Rosalía: Lux Peter Füssl · Dez 2025 · CD-Tipp

Die damals 25-jährige Rosalía Vila Tobella hat 2019 mit ihrem zweiten Album „El Mal Querer“ – quasi ihre Abschlussarbeit des Flamenco- und Musikproduktion-Studiums am Cataluna College of Music in Barcelona – einen in der Pop-Welt begeistert aufgenommenen Mix aus Flamenco, Electronic-Pop und Latin-Elementen präsentiert. Spanische Traditionalisten zeigten sich empört, aufgeschlossene Musikliebhaber in aller Welt feierten sie als unkonventionelle Erneuerin der Pop-Musik, die mit ihrer unglaublich ausdrucksstarken Stimme ein Feuerwerk an Emotionen zu entfachen vermag. Drei Jahre später setzte Rosalía diesen Siegeszug mit dem Album „Motomami“ fort, auf dem sie in ihren ohnehin schon hypnotisch wirkenden Sound vor allem den puerto-ricanischen Reggaeton integriert, einen Mix aus Reggae, Electronic und Hip-Hop, der zuverlässig in die Beine fährt. Auf dem Opener jenes Albums „Saoko“ lässt sie in einem mitreißenden Latin-Rap wissen, dass stetige Verwandlung das konstante Element ihrer Kunst und ihres Daseins sei. Einen besseren Beweis für dieses Statement als das nunmehr veröffentlichte Album „Lux“ hätte die mittlerweile 33-Jährige nicht liefern können, worauf übrigens schon die Album-Cover hinweisen: Präsentierte sich die Sängerin auf „Motomami“ mit Ausnahme eines Motorradhelms splitternackt, so posiert sie auf „Lux“ im Habit einer Nonne, der sich bei näherem Hinschauen allerdings auch als Zwangsjacke interpretieren lässt.

Beide Deutungen haben ihre Berechtigung, denn es geht einerseits tatsächlich um eine vom Studium heiliger Frauen und Mystikerinnen wie Jeanne d’Arc, Hildegard von Bingen oder Rosalia von Palermo untermauerte Auseinandersetzung mit Gott und dem Glauben, andererseits geschieht das in einer bombastischen musikalischen Inszenierung, die in dieser Radikalität neue Pop-Dimensionen erschließt. Die 18 Songs werden nach klassischem Vorbild in vier „Movements“ eingeteilt, der oben geschilderte Musik-Mix wird nochmals üppig um klassische Elemente, Opernhaftes, Fado, Musical- und Disney-Filmmusik-Artiges erweitert. Zur Realisierung wurden unter anderem das London Symphony Orchestra, der Kammerchor des Palau de la Música Catalana, der renommierte Knabenchor Escolonia de Montserrat und special guests wie ihr isländisches Vorbild Björk, die Flamenco-Sängerin Estrella Morente, die Fado-Sängerin Carminho oder der experimentelle Musiker Yves Tumor eingeladen. Auch stimmlich erweitert Rosalía das ohnehin schon beachtliche Spektrum nochmals erheblich ins Klassische und entfacht für die Dauer einer Stunde nach allen Regeln der dramatischen Kunst ein emotionales Feuerwerk kaum vorstellbaren Ausmaßes. Das ist oft ganz große Oper. Am lohnendsten ist es wohl, zuerst einmal diesen außergewöhnlichen musikalischen Sinnesrausch einfach zu genießen. Man hat dann ja noch jahrelang Zeit, über die philosophischen Hintergründe zu den in 13 Sprachen – unter anderem Spanisch, Deutsch, Ukrainisch, Englisch, Hebräisch, Französisch, Italienisch, Arabisch, Japanisch und Latein – gehaltenen, oftmals nebulosen und verschlüsselten Texte nachzudenken.


 

 


Ein idealer Einstieg in diese gleichermaßen phantastische und faszinierende wie verwirrende Welt ist das Video zur ersten veröffentlichten Single „Berghain“ – inklusive Björk als Rotkehlchen und Yves Tumor mit dem legendären Mike Tyson-Zitat „I’ll fuck you till you love me“ – denn, wer hätte das gedacht, neben Gott geht es natürlich auch um Lust und Leid der Liebe. Für mich das Pop-Album des Jahres!

(Epic/Sony) 

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