Romantische Raritäten
Abschlusskonzert des Rheinberger-Festivals in Götzis und Schaan
Michael Löbl · Mär 2026 · Musik

Drei vollkommen unbekannte Werke für Solist:innen, Chor und Orchester von Josef Gabriel Rheinberger und zwei seiner Schüler:innen zeigten wieder einmal, welch musikalische Schätze den meisten Konzertbesucher:innen ein Leben lang verborgen bleiben. Zum Abschluss des Rheinberger-Festivals überraschten Chorseminar und Sinfonieorchester Liechtenstein unter William Maxfield das Publikum mit klanggewaltigen Werken der Hochromantik.

Aus Anlass des 125. Todestages des Komponisten hat die Internationale Rheinberger-Gesellschaft ein Festival veranstaltet, das neben mehreren Ausstellungen vor allem die Kammer- und Orgelmusik von Josef Gabriel Rheinberger in den Mittelpunkt stellte. Im Abschlussprogramm am Samstag in der Kulturbühne AmBach in Götzis und Sonntag im SAL in Schaan war dann Rheinbergers Legende „Christoforus“ mit Chor, Orchester und Solist:innen zu hören. 

Von Vaduz nach München

Der Komponist Josef Gabriel Rheinberger wird in Liechtenstein verehrt wie ein Nationalheiliger, obwohl er seinen Geburtsort Vaduz bereits im Alter von zwölf Jahren in Richtung München verlassen hat, um dort Musik zu studieren. In der bayerischen Landeshauptstadt verbrachte er dann auch sein restliches Leben. Als Frühbegabter war er bereits mit 19 Jahren Dozent am Münchner Konservatorium für die Fächer Klavier, Orgel und Komposition. In diesem Umfeld bildete er im Laufe vieler Jahre hunderte junge Musiker:innen aus, von denen einige später bekannte Persönlichkeiten wurden. Daneben war er zunächst auch Chorleiter und Solorepetitor am Königlichen Hoftheater, später Hofkapellmeister von König Ludwig II. Rheinberger hinterließ fast 500 Kompositionen, unter anderem zwei große Werke für Solist:innen, Chor und Orchester: Die Legende „Christoforus“ op. 120 und das Oratorium „Der Stern von Bethlehem“ op. 164.
„Christoforus“ bildete dann auch das Hauptwerk dieses Abschlussabends. Das Programm vor der Pause war zwei von Rheinbergers Schüler:innen gewidmet. Zunächst drei kurze Werke von Luise Adolpha Le Beau, die wie viele komponierende Frauen zwar zu Lebzeiten einige Erfolge aufzuweisen hatte, nach ihrem Tod aber in Vergessenheit geriet. Im Zuge der derzeitigen Renaissance von Komponistinnen wird vor allem ihre Kammermusik wieder öfter aufgeführt. Auch Engelbert Humperdinck, der Komponist von „Hänsel und Gretel“, einer der meistgespielten Opern im deutschsprachigen Raum, war ein Schüler Rheinbergers. Leider und vollkommen zu Unrecht wurde aus Humperdinck ein „One-Hit-Wonder“, ein Schicksal, das er mit so prominenten Kollegen wie Paul Dukas, Pietro Mascagni oder Carl Orff teilt. 

Weit mehr als ein Prüfungsstück

Wie falsch dieses Urteil der Musikgeschichte ist, zeigte sich in Engelbert Humperdincks Ballade „Die Wallfahrt nach Kevlaar“. Die Vertonung einer Dichtung von Heinrich Heine entstand während Humperdincks Münchner Studienzeit in der Klasse Rheinberger und wurde im Rahmen einer Prüfung am Konservatorium erstmals aufgeführt. Sein Lehrer zeigte sich von diesem Werk tief beeindruckt, wie einer Tagebucheintragung Rheinbergers zu entnehmen ist. Humperdinck war ein Verehrer der Musik Richard Wagners, und das ist in der „Wallfahrt nach Kevlaar“ bereits deutlich zu spüren. Es handelt sich hier um weit mehr als die Arbeit eines Kompositionsschülers, die frühe musikalische Reife des jungen Komponisten ist erstaunlich.
Das Konzert wurde eröffnet mit drei Ausschnitten der Komponistin Luise Adolpha Le Beau, die von 1876 bis 1880 bei Josef Gabriel Rheinberger studierte. Eine Konzertouvertüre, eine Arie und ein Duett aus dem Oratorium „Ruth“ machten das Publikum mit Orchesterwerken einer Musikerin bekannt, deren Streichquartett op. 34 bereits vor drei Jahren im Rahmen der Feldkircher pforte-Konzerte zu hören war. Die drei Eröffnungsstücke machten neugierig auf weitere Werke, die Luise Adolpha Le Beau für größere Besetzungen geschrieben hat. Sie ist ohne Zweifel eine Musikerin, die häufiger aufgeführt werden sollte.

Der Arlberg als Inspiration

Es ist ein Glücksfall, dass man für das Abschlussprogramm des Rheinberger-Festivals das Chorseminar Liechtenstein und das Sinfonieorchester Liechtenstein gewinnen konnte. Alle an diesem Abend gespielten Kompositionen haben hohe musikalische Qualität, Rheinbergers einstündige musikalische Legende „Christoforus“ hinterließ allerdings den stärksten Eindruck. Josef Gabriel Rheinberger vertrat sein Leben lang die alte deutsche Schule des Komponierens in der Tradition von Schumann, Mendelssohn und Brahms. Neuerer wie Richard Wagner oder Franz Liszt waren seine Sache nicht. In seinem Metier war Rheinberger allerdings ein unumstrittener Meister. Sein Gefühl für Klangfarben und Harmonien, die dramatische Behandlung des Chores und der Solopartien sowie die meisterhafte Instrumentation machen „Christoforus“ zu einem beeindruckenden Chorwerk, das zu Lebzeiten des Komponisten äußerst erfolgreich war und im In- und Ausland über hundertmal aufgeführt wurde. Die Idee zu „Christoforus“ kam Rheinberger während einer Fahrt über den Arlberg. Vor der Kapelle St. Christoph stand 300 Jahre lang eine vier Meter hohe Holzfigur des Schutzpatrons aller Reisenden. Sie fiel 1957 gemeinsam mit der Kapelle und dem angeschlossenen Hospiz einem Brand zum Opfer.
William Maxfield, dem Chorseminar Liechtenstein, dem Sinfonieorchester Liechtenstein und den Solist:innen gelang eine schlüssige und beeindruckende Interpretation von Rheinbergers musikalischer Legende aber auch den übrigen Programmteilen. Aufhorchen ließen die Bläser des Sinfonieorchesters Liechtenstein durch ihren runden, kernigen Klang, ihr breites dynamisches Spektrum und die hervorragenden Solobläser. Ein Sonderlob gebührt der viel beschäftigten Horngruppe. Der üppigen Bläserbesetzung stand ein etwas zu kleiner Streicherapparat gegenüber, was die Balance etwas beeinträchtigte, aber vermutlich aus Platzgründen nicht anders zu lösen war.

Vokale Glanzleistungen

William Maxfield ist ein Vollprofi und ein derartiger Abend mit ausschließlich musikalischem Neuland ist bei ihm in allerbesten Händen. Mit etwas mehr dynamischem Entgegenkommen hätte er den Solist:innen vermutlich eine Freude gemacht. Die wenigsten Probleme hatte Jardena Flückiger, deren leuchtende und klangschöne Stimme sich schon durch die hohe Sopranlage gegen das Orchester durchsetzen konnte. Auch Martina Gmeinder (Alt) und Michael Nowak (Tenor) überzeugten sowohl gestalterisch als auch musikalisch, wurden aber immer wieder vom Orchester zugedeckt. Clemens Morgenthaler ließ sich wegen einer Erkältung als indisponiert ansagen, seinem kräftigen Bass war aber davon überhaupt nichts anzumerken. Als zweiter Solosopran in „Christoforo“ war Alessandra Maxfield zu hören.
William Maxfield leitet das Chorseminar Liechtenstein nun schon seit 24 Jahren und hat diesen Projektchor zu einem klangschönen, ausgewogenen und stilistisch flexiblen Klangkörper geformt. Wie mittlerweile in fast jedem Chor wären ein paar jugendliche Stimmen in allen Registern herzlich willkommen, junge Sängerinnen und Sänger mit vokaler Durchschlagskraft, die dann bei Steigerungen ins Fortissimo einen klanglichen Turbo zünden könnten. Das Publikum in Götzis erklatschte sich Rheinbergers „Abendlied“ als Zugabe, seine populärste Komposition, die er im Alter von 16 Jahren geschrieben hatte. Beeindruckend.

www.rheinberger.li
www.chorseminar.li

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