Relevant bleiben Ingrid Bertel · Dez 2025 ·
Irene Aue-Ben-David ist ab April 2026 die Nachfolgerin von Hanno Loewy im Jüdischen Museum Hohenems.
Es ist der erste Tag von Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, an dem sich Irene Aue-Ben-David als designierte Leiterin des Jüdischen Museums Hohenems vorstellt. Es ist ein Tag, überschattet von einem mörderischen antisemitischen Anschlag in Australien. Und dennoch ist es auch ein Tag der Freude für Hanno Loewy, der das Museum in Hohenems seit 20 Jahren prägt und leitet und sich Ende März in die Pension verabschiedet. Er sei „sehr froh“ über die Nachfolgerin, sagt er – und das Einvernehmen zwischen den beiden ist spürbar.
Aus 14 Bewerbungen wurde die 53-jährige Historikerin in einem zweistufigen Bewerbungsverfahren einstimmig gekürt. Romuald Kopf, Obmann des Fördervereins und Leiter der Findungskommission, betont ihre „lebenskluge Unaufgeregtheit“. Aue-Ben-David erfülle alle Voraussetzungen: fachliche Exzellenz, Forschungskompetenz sowie Erfahrung in der Vermittlung und im Management als Leiterin internationaler Projekte.
Von Jerusalem nach Hohenems
Die promovierte Historikerin steht seit 2015 dem Leo Baeck Institut in Jerusalem vor. Dieses forscht, auch an seinen weiteren Standorten in London, New York und Berlin, auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte und Kultur. Es vermittelt liberale Werte mit Blick auf die Relevanz der Themen für die Gegenwart. Eines der Projekte, die Aue-Ben-David anstieß und leitete, ist die „Library of Lost Books“, eine Suche nach von den Nazis geplünderten jüdischen Bibliotheken. Vor allem junge Menschen beteiligten sich an dieser Suche – sie mit ihren Programmen anzusprechen, das sei ein Programm „mit Herzblut“, sagt Aue-Ben-David.
Rund 60.000 Bücher wurden mittlerweile gefunden und in einer globalen Forschungsdatenbank online präsentiert. Damit möchte die „Library of Lost Books“ jede einzelne und jeden einzelnen dazu ermutigen, sich aktiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und dazu gibt es direkte Anknüpfungspunkte in Hohenems und in der aktuellen Ausstellung des Jüdischen Museums. Zu den Beraubten gehörte nämlich auch das Gelehrtenpaar Michael und Emmy Schnebel, das auf dem jüdischen Friedhof in Hohenems begraben ist.
The Library of Lost Books
Michael Schnebel hat als Kenner ägyptischer Papyri ein bis heute grundlegendes Buch über die „Landwirtschaft im hellenistischen Ägypten“ geschrieben. Auf der Flucht vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus nahm er sich, gemeinsam mit seiner Frau, in Feldkirch das Leben. Das Paar hinterließ ein Testament, in dem es Magdalene Boese, Emmys nichtjüdische Schwägerin, als alleinige Erbin einsetzte. Nach dem Tod der Schnebels aber beantragte Franz Josef Strauß, langjähriger bayerischer Ministerpräsident – und damals ein 23-jähriger Student der Altertumswissenschaft – die Herausgabe von Michael Schnebels Bibliothek, darunter ein Entwurf seines geplanten nächsten Buches. Die Wohnung der Schnebels in Garmisch-Partenkirchen wurde versiegelt, ihr Besitz inventarisiert und öffentlich versteigert. Einige der wertvollsten Besitztümer der Schnebels befinden sich noch immer im Besitz der Nachkommen ihrer Nachbarn aus Garmisch.
Lokal verankert, international präsent
Irene Aue-Ben-David könne dank ihrer Erfahrung gut an die Arbeit des Jüdischen Museums Hohenems anknüpfen, freut sich Hanno Loewy. Er sei sicher, sie schaffe den Spagat, den das Haus nun einmal erfordere: lokal verankert und international präsent zu sein. Aue-Ben-David gibt das Kompliment zurück: Sie habe Hochachtung vor dem, was im Museum geleistet wurde, schätze seine lokale Verortung, die Vermittlungsarbeit, die akribische wissenschaftliche Forschung. Bescheiden fügt sie hinzu, sie habe „noch keine Erfahrung in der Museumswelt“, bringe auch kein fertiges Konzept mit. „Man sucht den richtigen Menschen und nicht das richtige Konzept“, betont Hanno Loewy. Er sei sicher, dass man in ihr den richtigen Menschen gefunden habe.
Aue-Ben-David hat die letzten 22 Jahre in Israel gelebt, das seit dem 7. Oktober „die größte Krise der jüdischen Welt seit dem Holocaust“ erlebt. Die Grenzregion Hohenems mit ihrer Ruhe und Distanz zum Krieg sei ein sehr geeigneter Ort, um darüber zu reden. Sie wolle die „Geschichte von Emotionen“ thematisieren, weil die aktuellen Debatten davon geprägt sind, „dass wir alle so aufgeregt sind“.
Da tut es gut, den Kontakt mit den Nachkommen der Hohenemser Jüd:innen zu pflegen – so könne man die Perspektiven der Hohenemser Diaspora kennenlernen. Nicht zuletzt ihnen verdankt sich die Offenheit des Hauses und der kritische Diskurs, der dort seit Jahrzehnten gepflegt wird, aber auch – so Hanno Loewy – die internationale Strahlkraft des Museums.
Aue-Ben-David kann sich Zeit nehmen, Beziehungen zu ihnen aufzubauen. Das nächste Nachkommen-Treffen ist bereits geplant. Auch die nächste Ausstellung, eine Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Wien. Sie wird sich dem Vergessen widmen.