Symphoniker in Topform
Die Wiener Symphoniker boten einen mitreißenden Abend im Festspielhaus Bregenz.
Michael Löbl ·
Jän 2026 · Musik
Der traditionelle Winter-Besuch des Hausorchesters der Festspiele im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte begeisterte das Publikum im ausverkauften Festspielhaus. Die Wiener Symphoniker waren wie immer zu Jahresbeginn auf Österreich-Tournee und konzertierten in Linz, Salzburg und am Freitagabend in Bregenz. Der aus England stammende Gastdirigent Alexander Soddy überzeugte mit Musik seines Landsmanns Edward Elgar aber auch mit Richard Wagner und Zugaben von Johann Strauss. Mit Violinsolist Augustin Hadelich konnte man einen der Top-Ten-Geiger der internationalen Musikszene erleben.
Das auf den ersten Blick ungewöhnliche Programm mit einem langen ersten und umso kürzeren zweiten Teil erwies sich am Ende als durchaus stimmig. Wagner korrespondierte gut mit Elgar und Sergei Prokofieffs zweites Violinkonzert bot einen klanglichen Kontrast zu den hochromantischen Eckstücken des Abends. Die Wiener Symphoniker ließen sich von der Begeisterung des Dirigenten Alexander Soddy anstecken und verströmten musikalische Energie und Klangsinnlichkeit.
Eröffnet wurde das Konzert mit Richard Wagners Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“. Alexander Soddy zauberte einen langen musikalischen Bogen über das ganze Werk mit gewaltigen Steigerungen und dramatischen Höhepunkten. Das Orchester folgte seinen musikalischen Vorstellungen willig und faszinierte durch intensiven Klang und zahlreiche Soli der Bläser.
Hamburg, Klagenfurt, Mannheim
Der englische Dirigent Alexander Soddy kann auf eine klassische, gut geplante und sehr erfolgreiche Karriere verweisen. Begonnen hat er als Kapellmeister an der Hamburgischen Staatsoper, daraufhin leitete er drei Jahre lang das Stadttheater Klagenfurt, um schließlich sechs sehr erfolgreiche als Jahre Generalmusikdirektor an der Oper Mannheim zu verbringen. In dieser Zeit hat Alexander Soddy ein großes Repertoire nicht nur studiert, sondern auch dirigiert, und das sowohl im Opern- als auch im symphonischen Bereich. Mittlerweile ist der gefragte Musiker mit Hauptwohnsitz in der Nähe von Wien weltweit unterwegs und Stammgast an allen großen Opernhäusern. Nach dem Konzert in Bregenz wurde er mit dem Auto nach Mailand gebracht, wo er am Samstagvormittag eine Orchesterprobe für Wagners „Götterdämmerung“ im Teatro alla Scala leitete.
Der Solist des Abends, Augustin Hadelich, gehört ohne Zweifel zur den Top Ten der internationalen Violinsolisten. Eine Gruppe, in der zur Abwechslung einmal die Herren unterrepräsentiert sind, denn die derzeitige Geigenelite ist eindeutig weiblich. Namen wie Lisa Bathiashvili, Julia Fischer, Hilary Hahn, Vilde Frang, Janine Jansen oder die junge Spanierin María Dueñas dominieren die die internationalen Konzertprogramme. Augustin Hadelich präsentierte sich nicht als Power-Geiger, der mit seinem Turboinstrument die Wände des Festspielhauses zum Wackeln bringt, sondern als feinsinnig – zurückhaltender Musiker, dessen hochmusikalische Gestaltung des zweiten Violinkonzertes von Sergei Prokofieff das Publikum begeisterte. Subtil lotete er die verschiedenen Stimmungen der drei sehr unterschiedlichen Sätze aus und glänzte durch makellose Technik und einen in allen Lagen samtig-eleganten Geigenton. Augustin Hadelich spielt auf der letzten Violine, die der italienische Geigenbaumeister Giuseppe Guarneri del Gesù 1744 gebaut hat. Das legendäre Instrument, bei Fachleuten unter dem Namen „Leduc“ bekannt, gehörte 30 Jahre lang dem berühmten Virtuosen Henryk Szeryng und ist derzeit im Besitz einer internationalen Stiftung. Hadelich bedankte sich beim Publikum mit einer originellen jazzigen Zugabe, dem „Louisiana Blues Strut“ von Coleridge-Taylor Perkinson.
Patriotische Gefühle
Nach der Pause ging es unter anderem um patriotische Gefühle. Der Engländer Alexander Soddy legte sich gewaltig ins Zeug, um seinen Landsmann Edward Elgar im besten Licht erstrahlen zu lassen und bei den Zugaben von Johann Strauss konnte man im Publikum einen starken „We are from Austria“-Effekt wahrnehmen. Edward Elgar ist mit seinen „Enigma-Variationen“ ein wirklicher Wurf gelungen, ein spätromantischer Melodienbogen mit unterschiedlichsten Stimmungen und orchestraler Brillanz. In 14 Variationen hat der Komponist verschiedene Persönlichkeiten aus seinem Familien- und Bekanntenkreis porträtiert. Musikwissenschaftler tüfteln seit der Uraufführung, um herauszufinden, wer denn genau mit welcher Variation gemeint sein könnte, sogar ein Hund wurde bereits identifiziert. Da hat Edward Elgar der Nachwelt wohl einige Rätsel – passend zum Titel „Enigma“ – hinterlassen. Aber eigentlich ist das alles müßig, denn ohne die Personen zu kennen, kann der Zuhörer den Zusammenhang zwischen Elgars Verwandten und Freunden und den jeweiligen musikalischen Entsprechungen ohnehin nicht nachvollziehen. Die Wiener Symphoniker unter Alexander Soddy bereiteten einen orchestralen Teppich und so konnte man einfach Elgars herrliche Musik genießen, seine musikalischen Einfälle, die großartige Instrumentation und natürlich die Variation Neun, „Nimrod“, eine Sternstunde nicht nur der englischen Musikgeschichte und ein Hit des Klassikrepertoires. „Nimrod“ war bereits bei den Olympischen Spielen zu hören, beim Begräbnis von Lady Di, jedes Jahr im Rahmen der „Last Night Of The Proms“ und in unzähligen Arrangements für Vokal- und Instrumentalensembles. Bemerkenswert ist, dass Edward Elgar nach diesem unbestreitbaren Höhepunkt dieses Werkes noch weitere fünf Variationen folgen ließ, ohne dabei den Spannungsbogen zu verlieren. Den Wiener Symphonikern gelang am Freitagabend eine orchestrale Glanzleistung mit zahlreichen erwähnenswerten Einzelleistungen wie dem magisch-entrückten Solo von Reinhard Wieser, einem Musiker, der seit unglaublichen 41 Jahren als Soloklarinettist diesem Orchester angehört. Soviel Kontinuität würde sich die Orchesterleitung vermutlich auch in der Konzertmeister-Abteilung wünschen. Auf der orchestereigenen Homepage sieht es da zappenduster aus. Mit den langjährigen Topstars Anton Sorokow und Dalibor Karvay konnte man sich angeblich nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen und die beiden erst 2024 verpflichteten Konzertmeister aus der Republik Moldau, sind – warum auch immer – auch schon wieder Geschichte.
Als Zugabe haben sich Orchester und Dirigent nicht – wie man vielleicht erwarten könnte – für Elgars bekannten Marsch „Pomp and Circumstance“ entschieden, sondern für die die „Annen-Polka“ und den „Vergnügungszug“ von Johann Strauss. Er ist und bleibt der österreichische Nationalkomponist und da spielt es auch keine Rolle, dass Bregenz 600 km von Wien entfernt ist. Lächelnde Gesichter im Publikum und allgemeiner Jubel nach einem außergewöhnlichen Abend.
www.bregenzermeisterkonzerte.at