Rebekka Bakken: Nord Peter Füssl · Dez 2025 · CD-Tipp
Die norwegische Sängerin Rebekka Bakken kann auf ein vielseitiges Oeuvre zwischen Jazz und Singer-Songwriting, Folk, Pop und Country verweisen. Sie interpretierte mit dem Julia Hülsmann Trio Gedichte von E. E. Cummings (2003) ebenso stimmig, wie die schrägen Songs von Tom Waits auf ihrem Album „Little Drops of Poison“ (2014). Nach längeren Stationen in New York, Wien und Schweden, lebt sie seit 2018 wieder in ihrer Heimat - und nun geht’s auch musikalisch „back to the roots“, wie Bakken in einem Statement zum neuen Album erklärt: „‚Nord‘ ist kein Archiv, es ist ein Herzschlag. Diese Lieder leben seit meiner Kindheit in mir – Hymnen und Volksmelodien auf Norwegisch, die Stimme meiner Mutter, das Echo der Kirchenwände. Ich wollte sie nicht als Erinnerungen singen. Ich wollte sie wieder zum Leben erwecken. Sie sich bewegen, atmen und tanzen lassen im Jetzt – manchmal zerbrechlich wie ein Flüstern, manchmal schnell und donnernd.“
Tatsächlich ist es diese emotionale Bandbreite, die begeistert, und die Ausdrucksstärke von Bakkens Drei-Oktaven-Stimme, die zwischen engelhafter Sanftheit und rauer Kraft eine Vielzahl an Gefühlen zu evozieren vermag. Nein, „Nord“ ist kein Museumsprojekt, vielmehr wird Traditionelles von erstklassigen Musikern im Hier und Jetzt verortete und mit Energie und Schönheit aufgeladen. Stein Austrud an Orgel und Synthesizer, Eivind Aarset an den E-Gitarren, Svein Schultz am E-Bass und Rune Arnesen an Drums und Percussion setzen wundervolle Akzente und rücken Bakkens Stimme stets ins perfekte Rampenlicht. Auf einigen Stücken liefern Hildegunn Øiseth am Bukkehorn (Ziegenhorn) und Simon Issat Marainen mit seinen samisch geprägten Joiks zusätzlich authentisches Lokalkolorit. Der anfangs verträumte, aber in der Folge durch Aarsets Gitarre enorm an Intensität gewinnende Opener „Møt meg (Meet me)“, das mystisch anmutende „Tusen blå (Thousand Blue)“ und das wohl eher ins Albtraumhafte verweisende Schlaflied „So ro til meg selv (So Ro – To Myself)“ sind echte Bakken-Originals, reihen sich aber perfekt in jene Songs ein, die auf jahrhundertealte Kirchenlieder und Traditionals zurückgehen.
Tribal Beats und dichte Soundscapes lassen „Mitt Hjerte alltid vanker (My Heart Always Wanders)“ des dänischen Kirchenlieddichters Hans Adolpe Brorson archaisch und modern zugleich wirken, erst beim a-cappella-Einschub gegen das Ende hin hätte sich der Kirchenmann aus dem 18. Jahrhundert wohl auch ein bisschen heimisch gefühlt. Das ebenfalls aus seiner Feder stammende „Korset vil jeg aldri svike (The Cross I Never Forsake)“ eröffnet Rebekka Bakken hingegen gleich schon a-cappella, lotet ihre Stimme in vielerlei Richtungen aus, und das Ziegenhorn schafft zusätzlich archaische Momente. Einen sakralen Anstrich hat auch „Gjendines bådnlåt (The Child is Laid in the Cradle)“, ein meditativ wirkendes Schlaflied, in dem das schlafende Kind mit Jesus in der Krippe verglichen wird. „Eg veit i himmelrik ei borg“ ist eine alte norwegische Übersetzung des deutschen Psalms „Ich weiß ein ewig Himmelreich“ aus dem 16. Jahrhundert – im Duo mit Stein Austrud am klassischen Piano realisiert. Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Lars Linderot „Ingen vinner frem til den evige (None Shall Reach Eternal Rest)“, einen frommen Wegweiser für den Sünder auf dem Weg ins Himmelreich, der dieses außergewöhnliche Album abschließt. Alle diese Lieder werden auf Norwegisch gesungen. Die Ausnahme macht „My Choicest Hours“, eine Art hohes Lied auf die Liebe der prominenten Sufi-Mystikerin Rabia al-Basri, die im 8. Jahrhundert im Irak lebte. Rebekka Bakken hat es vertont und singt den Text auf Englisch, ehe ihn der syrische Sänger Saleh Mahfoud – durchaus Gänsehaut evozierend – auch auf Arabisch interpretiert. „Der Moment fühlt sich roh, hypnotisch und weit wie der Nachthimmel an. Kein Umweg, sondern ein Wendepunkt – an dem das Album seine Arme für etwas Größeres öffnet“, erklärt Rebekka Bakken. Sie erzählt auch, dass sie schon vor 20 Jahren an solch ein Album gedacht habe, aber erst jetzt diesen Liedern mit der notwendigen Distanz und Freiheit begegnen könne, um eine eigene Form zu finden und Tradition zu gestalten. Herausgekommen ist eine stimmige Verbindung zwischen Altem und Gegenwärtigem, in erster Linie getragen von Rebekka Bakkens unter die Haut gehender Stimme, die oftmals – wie das Liedmaterial – jenseits von Zeit und Raum angesiedelt zu sein scheint.
(Supreme Music Group)