Schubert und Larcher im Dialog der Zeiten
Andrè Schuen und Daniel Heide wurden bei der Schubertiade stürmisch gefeiert
Silvia Thurner · Jun 2026 · Musik

Beim letzten Liederabend der frühsommerlichen Schubertiade in Schwarzenberg mit Andrè Schuen und Daniel Heide lag eine seltsame Stimmung in der Luft. Erstmals in der Geschichte des Festivals war es dem Geschäftsführer Gerd Nachbauer aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich, persönlich in Schwarzenberg dabei zu sein, und das Hagen Quartett, das seit Jahrzehnten die Schubertiade bereicherte, hat sein letztes Konzert gegeben. Doch Andrè Schuen und Daniel Heide, der ausdrucksstarke Bariton und der kongenial musizierende Pianist, richteten den Blick nach vorne. Neben „schwergewichtigen“ Schubertballaden, wie „Die Bürgschaft“, „An Schwager Kronos“ oder „Prometheus“, brachten sie mit Thomas Larchers 2020 entstandenem Liederzyklus „Unerzählt“ endlich auch die musikalische Gegenwart zur Schubertiade und riefen damit große Begeisterung hervor.

Andrè Schuen und Daniel Heide ergänzen sich musikalisch hervorragend. Beide sind experimentierfreudige Klangtüftler und loten musikalische Gesten souverän und detailreich aus. Dabei legen sie ein besonderes Augenmerk auf textdeutende Nuancierungen und dramaturgisch gut austarierte Spannungsbögen.
Die beiden Säulen des Liederabends bildeten einesteils „Die Bürgschaft“ von Franz Schubert und andernteils der Liederzyklus „Unerzählt“ von Thomas Larcher. Der Tiroler Komponist ist für seine sensible Kunst der Textvertonung bekannt. Sein Zyklus „A Padmore Cycle“ war hierzulande mit den bei der Schubertiade bestens bekannten Sängern Julian Prégardien und Ilker Arcayürek sowohl bei den Bregenzer Festspielen als auch mit dem Symphonieorchester Vorarlberg zu hören.
Es ist ein Ereignis mit Seltenheitswert, dass nun bei der Schubertiade Larchers Liederzyklus „Unerzählt“ nach Texten von Winfried G. Sebald zu erleben war. Die Komposition stellte eine wunderbare Ergänzung zu den bekannten Schubertwerken dar und zeigte eindrucksvoll, in welch vielfältiger Form die kompositorische Ausdruckswelt von Franz Schubert ununterbrochen bis in die Gegenwart hineinwirkt. Nur wenige Schubertiadebesucher:innen reagierten verhalten. Sie sollten jedoch nicht denselben Fehler begehen, der schon dem innovativen Schubert zu seinen Lebzeiten entgegenschlug: Ablehnung aus Unkenntnis und mangelnder Hörerfahrung.
Die Textgrundlage zu „Unerzählt“ bilden dreizehn Miniaturen, die viel interpretatorischen Freiraum lassen. Sie sind als Gedankensplitter zu verstehen, die die Zuhörenden in philosophische, geschichtliche, aber auch fantastische Räume führen.
Es war spannend und bereichernd, in der Konzeption der Gesangslinie Parallelen zu Schuberts kompositorischen Gestaltungsmerkmalen zu entdecken. Selbstverständlich waren dies keine Nachahmungen, sondern charakteristische Eigenheiten, wie das textdeutende Ausweiten des Ambitus, die psychologische Beschreibung von Stimmungen und Umschwüngen, der kommunikative Austausch mit dem ebenbürtigen Klavierpart oder der teilweise immanent vorwärtseilende Duktus.
Den Klavierpart komponierte Thomas Larcher mit viel Raffinesse. Mehrfach folgte der Pianist den Spielanweisungen und präparierte den Flügel oder bespielte die Saiten direkt im Korpus des Instruments. Auf diese Weise erklangen faszinierende Klänge, wie ein tief grollender Klanggrund, scheppernde und perkussive Flächen oder kristalline, zerbrechliche Töne. Sie waren nie lediglich als Selbstzweck eingesetzt, sondern dienten facettenreich der Textdeutung. Überdies nahmen die Vor-, Zwischen- und Nachspiele innerhalb des Liederzyklus eine bedeutende Rolle ein und leuchteten Emotionen der Textminiaturen geistreich aus.

Herausragende Einsatz- und Risikobereitschaft

Andrè Schuen und Daniel Heide agierten in einem aufmerksamen Dialog miteinander und machten die Aufführung dieses Werkes zu einem außergewöhnlichen Hörerlebnis. Zahlreiche Höhepunkte zeichneten die Interpretation aus. Besonders in Erinnerung blieben unter anderem der Klangfluss im dritten Abschnitt, die düstere Stimmung und der offene Schluss des fünften Teils sowie das Vorspiel des elften Parts mit seinen mikrotonalen Klangqualitäten, um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Werkfolge des gesamten Konzertes war hervorragend zusammengestellt. Angesprochen wurden existenzielle und mythologische Themenkreise. „Die Bürgschaft“ nach Friedrich Schiller komponierte Franz Schubert als Achtzehnjähriger. Andrè Schuen und Daniel Heide interpretierten die an eine Opernszene erinnernde Ballade mit großer Aussagekraft und enormer Wucht. Bereits mit der Eingangsphrase zog der Pianist die Zuhörenden in seinen Bann und mitten hinein ins Geschehen. Gemeinsam formten der Sänger und der Pianist die einzelnen Szenen plastisch aus und steigerten die von Hektik getragene Handlung bis zum versöhnlichen Schluss emotional und spannungsgeladen.
In „Freiwilliges Versinken“ versinnbildlichten die Musiker den Klanggrund, die Zeit und das Verweilen mit einer bewundernswerten Pianokultur und hervorragend aufeinander abgestimmt. Auch in der Strophe aus „Die Götter Griechenlands“ schufen sie einen emotionalen Resonanzraum, der die Gedanken in vielfältigen Echowirkungen freien Lauf ließ. Auch die dringlich ausformulierten Fragen in Schuberts „Prometheus“ wirkten noch längere Zeit nach.

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