Optimiertes Menschsein Sieglinde Wöhrer · Jun 2026 · Theater

Im Rahmen des Tanzfestivals Bregenzer Frühling präsentierte der Regisseur Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble das neue Stück „Human. Ich bin Mensch“ im Theater Kosmos.

Auf den Planen im Hintergrund verwandeln sich Haut und Organe konstant und unauffällig in die metallenen Körper der Roboter, die die Bewegungen der Darsteller:innen nachahmen. Sie tanzen mit dem Ensemble, sie tanzen zur lauten und intensiven Musik von Andreas Dauböck und Jean Philipp Oliver Viol und sie tanzen auch noch weiter im Dunklen, wenn die Darsteller schon längst die Bühne verlassen haben.
„Human“ ist ein chaotisches Stück ohne richtigen Anfang oder Ende, das Momente herausbricht und ihre Figuren mit ihren Schwierigkeiten auf der Bühne präsentiert. Die meisten Themen werden nur oberflächlich angerissen und sind so durcheinandergewürfelt, dass auch die Figuren damit völlig überfordert sind und zur Sicherheit das Handy ganz nah bei sich tragen, um bei jeder Unklarheit sofort nachfragen zu können, was die KI dazu weiß. Von diesem Stress – oder von seinem Dasein als Star? – hat Benjamin (Vanyek) Augendruck bekommen, das Sprachentalent Andreas (Jähnert) kann sich das ganze Stück hindurch nicht wirklich verständlich machen und Isabella (Jeschke) steht oder sitzt unfreiwillig im Fokus von gut gemeinten Zuwendungen und der harten Kritik ihrer Kollegen. „Human“ beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und Social Media und transportiert Energie und Spannung, das Stück bringt dabei aber auch die Leere hervor, die auftaucht, wenn einem die Kontrolle über das eigene Handeln allmählich entgleitet.

Auf der Suche nach Bestätigung

Die Themen des Stücks ziehen sich auf ironische Weise durch das Leben der Figuren und so ist zum ersten auch Isabellas ungeborenes Kind involviert – ob es will oder nicht. Isabellas Kind „wird sicher einen angenehmen Charakter haben“ sagt Thomas (Kolle), der einerseits ganz angetan ist, von diesem nackten Babybauch, dann aber radikal Isabellas Entscheidungen hinterfragt: „Glaubst du, dass du eine gute Mutter bist?“ Und so prallt die Leichtigkeit und das Verspielte des Alltags auf Vorstellungen und Erwartungen, wie Dinge und Situationen im besten Fall sein sollten. Die Unsicherheiten und Sorgen der Protagonist:innen werden von dem im Internet verbreiteten Optimierungswahn noch verstärkt. Thomas macht auch als Entspannungstrainer keinen gechillten Eindruck, Kirstin (Schwab) ist dauerhaft verharrt in ihrer gruselig-verrückten Rolle und Andreas ist von den anderen gedanklich weit weg und träumt von einer Bar, wo jeder nur mehr miaut. Nur bei Benjamin gibt es noch Hoffnung, denn „wenn man weiß, man ist etwas Besonderes, ist das wunderbar“. In der sozialen Isolation, die eine technologisierte Welt so mit sich bringt, erinnert er sich an Momente der echten menschliche Zuwendung, manchmal reicht da auch schon das Gemeinschaftsgefühl unter Kolleg:innen beim Kassa-Dienst. Was die Performance zeigt, ist dass Menschsein auch manchmal heißt, aus der Reihe zu tanzen, mit Popcorn zu schmeißen und subtil den Zwischenapplaus einzufordern, um sich besser zu fühlen.
Die Figuren kämpfen mit ihrer Machtlosigkeit, den gesellschaftlichen Erwartungen und Idealen nicht entsprechen zu können. Sie kennen ihre Fehler und leiden darunter, können sich jedoch nicht von ihren Situationen lösen. Aber der Versuch, das Leben gut zu bewältigen, ist da: Isabella hat für ihr Kind gespart, aber das Geld ist weg, dafür posiert sie jetzt in Thomas Crowdfunding-Video (für OnlyFans?), Benjamin hat zwei Hunde gerettet und Kirstin probiert es doch nochmal mit der Empathie Isabella gegenüber: „Ich möchte dir ganz nahe sein und wirklich Interesse haben, aber ich hab es nicht.“ Und so versucht sie eben mit der KI herauszufinden, „wie Menschsein funktioniert“.

aktionstheater ensemble: „Human – Ich bin Mensch“
Weitere Termine: 12./13.6., 20 Uhr, Theater Kosmos Bregenz
www.aktionstheater.atwww.theaterkosmos.at

Teilen: Facebook · E-Mail