Schuberts Winterreise aus weiblicher Perspektive
Sophie Rennert und Joseph Middleton zwischen psychologischer Tiefe und klanglichen Schatten
Silvia Thurner · Aug 2026 · Musik

Zu einem besonderen Liederabend luden Sophie Rennert, am Klavier begleitet von Joseph Middleton, im Rahmen der Schubertiade Schwarzenberg ein. Die Mezzosopranistin interpretierte die Winterreise von Franz Schubert. Seit zehn Jahren hat sich bei der Schubertiade keine Sängerin an diesen berühmten Liederzyklus gewagt. Deshalb war die Spannung groß, auf welche Weise die Sängerin die Lieder ausdeuten wird und wie sich das klangliche Verhältnis zwischen der Mezzosopranistin und dem Klavierpart auswirkt.

Christa Ludwig (1979, 1980 und 1993), Brigitte Fassbaender (1987, 1992), Christine Schäfer (2013) und Adrianne Pieczonka (2016) waren in den vergangenen 50 Jahren bei der Schubertiade als Interpretinnen von Schuberts Winterreise zu erleben. Nun widmete sich Sophie Rennert, sie ist seit der Saison 2022/2023 Mitglied des Staatstheaters am Gärtnerplatz München, den berühmten Liedern.
Gemeinhin kennt man Schuberts Winterreise mit einer Männerstimme. Dabei nimmt der Klavierpart einen bedeutenden Teil der psychologischen Ausdeutung ein und steht im Hinblick auf die Stimmregister in einem engen klanglichen Wechselverhältnis mit einer Tenor- oder Baritonstimme. Wenn eine Frauenstimme den Vokalpart gestaltet, ergibt sich eine andere Klangbalance mit dem Klavierpart. Einesteils tritt dieser direkter in den Blick der Aufmerksamkeit, andererseits ergeben sich durch die höher liegende Frauenstimme weniger unmittelbare klangliche Dialoge. Auf diese veränderte Perspektive, aus der heraus Joseph Middleton den Klavierpart ausdeutete, mussten sich im Angelika Kauffmann Saal die Ohren zunächst einstellen.
Sophie Rennert konzentrierte sich auf die psychologische Ausdeutung des von der Welt, der Liebe und dem Leben enttäuschten lyrischen Ichs. Eher weniger kam der Duktus einer Wandernden zum Tragen. Die Mezzosopranistin folgte präzise der Diktion des Textes und nahm sich in den Höhen sehr zurück. Gerade durch diese Reduktion erzielte sie intensive Deutungen. Teilweise, besonders am Beginn, in „Gefrorne Tränen“ gestaltete Sophie Rennert die melodischen Linien mit etwas zu viel Vibrato. Mitunter gelangen die Phrasenanfänge nicht optimal, weil die Tongestaltung etwas zögerlich wirkte. Besonders jene Passagen, in denen die inneren Spannungen sich in großen Tonsprüngen und raschen melodischen Verläufen widerspiegelten, etwa in „Rückblick“ oder „Mut“, ging die Geschwindigkeit der erregten Ausdeutungen auf Kosten der Textdeutlichkeit.
Emphatisch stellte die Sängerin „Erstarrung“ in den Raum und führte die Zuhörenden immer tiefer in den Sog des unglücklichen Protagonisten. Im berühmten „Lindenbaum“ gestaltete Sophie Rennert die unterschiedlichen Stimmungsbilder eindrucksvoll aus.

Ergreifende Schlusspassage

Im Laufe des Liederzyklus fanden die Sängerin und Joseph Middleton zunehmend einen gemeinsamen Atem. So beeindruckte der „Frühlingstraum“, in dem die unterschiedlichen Handlungs- und Stimmungsebenen mit großem gemeinsamen Einverständnis musiziert wurden. Psychologisch tiefsinnig ausgedeutet wirkte auch „Der greise Kopf“, in dem Sophie Rennert und Joseph Middleton den Pausen eine eindrückliche Bedeutung verliehen. Auch das Lied „Die Krähe“ begeisterte durch die wandlungsfähigen Stimmregister der Mezzosopranistin. „Der Wegweiser“ war das am eindringlichsten gestaltete Lied des gesamten Zyklus, denn hier kamen die schwebenden Tonrepetitionen sowohl des Vokal- als auch des Klavierparts wunderbar zur Geltung. Immer mehr fanden die Sängerin und der Pianist in der Schlusspassage der Winterreise zueinander und zogen die Zuhörenden mit ihren intensiven Darbietungen in ihren Bann, vor allem in „Das Wirtshaus“ sowie in „Die Nebensonnen“ und „Der Leiermann“.

Teilen: Facebook · E-Mail