Spiel, Spannung und Klangfarben
Das PulsArt Ensemble im Feldkircher Pförtnerhaus
Silvia Thurner ·
Apr 2026 · Musik
Das PulsArt Ensemble an der Stella Musikhochschule gibt einmal im Jahr ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Unter der Leitung von Benjamin Lack würdigten die Pianistin Anna Adamik und Studierende des Hauses den 100-jährigen ungarischen Komponisten György Kurtág. Einer Auswahl seiner Klavierstücke „Játékok“ wurden Werke von ebenfalls im Jahr 1926 geborenen, inzwischen verstorbenen Komponisten Friedrich Cerha, Morton Feldman und Hans Werner Henze zur Seite gestellt. Die Werkauswahl bot eine gute Mischung aus innerer Spannung und extrovertierter Kraft, die das PulsArt Ensemble mit viel Esprit hervorkehrte.
György Kurtág komponierte sehr viele Klavierstücke, die er unter dem Titel „Játékok“ (Spiele) versammelt hat. Einesteils handelt es sich um pädagogische Werke, andererseits sind es Miniaturen, die der ungarische Komponist als Aphorismen seines musikalischen Tagebuchs versteht. Anna Adamik präsentierte einleitend acht dieser spielerischen Klavierstücke und kristallisierte deren Wesenskern mit wirkungsvollen Klangbewegungen wie Glissandi über die gesamte Klaviatur hinweg und perlenden Tongirlanden heraus. Sonia Maria Craciun und Nikolaj Kranjc, Studierende aus der Klasse von Anna Adamik, ergänzten sich mit ihrem vierhändigen Vortrag von drei weiteren „Spielen“ von Kurtág in einem mitteilsamen Dialog. Kurtágs Bachbearbeitungen „Alle Menschen müssen sterben“ und „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ musizierten sie in einer gut aufeinander abgestimmten Klangbalance. Weitere „Spiele“ präsentierte Tobias Simon am Klavier mit transparenten Linienführungen, schillernden Klangfarben und nuancierten Tonqualitäten.
Animation – aufgehobener Zeitfluss – Hommage
Hans Werner Henze komponierte die neuen Volkslieder und Hirtengesänge für Fagott, Gitarre und Streichtrio. Als politischer Geist setzte er die Musik bewusst für genau dieses Instrumentarium, die Gitarre als typisches Volksliedinstrument und das Streichtrio als Gattung des Bürgertums, ein. Dem Fagott wies er eine besondere Aufgabe zu, diese Stimme wirkte abschnittweise wie eine Singstimme und stellte sich mit gegenläufigen Linien in Opposition zu den Streichern. Auf diese Weise traten die Musiker:innen in einen vielgestaltigen Dialog miteinander und brachten die Anspielungen der steirischen Volksmusik, die H. W. Henze als Ausgangspunkt seines Werkes dienten, zur Geltung. Allen voran musizierte die Fagottistin Julia Gallez ausdrucksstark und souverän. In einem guten Kontakt zu ihr agierten Tim Klein an der Gitarre sowie Elena Marabini Zamorano, Marta Cappetta und Avishag Brand im Streichtrio.
Einen ganz anderen musikalischen Charakter verströmte Morton Feldmans Werk „The Viola in My Life II“. In diesem Stück konzentrierten sich die Musiker:innen auf die Eigenschaften zusammenklingender Töne, sie schattierten sie subtil ab, sodass die Klangspektren der Zusammenklänge, unterstrichen durch fein gesetzte perkussive Akzentuierungen, zur Geltung kamen. Die konzentriert zusammenwirkenden Ensemblemitglieder betteten die Bratschistin Marta Cappetta aufmerksam in das Klanggewebe ein.
Dramaturgisch geschickt aufgebaut, setzte das PulsArt Ensemble in großer Besetzung mit dem „Divertimento für 8 Bläser und Schlagzeug“ von Friedrich Cerha einen klangstarken Schlusspunkt. Mit einer kraftvollen Einleitungsgeste setzten die Bläser:innen viel Energie frei, unmittelbar übernahmen die Schlagzeuger den Impuls und steigerten mehrmals die Sequenz, bis der Klang kulminierte und in einer Generalpause abrupt innehielt. So entfaltete die Musik einen ritualhaften Charakter. Friedrich Cerha wollte mit diesem Frühwerk den Komponisten Igor Strawinsky huldigen.
Spannungsgeladen, freudvoll und mit viel Bedacht auf rhythmische Muster musizierten die Studierenden unter der Leitung von Benjamin Lack und erhielten dafür vom Publikum viel Applaus.
Zu guter Letzt
Kürzlich habe ich gesagt, dass es an der Stella Musikhochschule kein Ensemble (mehr) gibt, das sich der neuen Musik widmet. Doch bekanntlich leben Totgesagte länger, und ich wurde eines Besseren belehrt.
Das Ensemble PulsArt wurde 2018 mit der Intention gegründet, neue Werke zu präsentieren, die am damaligen Landeskonservatorium komponiert worden waren. Da die Stella Musikhochschule über keine eigene Kompositionsklasse mehr verfügt, ist dieser ursprüngliche Ansatz hinfällig. Doch weiterhin formieren sich Studierende im Ensemble PulsArt und bringen unter der Leitung von Benjamin Lack zeitgenössische Werke ohne direkte Beziehung zur Musikhochschule zur Aufführung. Sicher würde sich in dieser Situation auch ein Blick in die Werklisten von Komponierenden mit Vorarlberg-Bezug oder mit ehemaliger Verbindung zum Landeskonservatorium lohnen, und gleichzeitig könnte die Aufführung neuer Werke aus der Region die Außenwirkung erhöhen.