Reform ohne Veränderung
Ein Kommentar zu den aktuellen Plänen des Bildungsministers
Gerhard Pušnik ·
Mär 2026 · Aktuell
Eine „Aufholjagd“ ist dem Bildungsminister zu wenig, er will das Bildungssystem mit einem „Plan Z“ auf die „Überholspur“ bringen. Das hat Christoph Wiederkehr Mitte November in einer Grundsatzrede verkündet. Bildung heißt für ihn: kritisch denken, Zusammenhänge begreifen, Verantwortung übernehmen. Es sei ihm wichtig, dass alle, die die Schule verlassen, ein „selbstbestimmtes Leben“ führen können.
Der Minister verfolgt sein Ziel im Dreischritt: reden, befragen, umsetzen. Seit Monaten trifft er sich mit Expert:innen, Lehrer:innen, Eltern und Schüler:innen. Im Jänner führte das Umfrageinstitut von Peter Hajek eine groß angelegte Onlinebefragung unter dem Motto „Plan Zukunft: Bildung fürs Leben“ durch. Über 46.000 Teilnehmer:innen – Eltern, Lehrer:innen und Schüler:innen – haben die Fragen beantwortet. Dabei durften Eltern und Lehrer:innen z. B. elf vorgegebene Entwicklungen bewerten, welche „das Bildungssystem besonders herausfordern“. Von beiden Gruppen wurde an erster Stelle der „Einfluss sozialer Medien auf Lernen, Konzentration und Verhalten“ als markante negative Entwicklung genannt.
In einem weiteren Item wurden Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen sechs Themen mit der Frage „Welche Kompetenzen sollten im Schulunterricht besonders vermittelt werden?“ zur Gewichtung vorgelegt: Soziale Kompetenzen, Kritisches Denken, Lernen lernen, Teamarbeit, Kreativität & Innovationen, Digitale Kompetenz. Ergebnis: In allen drei Gruppen werden „Soziale Kompetenzen“ an erster und „Kritisches Denken“ an zweiter Stelle als jene Kompetenzen genannt, die „besonders vermittelt“ werden sollen. An die letzte Stelle gereiht wurde das Bedürfnis nach mehr „Digitaler Kompetenz“.
Anfang Februar wurden die Ergebnisse dieser Umfrage im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit präsentiert. Und welche Konsequenzen zieht der Bildungsminister daraus? Es soll der neue Unterrichtsgegenstand „Medien und Demokratie“ eingeführt werden. Und zwar am besten auf Kosten von Fremdsprachen (Französisch, Italienisch, Spanisch, Latein). Der Minister wog sich in Sicherheit, indem er erwähnte, nur Latein kürzen zu wollen, und unterschätzte den medialen Aufschrei. Doch vorerst sollen noch in sogenannten Bürger:innenforen in ganz Österreich die Details der „Reform“ diskutiert werden, bevor Ende März die finale Präsentation mit den konkreten Maßnahmen stattfindet, mit denen der Bildungsminister die „Pädagogik ins 21. Jahrhundert“ bringen will.
Stundenverschiebung als „radikaler Umbau“?
Obwohl das Bildungsministerium seit vielen Jahren Daten sammelt und inzwischen schon mehrere umfangreiche, wissenschaftlich fundierte „Nationale Bildungsberichte“ vorliegen, findet sich im „Plan Z“ kein Bezug darauf. Die aktuelle Meinungsumfrage ist ausreichend, um „Übereinstimmungen“ zu eruieren, man schaut einmal, woher der Wind weht, dann kann nichts schiefgehen. Mit den Roadshows und der Massenbefragung wird Stimmung gemacht, um Widerspruch zu zerstreuen.
Wer – wie Bildungsminister Wiederkehr – von einem „radikalen Umbau“ des Bildungssystems spricht und Schüler:innen und Lehrer:innen in „eine immer komplexer werdende Welt“ führen will, von dem dürfte man mehr erwarten als eine Stundenverschiebung. Mit den angekündigten eigenen Fächern für Wirtschafts- und Finanzbildung, Medienkompetenz und Demokratiebildung kommt er Industrie- und Wirtschaftsinteressen und der Stimmung in den Medien entgegen.
Klimabildung und viele andere wichtige Themen fehlen weiterhin
In welches Jahrhundert die Pläne weisen, zeigt auch die Kritik von „Teachers For Future“ (TFF): Der Bildungsminister ignoriere „eine zentrale Herausforderung“, nämlich „die ökologischen Krisen“. Sie schlagen vor, die „,Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ (BNE) als höchste Priorität an jedem Schulstandort“ zu verankern, ein Konzept mit vielen Inhalten, „die auf eine gute Welt & Gesellschaft von morgen vorbereiten: Soziale Kompetenzen; kritisches, innovatives & kreatives Denken; Alternative Wirtschaftsmodelle (eben nicht kapitalistisch und neoliberal); lernen von ökologischen Lebensweisen; Klimabildung;…“.
Auch diese Themen haben keinen Platz in den Bildungsplänen für das 21. Jahrhundert: Bildungsungerechtigkeit, die Belastung der Lehrer:innen, das fehlende Unterstützungspersonal, die fehlenden qualifizierten Lehrer:innen, jenes Fünftel von Schulabgänger:innen, denen die Grundkompetenzen fehlen, die Ziffernnotenproblematik oder die unzureichende Sprachförderung. Aber auch die großen strukturellen Probleme, die zersplitterten Bund-Land-Zuständigkeiten, die fehlenden Ganztagsschulen oder gar die Gemeinsame Schule der 6 bis 14-Jährigen finden keine Erwähnung.
Das alles wäre viel zu viel für das einfache Denken in einer immer komplexer werdenden Welt.
Gerhard Pušnik ist Obmann der Vorarlberger Lehrer:innen-Initiative (VLI) und war viele Jahre aktiv in der AHS-Personalvertretung.
Die Ergebnisse der zitierten Umfrage finden Sie auf www.bildungfuersleben.at, die Kritik von TTF auf www.teachersforfuture.at.
Dieser Kommentar ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.