Theater als Ort der Demokratie
Sapere aude! – Der letzte Spielplan von Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg im Theater Kosmos
Martina Nachbaur · Jän 2026 · Theater

Mit dem Motto „Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ präsentieren Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg 2026 ihren letzten Spielplan als künstlerische Leiter des Theater Kosmos. Dieser setzt auf gesellschaftspolitische Themen und versteht Theater als Ort des Diskurses.

Das Theater Kosmos versteht Kunst als Beitrag zur demokratischen Kultur und als Möglichkeit, gesellschaftliche Themen aufzugreifen und öffentlich zu verhandeln. In diesem Zusammenhang verweist das Haus auf Initiativen zur Förderung kultureller Teilhabe. Dazu zählt das Projekt „Hunger auf Kunst und Kultur“, das in Vorarlberg vom Theater Kosmos gemeinsam mit der Armutskonferenz organisiert wird und Menschen mit geringem Einkommen den Zugang zu kulturellen Angeboten ermöglicht.
Das Theater positioniert sich damit als Ort für Austausch, Reflexion und öffentliche Diskussion. Der Spielplan 2026 knüpft an dieses Selbstverständnis an und formuliert den Anspruch, Theater als Raum für gesellschaftliche Auseinandersetzung zu begreifen.

Persönliche Geschichten als Spiegel gesellschaftlicher Fragen

Der Spielplan 2026 setzt auf zeitgenössische Dramatik sowie Bearbeitungen klassischer Stoffe. Im Zentrum stehen Themen wie gesellschaftliche Verantwortung, zwischenmenschliche Beziehungen, Machtverhältnisse und individuelle Entscheidungsprozesse.
Den Auftakt bildet die Uraufführung „Halten, Bleiben, Leben – Fragmente einer Liebe“ von Bernhard Studlar. Das Stück nähert sich auf poetische Weise den Themen Nähe, Zeit und Verletzlichkeit gemeinsamer Erinnerungen. Ausgangspunkt ist eine Bushaltestelle – hier beginnt die Geschichte zweier Menschen, deren Beziehung sich über Jahrzehnte spannt. Das Stück folgt ihnen vom ersten Kennenlernen über die Jahre des Zusammenlebens bis in die letzte Lebensphase und springt dabei präzise zwischen Zeiten und Erinnerungen. Drei Schauspielpaare verkörpern dieselben Figuren in unterschiedlichen Lebensaltern und machen sichtbar, wie Liebe sich verändert, vertieft, infrage stellt und neu behauptet. Entstanden ist so ein poetisches Mosaik über Nähe, Vergänglichkeit und die große, fragile Bewegung eines gemeinsamen Lebens.
Auch „Kleine Eheverbrechen“ von Éric-Emmanuel Schmitt setzt bei Beziehung an, hier an einer Beziehung deren Fundament ins Wanken gerät. Gilles ist nach einem Unfall ohne Erinnerung, seine Frau Lisa erzählt ihm ihre gemeinsame Vergangenheit. Doch je genauer er zuhört, desto unsicherer wird, ob Wahrheit und Erzählung tatsächlich übereinstimmen. Schmitt entfaltet daraus ein raffiniertes Vexierspiel, in dem sich Macht, Wahrheit und Erinnerung immer wieder neu verschieben.
Natalie Baudys „under the influence“, ausgezeichnet von der österreichischen Theaterallianz, richtet den Blick auf drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen. Die Frauen, von der Außenwelt abgeschottet, reflektieren im Zustand des Alkoholrausches Erinnerungen zu Beziehung, Liebe und Familie. Ein Stück über Abhängigkeiten und die Suche nach einem Rausch jenseits patriarchaler Strukturen.
Den Abschluss des Theaterhauptprogramms bildet „Macbeth“ von John von Düffel. Seine Fassung konzentriert das Geschehen ebenso konsequent auf das Beziehungsdrama der Eheleute und verdichtet Shakespeares Königsdrama zu einem beklemmenden Kreislauf aus Macht, Gewalt und Wahnsinn. In Kooperation mit dem Theater an der Effingerstraße in Bern entsteht ein hochaktueller Blick auf Manipulation, moralischen Verfall und politische Verführbarkeit.

Junge Perspektiven – Kosmodrom und Kosmolino

Auch im Kosmodrom spielt das Thema Macht eine zentrale Rolle. In der Uraufführung „Männer spielen“ von Anton Fischer wird es aus der Perspektive männlicher Figuren in einer deutschen Provinzstadt betrachtet. Ein Gewehr im Kornfeld wird dabei zum wiederkehrenden Motiv für historische Bezüge, Männlichkeitsbilder und Machtvorstellungen. Das Kosmodrom dient dem Theater Kosmos als Plattform für junge künstlerische Positionen. Seit 2023 liegt die künstlerische Leitung bei Michaela Vogel.
Für Kinder bietet das Kosmolino seit fünf Jahren eigene Produktionen an. Im April feiert „Die Waldmeister“ aus der Feder von Lisa Schnee Premiere – ein Stück über Fantasie und den Zauber des Waldes.

Musik, Wort und Dialog 

Neben dem Schauspielprogramm setzt das Theater Kosmos 2026 auch sein Musikangebot fort. Die Osterkonzerte stehen unter dem Titel „Liebespaare in Mythos und Musik“ und verbinden Literatur und Musik in einer Produktion der Camerata Musica Reno mit Michael Köhlmeier.
Im Sommer folgt Mozarts Oper „Così fan tutte“ mit drei Aufführungen im Juli. Die Gesangspartien übernehmen Mitglieder des Opernstudios der Wiener Staatsoper. Die Zusammenarbeit dient zugleich der Nachwuchsförderung.
Mit Jazzkonzerten im Foyer, Lesungen, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen erweitert das Theater Kosmos sein Programmangebot über den klassischen Spielbetrieb hinaus.

Abschied mit Perspektive 

Der letzte Spielplan von Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg ist als Ausblick auf zukünftige gesellschaftliche Themen konzipiert. Inhaltlich stehen Produktionen im Mittelpunkt, die sich mit Demokratie, gesellschaftlichen Strukturen und individueller Verantwortung befassen.
Das Motto „Sapere aude“ dient dabei als programmatischer Bezugspunkt. Nach Darstellung der künstlerischen Leitung richtet sich dieser Anspruch sowohl an das Theater als Institution als auch an das Publikum. Demokratie wird im Spielplan als Prozess verstanden, der auf kontinuierliche Auseinandersetzung und Reflexion angewiesen ist.

www.theaterkosmos.at

 

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