Sommernachtszauber in bewegten Zeiten
Ein Ensemble bündelt noch einmal alle Kräfte
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz · Jun 2026 · Theater

Die letzte Premiere vor der Sommerpause und vor dem großen Umbau des Vorarlberger Landestheaters wurde am letzten Donnerstag gefeiert: Shakespeares „Sommernachtstraum“, inszeniert von Angelika Zacek. Es ist ein Abend, der vieles auffährt: Spielfreude, Bewegung, farbenprächtige Kostüme, Musik, Komik und ein Ensemble, das die Energie dieser langen Spielzeit noch einmal mit großer Kraft auf die Bühne bringt.

Gerade diese Ensembleleistung ist besonders zu würdigen. Denn die gegenwärtige Situation am Haus bleibt spürbar. Die Diskussionen um Intendantin Stephanie Gräve bilden einen Hintergrund, der sich nicht einfach ausblenden lässt. Gräve hat das Landestheater in den vergangenen Jahren mit großem Engagement, internationalen Kontakten, regionaler Verankerung und einem offenen, hellwachen Blick geprägt. Sie hat Künstler:innen aus dem In- und Ausland eingeladen, regionale Kunstschaffende gefördert und immer wieder Themen aus Vorarlberg in den Spielplan aufgenommen. Umso bemerkenswerter ist es, mit welcher Konzentration und Spielfreude das Ensemble diesen Abend trägt.

Ein Wald als Spielplatz

Angelika Zacek hatte im Vorfeld angekündigt, alles einzusetzen, was das Theater an Bühnenzauber zu bieten habe. Ganz erfüllt sich diese Erwartung nicht. Der eigentliche Zauber entsteht weniger aus spektakulären Effekten als aus dem Spiel der Darsteller:innen, aus Tempo, Körperlichkeit und Verwandlungslust. Die Drehbühne und ein fliegender Puck setzen Akzente, doch insgesamt bleibt der Bühnenzauber eher angedeutet als überwältigend.
Das Bühnenbild von Gregor Sturm, im Vorfeld als Festivallandschaft beschrieben, zeigt sich weniger als großes Open-Air-Szenario denn als wandelbarer Abenteuerspielplatz. Mit Leitern, Stegen, einem Oben und Unten und einem zentralen Platz in der Mitte bietet dieser Zauberwald viele Möglichkeiten und wird von den Schauspieler:innen intensiv genutzt.
Sehr präsent sind die opulenten Kostüme von Julia Klug: knallige Farben, viel Stoff, Tüll, Spitzen, Rüschen, wilde Hüte und kunstvoll dekorierte Brillen. Sie geben dem Abend jene Buntheit und Ausschweifung, die dem Bühnenraum nur teilweise eingeschrieben ist.
Die sich öffnende und schließende Stadtmauer von Athen erfüllt eine klare dramaturgische Funktion: Sie markiert die Grenze zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Regelwerk und Entgrenzung.

Macht, Liebe und Kontrollverlust

Zaceks Inszenierung setzt deutlich auf Bewegung und Spiellust. Den Schauspieler:innen wird viel Raum gegeben, eigene Ideen, körperliche Komik und kleine Übertreibungen einzubringen. Von Beginn an ist klar, worum es auch geht: um Machtstrukturen, um väterliche Verfügungsgewalt, um weibliche Selbstbehauptung und um junge Menschen, die ihr eigenes Begehren gegen äußere Ansprüche verteidigen.
Das Chaos des Stücks spiegelt sich stellenweise auch in der Form des Abends. Nicht alles fügt sich vollkommen selbstverständlich ineinander, manches wirkt bewusst überdreht, manches etwas lose nebeneinandergestellt. Viel Slapstick, schnelle Pointen und körperlicher Witz erinnern an Hollywood-Komödien, Klamaukserien und filmische Überzeichnung. Das hat oft Tempo und Komik, verliert aber gelegentlich an Feinheit.
Auch die Handwerker, die hier als Security-Truppe auftreten, führen den Festivalgedanken weiter. Diese Idee besitzt Witz, vor allem dort, wo der Sicherheitsgestus ins Lächerliche kippt. An manchen Stellen ist die Zeichnung allerdings sehr grob geraten; die Dummheit dieser Figuren wird bisweilen stärker ausgespielt, als es nötig wäre.

Musik zwischen Filmbild und Festivalmoment

Die Musik von Oliver Rath ist, wie gewohnt, von hoher Qualität. Sie eröffnet Szenen, begleitet Stimmungen, treibt Vorgänge voran und ist hörbar von Filmmusik inspiriert. Dadurch erhält der Abend immer wieder atmosphärische Dichte.
Ein besonderer Moment ist das Medley verschiedenster Welthits, bravourös gesungen von Isabella Campestrini. Als Verweis auf ein großes Open-Air-Festival ist diese Szene durchaus lesbar. Sie bleibt allerdings eher ein einzelner musikalischer Auftritt als ein wirklich in die Erzählung eingebundener Bestandteil des Abends.

Puck, Oberon und Titania

Den „Sommernachtstraum“ mit nur neun Schauspieler:innen und drei Statistinnen auf die Bühne zu bringen, ist eine logistische Herausforderung – nicht nur für die Darsteller:innen, sondern auch für alle hinter der Bühne. Dass der Abend dennoch so lebendig bleibt, ist eine große Leistung.
Isabella Campestrini ist nicht nur als Sängerin eindrucksvoll, sondern auch als Puck. Dieses heimtückische und zugleich unwiderstehliche Zauberwesen spielt sie mit großer Unbefangenheit: lebendig, listig, beweglich und in ihrem bunten Kostüm vollkommen zu Hause.
Nurettin Kalfa brilliert als Theseus, der sich in sexueller und emotionaler Abhängigkeit von seiner Hippolyta zeigt, ebenso wie als listiger, etwas schreckhafter Oberon. Mal auf Stelzen, mal auf Rollerblades, mal mit dem Scooter unterwegs, tritt er als Herrscherfigur auf, die ihre Macht großzügig und selbstverständlich ausübt.
Wunderbar an seiner Seite ist Maria Lisa Huber: als herrlich erotische Hippolyta, die Mann und Schwert fest in der Hand hält, und als zauberhafte Titania, die nicht nur Oberon bezirzt, sondern ihre Fühler überallhin ausstreckt.
Unterstützt wird Titania von ihren reizenden Elfen, allen voran von der jungen, sehr talentierten Paula Futscher als Bohnenblüte. Senfsamen, Spinnweb und Motte werden alternierend von Janne Fischer, Clara Niederer, Violet Robin, Charlotte Schnell und Bianca Waltner gespielt.

Die Liebenden im Taumel

Davina Fox, zum ersten Mal in Bregenz zu Gast, überzeugt auf ganzer Linie als freche, kämpferische und verliebte Hermia. Sie stellt sich gegen den Willen ihres Vaters und hat nur Augen für Lysander. In ihrer zweiten Rolle als Tom Schnautz zeigt sie sich als kleine, nervöse, sich und ihre Umgebung ständig desinfizierende Frau vom Sicherheitsdienst – körperlich präsent, präzise und sehr komisch.
Nico Raschner spielt Lysander ausgezeichnet: einen großen, schlaksigen jungen Mann, der der Liebe vollkommen anheimfällt, seine Geliebte – wer immer sie gerade ist – beschützt und selbstverständlich auch um sie kämpft. Als Franz Flaut beweist Raschner zudem herrlich unbeholfene Tolpatschigkeit.
Als Lysanders Gegenspieler Demetrius punktet Luzian Hirzel mit unaufgeregter Selbstsicherheit gegenüber Hermia und sturköpfiger Abwehr gegenüber Helena. Als Peter Squenz, Kopf der Handwerker- beziehungsweise Security-Truppe, entfaltet seine brüchige Selbstgewissheit große Wirkung.
Rebecca Hammermüller zeigt zwei starke Gegensätze: hinreißend als Helena, quirlig, kämpferisch und schrecklich verliebt; daneben als langsamer, schwerfälliger Security-Mann Hans Schnock, für den jedes gesprochene Wort ein eigener Kraftakt ist. Als Löwe allerdings brüllt er ordentlich.

Komik, Enthusiasmus und ein Esel

David Kopp ist großartig als Egeus, jener Vater, der über das Leben seiner Tochter bestimmen will, und ebenso als Klaus Zettel, der eifrigste der Sicherheitsleute, der unbedingt jede Rolle spielen möchte. Herrlich komisch ist sein Enthusiasmus, seine unerschütterliche Bereitschaft, sich in den Vordergrund zu spielen, und seine rührende Überzeugung, für alles geeignet zu sein. Auch als Esel überzeugt er – selbst wenn das Kostüm ihm dabei nicht unbedingt entgegenkommt.

Ein Abend mit vielen Facetten

Dieser „Sommernachtstraum“ ist ein Abend voller Spielfreude, Farbe, Tempo und komischer Einfälle. Er ist witzig, stellenweise klug, mitunter überdreht und nicht ganz frei von Längen. Nicht jede Idee fügt sich nahtlos in das Ganze, nicht jeder Zauber entfaltet sich so stark, wie er angekündigt war. Doch das Ensemble hält den Abend zusammen und macht ihn sehenswert.
Es ist eine Inszenierung, über die man diskutieren kann – und vielleicht gerade deshalb eine passende letzte Premiere vor einer Zäsur. Denn auch dieser Abend erzählt, über Shakespeare hinaus, von Ordnung und Aufbruch, von Macht und Selbstbestimmung, von Verwandlung und Unsicherheit. Themen also, die derzeit nicht nur auf der Bühne stehen.

 

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