internationales Theater für junges Publikum bislang vielleicht noch nicht für sich entdeckt haben“, freut sich Agnes Mair. Gerade die internationalen Produktionen machen dabei einen besonderen Reiz des Festivals aus. „Erwachsene trauen sich oft nicht ohne Kinder in junges Theater – was eigentlich sehr schade ist“, findet Mair. Unterschiedliche Ästhetiken, Bilder und Erzählweisen eröffnen neue Perspektiven auf Kindheit und die Rolle von Kindern in unserer Gesellschaft – manchmal leise, manchmal verspielt und oft überraschend direkt. Besonders spannend werde es dort, wo Sprache in den Hintergrund trete: „Sobald Theater aus nicht deutschsprachigen Ländern kommt, erleben wir Formen des Erzählens, die Kinder nicht aufgrund von Sprachkenntnissen ausschließen.“ 

Vielfältiges Programm eröffnet neue Welten  

Die großen Fragen aus dem Eröffnungsstück „Only Flowers“ könnten beinahe als Motto über dem gesamten Festival stehen. Denn auch im diesjährigen Programm geht es weniger um fertige Antworten als um Neugier, Vorstellungskraft und neue Perspektiven auf die Welt.
Ausgangspunkt von „Only Flowers“ (ab 8 J.) der belgischen Theatergruppe Agora sind hunderte Fragen, die Kinder in unterschiedlichen Sprachen gestellt haben: Haben Tiere auch eine Nationalität? Kann ein Roboter mein Freund werden? Lässt sich alles erklären? Fragen, die zunächst einfach wirken und beim zweiten Nachdenken erstaunlich groß werden. Die Performance antwortet darauf musikalisch, visuell und tänzerisch – und eröffnet Denk- und Imaginationsräume jenseits der Sprache.
Auch „Hippocampe“ (ab 3 J.) der französischen Compagnie des Bestioles vertraut ganz auf die Kraft der Vorstellung. Aus 900 Würfeln, sechs Holzstäben und drei Performer:innen entstehen Städte, Landschaften und Fantasiewelten, die sich ständig verändern. Was eben noch wie ein Turm aussah, wird plötzlich zur Unterwasserwelt oder zu einer Reise durch ferne Galaxien. Das Stück arbeitet weniger mit Handlung als mit Bildern – und mit jener Offenheit, mit der Kinder die Welt betrachten.
Zu den wiederkehrenden Gästen des Festivals gehören Die Exen aus Deutschland, deren Figurentheater präzise Beobachtung mit Humor und feinen bissigen Zwischentönen verbindet. Gemeinsam mit dem österreichischen Spring String Quartet widmen sie sich heuer in „Der merkwürdige Herr Bruckner“ (für Erwachsene und Kinder ab 10 J.) dem Komponisten Anton Bruckner – eigensinnig, musikalisch und überraschend leichtfüßig. Für kleine Besucher:innen bringen Die Exen außerdem „Kaputt“ (ab 3 J.) auf die Bühne: ein Stück über Missgeschicke, Scherben und alltägliches Chaos – über alles, was herunterfallen, reißen oder zerbrechen – eben kaputtgehen kann.


 

 



Auch die weiteren Produktionen kreisen um Fantasie, Erinnerung und Verwandlung. In „Kto tam? – Wer ist da?“ (ab 6 J.) der Schweizer Domovoi Theatre Company versucht ein verlassener Hausgeist aus den Resten der Vergangenheit wieder Geborgenheit entstehen zu lassen. Die slowenische Produktion „Klangküche“ (ab 5 J.) wiederum verwandelt eine Küche in ein musikalisches Experimentierfeld, in dem Klänge gekocht, gehört und beinahe greifbar werden.
So unterschiedlich die Produktionen auch sind, verbindet sie doch eine gemeinsame Offenheit: die Lust, Fragen zu stellen, Wirklichkeiten zu verschieben und die Welt für einen Moment anders zu betrachten. 

Theater entsteht nicht erst auf der Bühne

Besonders deutlich zeigt sich die Offenheit des Festivals bei der inzwischen 31. Dramatiker:innen-Börse, die Luaga & Losna seit Jahren begleitet. Autor:innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum kommen dafür nach Nenzing, stellen ihre Texte in öffentlichen Lesungen vor und diskutieren sie gemeinsam mit Theaterpraktiker:innen und Publikum. Die täglichen Lesungen und Textbesprechungen machen die Börse dabei weniger zu einer klassischen Fachveranstaltung als zu einem offenen Arbeits- und Denkraum rund um zeitgenössisches Theater für junges Publikum. 
Moderiert wird die Dramatiker:innen-Börse von Agnes Mair, die gerade diesen direkten Dialog als besonderen Bestandteil des Festivals beschreibt. Für Schreibende entstehe hier ein Netzwerk innerhalb der Szene, begleitet von Rückmeldungen zur eigenen Arbeit und einem Austausch, der unterschiedliche Ebenen des Theaters zusammenführt: Text, Inszenierung, Produktion und Publikum. 
Ein zentraler Bestandteil des Festivals sind daneben auch die täglichen Publikumsgespräche mit den internationalen Theatergruppen. Sie finden während des Festivals meist jeweils um 20 Uhr statt und ermöglichen Einblicke in Arbeitsweisen, Produktionsbedingungen und die Entstehungsgeschichte der gezeigten Produktionen. Die Gespräche zu „Der merkwürdige Herr Bruckner“ sowie „Kaputt“ schließen direkt an die jeweiligen Vorstellungen an.
Gerade durch diese Offenheit entsteht jene besondere Atmosphäre, für die Luaga & Losna seit Jahren bekannt ist. Künstler:innen, Autor:innen und Publikum begegnen einander nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch bei Gesprächen, Lesungen oder dazwischen. Der Name Luaga & Losna bringt diese Haltung bis heute treffend auf den Punkt: (zu)schauen und (zu)hören – offen zu bleiben für andere Perspektiven und neue Erzählweisen.

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Luaga & Losna
16.–20.6.26
Nenzing

www.luagalosna.at

 

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