Robinson Khoury MŸA: Transara Peter Füssl · Jul 2026 · CD-Tipp
„Ich mag das Ungewöhnliche – seltsame Kombinationen, unerwartete Besetzungen. Posaune, modulare Synthesizer, Keyboards und Percussion – das hatte ich so noch nie gehört, und genau das hat mich fasziniert.“ In der Tat kreierte der 31-jährige, libanesisch-stämmige, in Lyon aufgewachsene Posaunist, Komponist und Sänger Robinson Khoury auf seinem ACT-Debüt eine faszinierende Mischung aus Jazz, arabischer Musik, Mediterranem, Elektro und Trance. Es ist das zweite Album seines seit zwei Jahren bestehenden Trios MŸA mit der Perkussionistin und Sängerin Anissa Nehari und dem Pianisten und Keyboarder Léo Jassef, die beide ebenso in Frankreich leben, aber hörbar auch ihre algerischen und türkischen Wurzeln einbringen. Dieses Trio passt ganz hervorragend in die französische Szene mit Paris als urbanem Zentrum, das sich schon vor Jahrzehnten zum phantastischen, ethnischen Musik-Schmelztiegel entwickelt hat.
Khoury wurde in eine musikalische Familie hineingeboren, seine Mutter und sein Vater unterrichten Gesang bzw. Klavier am Konservatorium von Vienne. In seiner Kindheit besuchte er eine spezielle Gesangsklasse der Oper von Lyon, wechselte aber nach dem Stimmbruch zur Posaune, die er als ideal für die Umsetzung des Gesangs auf instrumentaler Ebene erachtete. Nach seinem Klassikstudium am Konservatorium von Lyon spielte er unter anderem in Projekten von Ibrahim Maalouf, Leïla Martial, Natacha Atlas, Michel Portal oder Erik Truffaz, aber auch als Solist im niederländischen Metropole Orkest oder im Quincy Jones Orchestra. Auch mit seinem eigenen Sextett Sarāb war er mit einem Mix aus arabischer Musik und Jazz erfolgreich unterwegs, und 2024 wurde er mit dem begehrten Prix Django Reinhardt ausgezeichnet.
Der Albumtitel „Transara“ ist eine von Khourys Wortkreationen und soll auf jenen organischen Übergang, den die Musik zwischen den Welten und Stimmungen schafft, verweisen. Folglich trifft in den Eigenkompositionen Melancholisches auf Tanzbares, Hypnotisches auf Meditatives – viele Stücke ändern mehrfach Tempo und Atmosphäre. So startet der Opener „Coquillage“ mit einer massiven Synthie-Gewitterwand, die sich aber rasch auflichtet und von einer über wellenförmigen Tastenspielereien tänzelnden Posaunen-Melodie und spaciger Perkussion in ätherische Gefilde geführt wird. In „Alaoui Club“ darf im TGV-Tempo zu orientalischen Klängen getanzt werden – hochenergetische Perkussion trifft auf schwebend Elektronisches und eine singende Posaune. „Poussière“ („Staub“) startet mit einer nachdenklichen, von den Keyboards wirkungsvoll in Szene gesetzten Posaunenmelodie, geht von der Perkussion geleitet in einen lässigen Groove über, der wiederum in eine dichte, Synthie-getriebene Klanglandschaft mündet. Robinson Khoury, der seine Kompositionen als Kommentar auf die durchaus beunruhigenden und nachdenklich stimmenden Zustände auf der Welt versteht, hat das Stück den in den Kriegen und Konflikten zu früh Verstorbenen gewidmet, die seiner Meinung nach aber nicht einfach verschwinden, sondern als Staub auf der Erde zurückbleiben und so als Vergangenes in alle Zukunft weiterwirken. Diese Hoffnung findet ihren schönsten Ausdruck im darauffolgenden, beschwingten Solo-Stück „Hope“, auf dem Khoury seine virtuosen Fähigkeiten auf der Posaune höchst eindrucksvoll zur Schau stellt. Im „Taxi Brousse“ („Sammeltaxi“) treffen sich hypnotische Synthie-Klänge und krachende Noise-Elemente, Perkussion-Eskapaden und verträumte Posaunentöne.
Im Text des einzigen Songs des Albums „Pensées Irréelles“ geht es um die Zuverlässigkeit unserer persönlichen Wahrnehmung der Welt, in der wir wie Schiffbrüchige, die die Orientierung verloren haben, agieren – eine sanft gesungene Ballade voller wohldosierter Dramatik, mit verhallter Posaune, stimmungsvollen Klangflächen und treibenden Beats. Die elf ausdrucksstarken Stücke auf „Transara“ wirken trotz ihrer Vielfältigkeit wie aus einem Guss und erwecken gleichermaßen Emotionen wie Tanzlust. Faszinierend.
(ACT)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.