Retter in der Not Michael Löbl · Mär 2026 · Musik
Azim Karimov übernahm sehr kurzfristig das vorletzte Abonnementprogramm des Symphonieorchesters Vorarlberg für den erkrankten Chefdirigenten Leo McFall.
Einen Dirigenten-Einspringer zu suchen ist ein Glücksspiel. Wer hat kurzfristig für mehrere Tage Zeit? Wie sieht es mit dem Programm aus? Kennt der Einspringer alle Werke, kann er sie einstudieren oder muss man alles über den Haufen werfen? Können er und das Orchester miteinander? In diesem Fall hatte SOV-Geschäftsführer Gerald Mair Glück im Unglück. Seine guten Kontakte führten ihn nach München, also in überschaubare Reisedistanz, zu jemandem, der zufällig Zeit hatte und – das ist schon fast sensationell – bereit war, das Programm unverändert zu übernehmen. Bingo!
Ungewöhnliches Programm
Azim Karimov heißt dieser Retter in der Not. Der in Estland geborene Dirigent studierte in Moskau, zunächst Oboe (überaus praktisch für das Oboenkonzert im Programm) und anschließend Dirigieren. Seit 2022 ist er vor allem an der Bayerischen Staatsoper tätig, an der Hamburger Oper leitete er 2025 eine Neuproduktion von Michail Glinkas „Ruslan und Ljudmila“. Obwohl er zwei der vier Werke im Programm noch nie dirigiert hatte, wirkte er ausgesprochen überzeugend und gewann sehr rasch die Sympathien des Publikums.
Die Programmauswahl mit Sergei Prokofjews „Symphonie classique“, dem Oboenkonzert von Bohuslav Martinů, Gottfried von Einems „Wandlungen“ und der Symphonie Nr. 96 von Joseph Haydn wirkte auf den ersten Blick ungewöhnlich, ergab aber bei näherer Betrachtung durchaus Sinn. Sergei Prokofjew wollte eine Symphonie im Stil von Haydn schreiben, auch Gottfried von Einem bedient sich bei Vorlagen aus der Wiener Klassik. Als Finale gibt es dann das Original von Joseph Haydn himself.
„Wie würde Haydn komponieren, wenn er heute lebte?“ war Prokofjews Frage, wobei es sich bei seinem „heute“ um das Jahr 1916 handelte. Herausgekommen ist die „Symphonie classique“, das zweitpopulärste Stück dieses Komponisten, übertroffen nur noch von seinem unschlagbaren Geniestreich „Peter und der Wolf“. Azim Karimov begann das Konzert eher unspektakulär in gemäßigtem Tempo, so konnte das Publikum aber viel genauer den Strukturen folgen und Prokofjews brillante Instrumentation bestaunen. Das stimmungsvolle Larghetto stellt die Holzbläser in den Vordergrund, aber auch die ersten Violinen mit ihrer silbrigen Klangqualität in den höchsten Lagen. Im spritzigen Finale konnte das Symphonieorchester Vorarlberg einmal mehr seine virtuosen Qualitäten unter Beweis stellen.
Problematische Instrumentation
Der Tscheche Bohuslav Martinů war ein Zeitgenosse Sergei Prokofjews, sein Oboenkonzert schrieb er als Auftragswerk für einen in Australien lebenden tschechischen Oboisten. Es ist originell, technisch für alle Beteiligten anspruchsvoll – ein Glück, dass Azim Karimov als ehemaliger Oboist das auch rhythmisch komplizierte Werk gut kannte. Im Zentrum steht der stimmungsvolle zweite Satz mit seinen wunderschönen Orchesterfarben und dem teilweise wie improvisiert klingenden Solopart. Der Solist Andrey Godik verfügt über einen wunderbar weichen, ausdrucksvollen wenn auch nicht allzu großen Ton, die Kadenzen in diesem Satz gestaltete er frei und technisch brillant, insbesondere der Schluss in der für Oboe unangenehmen tiefen Lage gelang ihm außergewöhnlich ausdrucksvoll. Andrey Godik stammt aus Moskau. Nach Studien in seiner Heimatstadt und bei François Leleux in München war er zunächst Solooboist bei den Bamberger Symphonikern und wechselte 2021 in gleicher Position zu den Münchner Philharmonikern. Im Gegensatz zum Poco Andante hat Martinů die beiden Ecksätze leider nicht wirklich solistenfreundlich instrumentiert, der Orchesterapparat mit Klavier, Trompete und Hörnern macht dem armen Oboisten immer wieder das Leben schwer. Das lag nicht am Solisten, auch Godiks Lehrer François Leleux, der dieses Stück vor einem Jahr in Dornbirn mit dem Münchner Kammerorchester gespielt hat, hatte das gleiche Problem. Mit „Arethusa“, der sechsten der Metamorphosen von Benjamin Britten, bedankte sich Andrey Godik für den Applaus des Publikums.
Gottfried von Einem ist ein bedeudender österreichischer Komponist, der in letzter Zeit aus dem Fokus des Musiklebens verschwunden ist. Vor fünfzig Jahren war er in aller Munde, als Professor für Komposition an der Wiener Musikakademie und als Direktoriumsmitglied der Salzburger Festspiele war er eine prägende Figur nicht nur des österreichischen Musiklebens. Seine Opern „Dantons Tod“, „Der Prozess“ und „Der Besuch der alten Dame“ brachten es alleine in der Wiener Staatsoper auf insgesamt mehr als hundert Aufführungen. Eine gute Idee, wieder einmal Gottfried von Einem in ein Konzertprogramm einzubauen. Sein Stück „Wandlungen“ op. 21 weist durchaus Parallelen zu Prokofjews „Symphonie classique“ auf, auch Einem bezieht sich auf Vergangenes. Haydn, Mozart, Johann aber auch Richard Strauss winken augenzwinkernd aus der Ferne. Wenn man den „Wandlungen“ nur ein einziges Attribut zuschreiben dürfte, wäre es zweifellos „wienerisch“. Das Stück ist originell, witzig, brillant orchestriert und gibt Impulse, um sich auch mit anderen Orchesterwerken dieses Komponisten zu beschäftigen.
Treue Musiker:innen
Vor dem letzten Programmpunkt, der Symphonie Nr. 96 („The Miracle“) von Joseph Haydn verließen nicht nur die vom Komponisten nicht beschäftigten Klarinetten die Bühne, auch acht Streicher mussten gehen. Warum? Aha – Haydn historisch informiert, in kleiner Besetzung. Aber ob das Finale und somit Hauptwerk des Programmes wirklich viel dünner und flacher klingen sollte als die drei Werke davor? Das war eine Schnapsidee. Aziz Karimov musste dieses Stück neu studieren und hatte dazu gerade zwei Tage Zeit. Eine wirklich persönliche Handschrift zu zeigen, ist unter diesen Umständen nicht möglich, dennoch gelang eine tadellose, runde und stimmige Aufführung. Gerade Haydns „Londoner Symphonien“ sind voller orchestraler Überraschungen, kühner Harmonien und vieler solistischer Passagen für einzelne Orchestermitglieder. In diesem Fall explizit zu erwähnen sind die Konzertmeisterin Monika Schuhmayer mit ihrem glasklar gespielten Violinsolo im zweiten Satz und die Oboistin Heidrun Pflüger, die den Mittelteil des Menuetts mit geschmeidigem Ton und geschmackvollen Verzierungen bereicherte. Insgesamt eine orchestertechnisch überzeugende Wiedergabe dieser Haydn-Symphonie, die das Programm harmonisch abrundete.
Ein Wort noch zum Symphonieorchester Vorarlberg und seiner Besetzung. Es ist wirklich bemerkenswert, wie viele Musiker:innen bereits zehn, zwanzig oder sogar über dreißig Jahre dabei sind und dem Orchester damit eine Kontinuität verleihen, durch die es sich deutlich von vielen anderen Freelance-Orchestern mit oft sehr hoher Musikerfluktuation unterscheidet. Und diese Treue ist sicher einer der Gründe für den anhaltenden Erfolg des SOV.