Speisekammerspiel Ingrid Bertel · Mai 2026 · Zirkus
Warten auf Artistik im Freudenhaus? Die Zirkushalle des Vereins „zack & poing“ zeigt als temporäre Ausweich-Spielstätte die faszinierende Performance „Food“ des Artisten und Regisseurs Michael Zandl.
„Once upon a time the world was round
and you could go on it
around and around.“
An diese Zeilen von Gertrude Stein denkt man, wenn man die magische Halle von „zack & poing“ verlässt. Die Welt ist rund, und man kann auf ihr herumspazieren und lauter Wunder erleben. Was ist das Geheimnis der fünf Artist:innen von „Food“?
In die erste erwartungsvolle Stille hinein knistert eine Chipstüte. Da sitzt ein Mann (Fidel Rott) im Publikum, genießt hörbar seine Snacks, bietet sie auch den um ihn Herumsitzenden an, wandert in die erste Reihe, wo die Kinder sitzen. Und dann fällt klatschend ein Fußabtreter vor ihn hin. Artig putzt er sich die Schuhe ab und geht auf eine weiße Hausfassade zu. Auf der tut sich Erstaunliches. Bilder entstehen wie aus dem goldenen Zeitalter der holländischen Malerei. Ein Mann mit Rembrandtkragen (Jakob Vöckler) erscheint in goldenem Rahmen, hält einen Apfel in der Hand und sein Profil in ein Licht getaucht, das sich auch Vermeer nicht schöner hätte ausdenken können. Der Vielfraß, der unterdessen ein Mikro samt Kabel, einen Bund Petersilie und einen Eisbergsalat in bemerkenswertem Tempo verspeist hat, greift nach dem Apfel. Aber der wird für den Mann im Bilderrahmen immer wieder ersetzt, sodass die Gier an der schieren Fülle scheitert. Hoch oben drücken sich zwei zarte Hände durch die Fassade und schälen eine Orange. Dann erscheint ein Mädchengesicht – doch die Arme sind viel zu kurz, um die Orange zum Mund zu führen. Die Gier scheitert an der Anatomie.
Bedürfnis und Verlangen
Als hielte Picasso den Pinsel, zeichnen sich auf der Fassade immer neue Bildwelten ab, surreal und komisch, auch wenn einen eine dunklere Ahnung beschleicht. Was hat es mit unserem unersättlichen Konsumverlangen auf sich? Gab es das schon, als Arcimboldo Gesichter aus Obst und Gemüse formte? Köpfe, die Jakob Vöckler aus den Stillleben löst, in lebendige Körper verwandelt und in tänzerische Bewegung versetzt? Wusste Antonio Vivaldi, zu dessen Klängen sich die schwedischen Zwillinge Hedvid und Karin Brodén in einer hand-to-hand-Akrobatik vom Feinsten einen wilden Kampf liefern, von unserem Verlangen?
Jakob Vöckler schwingt sich von Rohr zu Rohr und hängt immer neue Bilderrahmen auf für sein artistisches Spiel mit so ziemlich allem, was wir aus Museen kennen. Wir genießen die Verweise und erleben doch etwas elementar Neues. Das spüren auch die Kinder, die gebannt zusehen, wie aus der Fassade ein Kühlschrank gedrückt wird, der sich auf magische Weise ständig neu befüllt. Fidel Rott balanciert auf dem Kopf eine Mikrowelle, in der ein ganzes Pelztier liegt – Marder oder Hase, so genau ist das nicht auszumachen. Und im Kühlschrank liegt eine Banane, die kann man nicht nur essen. Sie wird zum Spielzeug – und man staunt, was man damit alles anstellen kann. Joan Miró hätte es sich nicht träumen lassen.
Partnerinnenakrobatik und Objektmanipulation
Bei allem Witz und aller Leichtigkeit steuert „Food“ auf eine dunkle Volte zu. Sand rieselt auf das lange Haar der Brodén-Schwestern, auf die Locken von Fidel Rott, verwandelt sich in schwarzes Öl, in dicke Klumpen. Wenn wir so gierig weitermachen, ist das Ende in Sicht.
Eigentlich gehört „Food“ in ein technisch perfekt ausgestattetes Zirkuszelt. Die Zirkushalle Dornbirn wurde dafür bestmöglich und aufwändig hergerichtet. Sie dient als temporärer Spielort für das Freudenhaus. Denn das ist weiterhin auf der Suche nach einer dauerhaften Bleibe. Die Aussichten sind trübe, betonen die Freudenhaus-Betreiber:innen Lisa-Marie Berkmann und Roman Zöhrer. Wer „Food“ gesehen hat, kann das nicht verstehen. Wo sonst als im Zirkus kann Kultur alle erreichen, berühren, staunen lassen? Alle! Wirklich alle! Man kann dem Team von zack & poing nur dankbar sein, dass es „Food“, eine Show der Sonderklasse, möglich macht!
Weitere Vorstellung: 24.5., 17 Uhr, Zirkushalle Dornbirn