Schockverliebt
Joss Stone begeisterte beim Poolbar-Festival in Feldkirch
Thorsten Bayer ·
Jul 2026 · Musik
Wer immer, ob Mann oder anderen Geschlechts, auch nur ein Fünkchen Herz für Soul und eine mitreißende Bühnenshow hat, nach diesem Samstag im Reichenfeld mehr oder minder unbeeindruckt nach Hause gegangen ist, sollte einen Termin in einer Praxis für Kardiologie vereinbaren. Diese Show mit einer entfesselten und unvergleichlich charmanten Joss Stone samt hervorragender Begleitband riss das Publikum vom ersten Song an mit. Angefangen hatte der denkwürdige Abend mit Auftritten von Lari + the Wolves und Frischluft.
Frischluft heißt die Streetband der benachbarten Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik. Unter der Leitung von Herbert Walser-Breuß spielte das Septett einen entspannten Mix aus Nummern aus dem Spätwerk der Beatles, wie „I Want You (She's So Heavy)“ oder „Why Don't We Do It in the Road?“ und beispielsweise zwei rumänischen Songs mit Karoline Streibich am Mikro. Die Mezzosopranistin studiert an der Stella Music Performance, Music Education and Music Performance im Hauptfach Gesang.
Lari + the Wolves
Frischluft hatte noch auf einer kleinen „Nachbarbühne“ gespielt – der Blick ging immer wieder bang Richtung Himmel, ob sich die zeitweisen Niederschläge ausweiten würden –, da stand schon die erste Reihe unbeeindruckt geschlossen vor der Hauptbühne: Lari + the Wolves war der nächste Act auf dem Programm des Open-Air-Abends. Die Vorarlberger:innen, 2017 in Wien als Band gegründet, kamen mit drei Full-Length-Alben im Gepäck in die Heimat. Sängerin Larissa Schwärzler ging gleich in die Vollen, da ließen sich ihre Kollegen, allen voran Vicent Rein am Bass, nicht lange bitten. Mit jedem Song spielten sich die Fünf freier und hinterließen einen starken Eindruck.
Joss Stone
Kurz nach 20 Uhr, es war angerichtet (und trocken geblieben): Die neunköpfige Band, ganz in Weiß, betrat unter großem Jubel die Bühne. Joss Stone schlich sich, fast schüchtern, ungläubig wirkend, in einem leuchtend türkisen, bodenlangen Kleid, wie immer bei ihren Gigs barfuß, zu ihren Kolleg:innen. Das strahlende Lächeln sollte in den nächsten 90 Minuten nicht aus ihrem Gesicht weichen. Gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen – mit einem Medley, angefangen mit ihrem größten Hit „You Had Me“. Das ist so, als hätte Queen eine Show mit „We Will Rock You“ oder „Bohemian Rhapsody“ begonnen. Das kann man mal so machen.
Es dauerte keine Viertelstunde, da hatte sie die zahlreichen Zuschauer:innen komplett für sich eingenommen: Bei „Super Duper Love“ von ihrem Debütalbum mischte sie sich unter das Publikum und machte es zu ihrem Chor, der die drei Backgroundsänger:innen auf der Bühne noch unterstützte. Apropos: Sie ließ immer wieder ihre virtuosen Musiker:innen an Gitarre (Steve Down), Bass (Matt Rubano), Drums, Keyboard, Trompete (Tom Walsh) und Saxophon glänzen. Das fiel ihnen allesamt nicht schwer: Ein präzises und dazu ungemein spielfreudiges Ensemble hat Joss Stone da beisammen. Ihrem Backgroundchor (Artia Emelia Lockett, Louise Labelle und Therry Thomas) gönnte sie eigene Soli.
Hippie-Lady im besten Sinne
Die 39 Jahre alte Britin, vierfache Mutter, strahlte eine große Positivität aus. Beim Blick auf ihre Vita ist das umso bemerkenswerter: Im Jahr 2011 hatten zwei Männer ihr Landhaus in der Grafschaft Devon ausgekundschaftet. Die Polizei fand bei ihnen Fotos, einen Grundriss des Grundstücks, Schwerter, Stricke – und sogar einen Leichensack. Da hätte sie allen Grund gehabt, eine deutlich trübere Lebenseinstellung zu entwickeln. Stattdessen zog Stone für ein Jahrzehnt nach New Jersey und Nashville/Tennessee. Mittlerweile ist sie zurück in England.
Ihre erste CD war das Greatest-Hits-Album von Aretha Franklin. Entdeckt wurde sie bereits mit 14 Jahren bei einem Talentwettbewerb der BBC, als sie Donna Summers „On the Radio“ sang. Disco-Musik liebt sie heute noch. Zwei Jahre später, 2003, nahm sie in New York ihr erstes Album mit Coversongs auf: „The Soul Sessions“. Sieben weitere Studioalben folgten, das letzte produziert von Dave Stewart von den Eurythmics.
Zurück nach Feldkirch: Gegen Ende des Konzerts spielte sie ein umwerfendes Medley aus „Take Another Little Piece of My Heart“ von Janis Joplin und Dusty Springfields „Son of a Preacher Man“. Auf zwei eigene Zugaben folgte die ultimative Charme-Offensive, als sie – jeweils versehen mit einem Küsschen – einzelne Sonnenblumen in die Menge warf. Die Reaktion des Poolbar-Publikums, spätestens jetzt: schockverliebt.
Weitere Konzert-Tipps beim Poolbar-Festival (noch bis 16.8.):
Prinz Grizzley (31.7.), Donots (7.8.) sowie am 14.8. Oskar Haag und die Babyshambles rund um Pete Doherty
www.poolbar.at