Orient & Okzident
Musikalische Kontraste mit Vocale Neuburg in Götzis
Michael Löbl · Nov 2025 · Musik

Konzerte des Kammerchores Vocale Neuburg unter der Leitung von Oskar Egle bieten dem Publikum seit 40 Jahren nicht nur Chorgesang auf höchstem Niveau, sondern auch immer wieder Überraschendes. Neue Ideen und Konzepte sowie Gäste aus verschiedensten musikalischen Welten sorgen für Abwechslung, fordern aber sowohl vom Chor als auch vom Publikum ein gewisses Maß an Neugier und Flexibilität.

Vom Musical-Oratorium „Considering Matthew Shepard“ im vergangenen Jahr bis hin zu einem puristischen Barockprogramm zum 40-jährigen Chorjubiläum 2022, vom Tango mit Goran Kovačević am Akkordeon über Projekte mit dem Jazzorchester Vorarlberg oder der Poetry-Slammerin Katharina Wenty bis zum Perkussionisten David Soyza – viele sehr unterschiedliche Partner:innen standen im Laufe der letzten vier Jahrzehnte gemeinsam mit Vocale Neuburg auf der Bühne. 

Zwei Welten

Im ausverkauften Konzert am Samstagabend in der Kulturbühne AmBach ging es um die Gegenüberstellung und Verbindung von Musik aus Orient und Okzident. Chorleiter Oskar Egle erinnert sich: „Durch Zufall lernte ich bei einem Festival die Sängerin Rita William und ihr Ensemble Oriental Echo kennen. Ihr Auftritt hat mich total geflasht, sowohl ihre Art zu singen, als auch die historische Musik des Nahen Ostens mit ihren Instrumenten wie Kanun, Ney oder Duduk. Mir war ziemlich bald klar, dass ich diese drei Musiker:innen einladen muss, in einem Konzert von Vocale Neuburg mitzuwirken. Ich habe dann ein Programm um dieses Ensemble herumgebaut. Der 500. Geburtstag von Giovanni Pierluigi da Palestrina, einem der wichtigsten Komponisten der Renaissance, kam da wie gerufen. Und ganz plötzlich ergab sich für mich ein Zusammenhang. Palestrinas ,Missa Papae Marcelli' als Symbol für die westliche Kirchenmusik und die spirituellen Gesänge des Nahen Ostens. Zwei Welten, die sich gegenüberstehen und gleichzeitig miteinander verwoben sind.“
Oriental Echo, das sind neben Rita William mit ihrer warmen, ausdrucksvollen Stimme, ihr Mann Rageed auf den Blasinstrumenten Ney (Flöte) und Duduk (Schalmei) sowie Rimonda Naanaa, auf dem Kanun, der orientalischen Zither. Vocale Neuburg – wie immer in Topform – eröffnete das Konzert mit zwei Chorwerken aus Estland und der Schweiz. Mit dem Stück „Attakilu Alayke“, einem christlich-orientalischen Gebet an die Heilige Dreifaltigkeit, begann die Verzahnung von orientalischer Musik und einer der bekanntesten Messvertonungen der Renaissance. Jeweils ein Satz der Messe und ein Lied von Oriental Echo wechselten einander ab und traten in Beziehung zueinander.

Magischer Chorklang

Giovanni Pierluigi da Palestrina zählt gemeinsam mit Thomas Tallis, Orlando di Lasso oder William Byrd zu den bedeutendsten Komponisten des 16. Jahrhunderts. Seine „Missa Papae Marcelli“ ist eines der bekanntesten kirchenmusikalischen Werke überhaupt. Sie erklingt bis heute im römischen Petersdom immer dann, wenn der Papst einen Gottesdienst feiert. Der Legende nach konnte Palestrina mit dieser Komposition einen drohenden Bann polyphoner Kirchenmusik abwenden. Man hatte damals Angst, dass die immer komplexer werdende Musik zu sehr vom Messtext ablenken könnte. Palestrina schrieb seine Messe in phrygischer Kirchentonart und es ist beeindruckend, wie ein Werk, in dessen Chorpartitur sich kein einziges Vorzeichen findet, also kein einziges Kreuz oder B und somit auch keine Modulation, nie langweilig wird und die Zuhörer bis zum letzten Ton in seinen Bann zieht.
Das lag natürlich auch an der Interpretation durch Oskar Egle und Vocale Neuburg. Klanggewaltig und perfekt einstudiert setzten sie auf starke dynamische Kontraste und gaben jedem der Messteile Kyrie, Gloria, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei einen eigenen Charakter. Palestrinas Originalpartitur ist für einfach gesetzte Frauen- und geteilte Männerstimmen geschrieben, eine Aufteilung, die bei heutigen Chören, in denen es immer mehr Damen als Herren gibt, nicht möglich ist, ohne die Stimmbalance zu verändern. Oskar Egle musste also einige Verschiebungen vornehmen, um dem Originalklang so nahe wie möglich zu kommen. 

Gemeinsames Finale

Und wie funktionierte die Kombination von Renaissance und Orient? Erstaunlich gut! Die Übergänge waren harmonisch und die beiden Musikstile ergänzten einander durch ihren meditativen Grundcharakter. Wenngleich die arabisch gesungenen Lieder des Trios im Laufe des Abends wenig Abwechslung boten in Bezug auf Tempo und Ausdruck, alles klang ein wenig ähnlich, ob das jetzt komponierte Musik war, Traditionals oder die vertonte Übersetzung des 23. Psalms „Der Herr ist mein Hirte“. Auch der immer wiederkehrende Tremolo-Effekt auf dem Kanun nutzte sich irgendwann ab.
Der Schluss des Konzertes war reserviert für drei Nummern, in denen sich Trio und Chor musikalisch vereinten und gemeinsam musizierten, unter anderem mit dem Hit „Viva la Vida“ von Coldplay. Leider gelang diese Vereinigung der musikalischen Welten nicht wirklich. Vielleicht hätte man mehr Probenzeit gebraucht, aber die beiden Musikstile wollten einfach nicht so richtig miteinander emulgieren. Erst bei der Zugabe, einer originellen Version von „Müsle gang ga schlofa“ für Glasharmonika (mit den Fingern gestrichene, perfekt gestimmte Wassergläser), Sologesang, Ney und Kanun stellte sich so etwas wie Gemeinschaftsgefühl ein. Da war das Konzert allerdings schon vorbei.

www.vocale-neuburg.com

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