Zwischen intimer Träumerei und Ekstase
Das Vincent Peirani „Living Being“ Quintett begeisterte beim Trans4JAZZ-Festival in Ravensburg
Peter Füssl · Nov 2025 · Musik

Jeden Herbst lohnt sich für die Vorarlberger Jazz-Fans ein Blick über die Grenze ins nahe Ravensburg, wo das stets im November stattfindende Trans4JAZZ-Festival ganz spezielle Hörvergnügen bereithält. Auch heuer waren die sieben stilistisch höchst unterschiedlichen Konzerte, mit einer Ausnahme, sehr gut besucht oder überhaupt ausverkauft, wie Thomas Fuchs vom Veranstalterverein Jazztime Ravensburg vor dem vorletzten Programmpunkt der 2025-er Edition zufrieden berichten konnte. Und auch die berauschende musikalische Begegnung mit dem eigentümlicherweise barfuß auftretenden Vincent Peirani und seinem „Living Being“ Quintett ging in der prallgefüllten, mittelalterlichen Zehntscheuer unter stürmischem Applaus über die Bühne.

Living Being im doppelten Sinn

In den intensivsten Momenten – und solche gab es viele – wirkte dieses formidable Quintett aus großartigen Könnern wie ein organisch gewachsener Klangkörper. Kein Wunder, sind doch Akkordeonist Vincent Peirani, Pianist/Keyboarder Tony Paeleman, Bassist Julien Herne und Drummer Yoann Serra miteinander in Nizza aufgewachsen und haben auch den fünften im Bunde, den virtuosen Sopransaxophonisten Emile Parisien, schon 2015 in ihren Freundeskreis integriert. Das auf dieser Tournee präsentierte Album „Living Being IV“ ist tatsächlich erst die dritte Veröffentlichung dieser Band, denn das damals schon weit fortgeschrittene „Living Being III“ wurde wegen der besonders auch für Musiker schmerzhaften Einschränkungen durch die Corona-Pandemie nicht realisiert und der negativen Erinnerungen wegen auch nachträglich nicht mehr fertiggestellt. Die Band-Chemie passte perfekt, und die Spielfreude war unüberhörbar. Manchmal schien aber auch das wohl an die beachtliche Körpergröße Vincent Peiranis angepasste, riesig wirkende Akkordeon mit seinen unzähligen Knöpfen und vielfältigen Registern eine Art Eigenleben als „Living Being“ zu entwickeln. Man denke nur an die allerletzte Zugabe des Abends, die Peirani ganz allein auf der Bühne spielte – eine knapp zehnminütige Solo-Improvisation über den Simon & Garfunkel-Klassiker „The Sound of Silence“, mit beindruckenden De- und Rekonstruktionen, voller Witz und Charme, und trotz aller Experimentierfreude immer mit spürbarem Respekt vor dem Original.

Stilistische Vielfalt, große emotionale Bandbreite

Vincent Peiranis melodische und detailreiche Kompositionen begeisterten mit ihrer stilistischen Vielfalt. In die cleveren, sehr präzisen, an den Stärken der einzelnen Bandmitglieder orientierten Arrangements waren exzellente Soli integriert – zumeist von Peirani und Parisien, die ihre Instrumente in einem Maß und mit einer Selbstverständlichkeit beherrschten, dass sie fast schon wie organische Körperteile wirkten. Bassist Herne und Drummer Serra sind ein bestens aufeinander eingespieltes Gespann, das stets einen perfekten Teppich aus passenden Grooves zu weben verstand – eine ideale Absprungbasis für die Solisten. Tony Paeleman sorgte an Piano und Fender Rhodes gekonnt für den harmonischen Background und überzeugte auch mit einigen Solo-Passagen, die manchmal als Verbindung zwischen den einzelnen Sätzen von Suiten oder als Übergang zwischen den Stücken dienten. Chamber-Jazz, Rock, Pop, Weltmusik, Balkan-Tradition, Alte Musik, Fusion – Vincent Peirani und seine Mitstreiter kannten keine stilistischen Grenzen, die unterschiedlichsten Ingredienzien ergaben aber keinen kunterbunten Mischmasch, sondern vereinten sich zu etwas absolut stimmigem Neuem. Auch innerhalb der einzelnen Stücke wurde man nicht nur von eindrucksvollen dynamischen Entwicklungen überrascht, sondern auch von einer imposanten emotionalen Bandbreite – von seelenvoll Verträumtem bis hin zu mitreißend Ekstatischem. Letzteres war auch rein visuell daran zu erkennen, dass der lässig auf dem Barhocker fläzende Emile Parisien, wie elektrisiert vom Sitzmöbel heruntersprang und im Stehen – leicht tänzelnd und das Bein immer wieder in einer Art zuckender Entladung nach oben reißend – ungemein kraftvolle, mal hypnotisierende wirkende, mal brachial die Trommelfelle attackierende Ton-Kaskaden aus seinem Sopransax fließen ließ.   

„Living Being IV“

Auf dem Programm standen alle Songs des aktuellen Albums, das auch zwei Suiten enthält. Der Konzertabend wurde mit dem Album-Opener „Le Cabinet des Énigmes“ melodisch eingängig und lyrisch verträumt eröffnet, darauf folgte – welch schöner Kontrast – mit dem quicklebendigen, zum Tanzen einladenden „Physical Attraction“ mit seinem Reggae-Feeling eine kleine Hommage an die Dub- und Ballroom-Szene der 1970-er Jahre. Emile Parisien blies hier erstmals voll zur Attacke. „L.L.“ war dem westafrikanischen Jazz- und Fusion-Gitarristen Lionel Loueke gewidmet, mit dem Peirani schon mehrere Projekte realisiert hat. Das Stück entwickelte sich – sich stetig steigernd und voller Tempowechsel – aus einer angenehmen Ruhezone heraus in ein elektrisierendes Kraftpaket, Parisiens hochenergetisches Solo ging wohl auch körperlich an die Grenzen. Auch Paeleman zeigte sich an der Fender Rhodes in Bestform, was gelegentlich aufkeimende Erinnerungen an die Fusion-Musik von Joe Zawinul zusätzlich befeuerte. „Phantom Resonanz“ wurde von einem minutenlangen, lyrisch-einfühlsamen Solo Peiranis eröffnet, das in einen stimmungsvollen Dialog mit Parisien überging, ehe die gesamte Band in einem ruhigen Modus einstieg. Vincent Peirani hat in dieser Komposition die im 16. Jahrhundert verortete, polyphonische Musik des franko-flämischen Komponisten Cipriano de Rore mit dem zukunftsweisenden Piano-Jazz seines Label-Kollegen Michael Wollny fusioniert – solche enormen Zeitsprünge muss man erst einmal auf so stimmige Weise hinkriegen!

„Time Reflections Suite“ und „Bremain Suite“

Nach einer kurzen Pause präsentierte das spielfreudige Quintett auch die zwei Suiten, die auf „Living Being IV“ zu finden sind. Die Suite „Time Reflections“ ist auf dem Album 23 Minuten lang und besteht aus den drei Teilen „Clessidra“, „Better Days“ und „Inner Pulse“. Peirani erklärte auf seine witzige Art, „Clessidra“ heiße übersetzt „Sanduhr“, und er habe den Sand nach Erreichen des Vierzigers buchstäblich durch die Finger rieseln gespürt. „Better Days“ sei während der Corona-Pandemie entstanden, und er habe sich angesichts der Schwierigkeiten damals tatsächlich nur noch nach besseren Tagen gesehnt. Und für „Inner Pulse“ habe er sich mit den inneren Rhythmen, die wir alle in uns tragen, auseinandergesetzt. Jedes der drei Stücke ist wiederum in drei oder vier Abschnitte unterteilt, was das ganze zu einem wohlstrukturierten, ungemein abwechslungsreichen und dennoch in sich absolut stimmigen Hörvergnügen voller rhythmischer, harmonischer und melodischer Raffinessen und atemberaubender dynamischer Entwicklungen werden ließ. Hier trafen klassisch anmutender Kammer-Jazz auf rockige Drums, impressionistische Klangbilder auf zum Tanzen einladende Grooves. In einem langen Solo Vincent Peiranis trat absolute Coolness auf inbrünstige Emotionen und Harmonisches auf dramatische Sturmböen. Im experimentierfreudigsten Stück des Programms entlockte Peirani dem Instrument auch ungewohnte Töne, brachte es zu den Rockrhythmen der krachenden Drums zum Beben. Auch hier kamen Erinnerungen an Zawinuls Fusion-Musik auf. Diese Suite Peiranis hat das Format zum absolut zeitlosen Dauerbrenner.

In der knapp zehnminütigen „Bremain Suite“ frönte Peirani seinem Faible für ausgewählte Cover-Versionen. Im vorliegenden Fall kombinierte er den 1981-er Hit „Under Pressure“, eine Gemeinschaftsarbeit von David Bowie und der Band Queen, mit „Glory Box“ vom legendären 1984-er Trip-Hop-Album „Dummy“ der Band Portishead und dem Lennon/McCartney-Original „I Want You (She’s So Heavy)“. Ein absolutes Meisterstück seiner Arrangierkunst und ein Musterbeispiel für seine Fähigkeit, sich exquisites Fremdmaterial ganz zu eigen zu machen.

... und zwei sehr unterschiedliche Zugaben

Trotz des fortgeschrittenen Abends erklatschte sich das begeisterte Publikum noch zwei Zugaben, und die spielfreudige Crew ließ sich auch nicht lange bitten. „Nach E Vlado“ ist mit seinem mazedonisch inspirierten Balkan-Drive das schnellste Stück des Albums, ein echter Stimmungsmacher, der auch live zum Tanzen einlud, was im vollbesetzten Saal allerdings nicht möglich war – integriert ins mitunter auch orientalisch anmutende Balkan-Setting war übrigens eine Passage mit einem ultracoolen Beat-Rhyhtmus. Dieses rasante Encore schrie dann förmlich noch nach etwas zum Abkühlen der vor Begeisterung erhitzten Gemüter, was schließlich mit der eingangs schon erwähnten „The Sound of Silence“-Improvisation erfüllt wurde. Den Simon&Garfunkel-Hit, der heuer übrigens seinen 60. Geburtstag feiern durfte, ließ Vincent Peirani auf die an diesem musikalisch unglaublich ereignisreichen und soundfarbenreichen Abend einzige mögliche Weise enden – mit leisen Knopf- und Ventilgeräuschen und dem tonlosen Luftstrom im Blasebalg. Großartig - nicht nur die zweite Zugabe, sondern der ganze, geniale Konzertabend!

Konzert-Tipps: Vincent Peirani und Emile Parisien gastieren im Duo-Format am 23.11.25 im Industrie36 in Rorschach. Um das „Living Being“ Quintett live zu hören, muss man auf nächstes Jahr warten und einige Kilometer auf sich nehmen: 23.1.26 Bix Jazzclub Stuttgart, 21.2.26 Bergson München, 24.2.26 Moods Zürich.

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