Schauerliche Lieder
Franz Schuberts „Winterreise“ – diesmal nicht bei der Schubertiade, sondern im Hagenhaus Nendeln.
Michael Löbl · Sep 2026 · Musik

Der intime Rahmen des Peter Kaiser Konzertsaales mit seiner hervorragenden Akustik beflügelte den Schweizer Bariton Äneas Humm und den Pianisten Kit Armstrong zu einer sehr persönlichen Deutung von Franz Schuberts „Winterreise“.

„Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu sehen, was Ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.“ Mit diesen Worten hat Franz Schubert seine Freunde eingeladen, um ihnen selbst die 24 Lieder der „Winterreise“ vorzusingen. Auf die Gedichte von Wilhelm Müller ist der Komponist eher zufällig in einer Literaturzeitschrift gestoßen. Der aus Dessau stammende Müller verstarb, während Schubert dessen Dichtungen vertonte, und hat aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht mitbekommen, dass ein Komponist in Wien 24 seiner Gedichte zu einem Liederzyklus formte.

Hohe Erwartungen

Franz Schuberts „Winterreise“ gilt als Gipfelwerk der Liedkunst. Viel, fast uneinlösbar viel, wird von Sänger:innen und Pianist:innen erwartet, wenn sie sich an diese Aufgabe heranwagen. Auch deshalb, weil es unzählige Aufnahmen der bedeutendsten Liedinterpreten gibt, die dieses Werk teilweise mehrmals eingespielt haben, wie Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier oder Ian Bostridge. Auch Sängerinnen haben sich der „Winterreise“ angenommen, obwohl der Protagonist ohne Zweifel ein junger Mann ist. Was genau erwartet das „Winterreise“-Publikum? Auf jeden Fall soll man den Text verstehen, Wort für Wort. Der Zyklus soll vom ersten Lied „Gute Nacht“ bis zum „Leiermann“ wie aus einem Guss gestaltet werden, dennoch soll jede Nummer ihren eigenen Charakter bekommen. Opernhafte Ausbrüche – ja, aber bitte nur in kleinen Dosen. Und was es auf keinen Fall sein darf: langweilig.
Das sind viele und hohe Erwartungen. Im Gegensatz zu Schuberts früherem Zyklus „Die schöne Müllerin“ hat die „Winterreise“ keine Handlung, sondern besteht aus Gedanken, Situationen und Bildern eines Vertriebenen, wobei es eigentlich er ist, der das gemeinsame Haus verlassen hat. Und das, obwohl das Mädchen „von Liebe sprach“, ihre Mutter „gar von Ehe“ – was bitte ist da passiert? Wir wissen es nicht, begleiten aber den Unglücklichen auf seiner Wanderung durch den unwirtlichen Winter.

Bezug zur Region

Im Rahmen der Reihe „Donnerstag im Hagenhaus“ stellten sich Äneas Humm und Kit Armstrong dieser Herausforderung. Beide sind hierzulande keine Unbekannten, Äneas Humm hat das Musikgymnasium Feldkirch besucht und am damaligen Landeskonservatorium studiert. Dražen Domjanić, Gründer der KULMAG und der Musikakademie in Liechtenstein, war sein Mentor. Der amerikanische Pianist Kit Armstrong ist als Solist, Liedpartner und Kammermusiker regelmäßiger und langjähriger Gast der Schubertiade.
Obwohl es nicht sein erster Auftritt mit diesem Zyklus war, wirkte Äneas Humm zunächst noch etwas verhalten, als würde er sich nicht ganz wohlfühlen in dieser Umgebung. Lag es an der Nähe des Publikums in diesem speziellen Saal? Die Vokale klangen nicht ganz frei, und die Phrasierung wirkte etwas kurzatmig. Das besserte sich aber von Lied zu Lied, und spätestens ab der Hälfte der 24 Lieder hatte sich Äneas Humm freigesungen. Nun klang die Stimme rund, die Textverständlichkeit war da, und Äneas Humm konnte all seine musikalischen Ideen zu Schuberts „Winterreise“ problemlos umsetzen. Mehrmals schimmerte der Opernsänger durch, und das ist durchaus legitim, da die Musik immer wieder dramatische Ausbrüche beinhaltet. Schubert lässt dem Interpreten unglaublich viele Freiheiten, davon lebt die Interpretation und führt zu sehr unterschiedlichen Auffassungen von Sänger:innen und Pianist:innen. 

Kollektive Zugabe

Kit Armstrong war ein einfühlsamer Partner, trotz vollständig geöffnetem Steinway-Flügel wirkte der Klavierpart nie zu laut. Etwas gewöhnungsbedürftig war seine seltsam hölzern klingende Phrasierung insbesondere bei ganz einfachen Motiven. Man hatte den Eindruck, er möchte um jeden Preis alles vermeintlich „Süße“ in Schuberts Klavierpart vermeiden. Großartig hingegen gelangen ihm die Lieder mit großen pianistischen Ausbrüchen, wie die „Wetterfahne“, „Mut“ oder der „Frühlingstraum“. Aber auch Kit Armstrong hatte sich gemeinsam mit Äneas Humm freigespielt, im letzten Drittel gelang beiden eine sehr persönliche, intellektuell gestaltete und musikalisch ergreifende Wiedergabe der Schubertschen „Winterreise“.
Was kann man nach dem letzten Lied, dem „Leiermann“, als Zugabe spielen? Eigentlich nichts. Außer jemand hat den Einfall, der Sänger könnte den „Lindenbaum“ gemeinsam mit dem Publikum singen. Dazu war der Text im Programmheft abgedruckt. Eine originelle Idee, die auch perfekt funktioniert hat.

hagenhaus.li

 

 

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