Neue Musik aus der Sprache geboren
Großer Beifall für José Oliver und das Kammerorchester InnStrumenti
Silvia Thurner ·
Jun 2026 · Musik
Bereits zum dritten Mal gastierte das Tiroler Kammerorchester Innstrumenti unter der Leitung von Gerhard Sammer in der Bludenzer Remise und ging mit der Konzertlesung „klang_sprachen“ eine inspirierende Verbindung zwischen Lyrik und zeitgenössischer Musik ein. Das Projekt ist im Innsbrucker Lyrikfestival „W:ORTE“ verankert und strahlt mit diesem exquisiten Format nach Vorarlberg aus.
Im Mittelpunkt des Abends stand der Lyriker José Oliver. Er trat mit dem Kammerorchester in einen bewundernswert feinsinnigen Dialog, rezitierte seine Gedichte sehr musikalisch, teilweise eingebettet in den Klangfluss der Kompositionen, und bereicherte die Konzertlesung mit a cappella gesungenen Liedern aus Andalusien. Der Lyriker und Essayist lebt im Schwarzwald und hat andalusische Wurzeln. Mit ruhiger Diktion agierte der Autor sympathisch und unaufgeregt. Seine assoziativen Worte und Texte regten an und verströmten eine eindrückliche Kraft, die den Zuhörenden Bilder in den Kopf setzten. Berührend waren insbesondere jene Abschnitte, als José Oliver ein andalusisches Lied sang und damit eine feine Verbindung zwischen der Lyrik und der Musik herstellte.
Neue Kompositionen nach Olivers Lyrik
Thomas Cornelius Desi, Nava Hemyari, Anto Sophia Manhartsberger und Gunter Schneider hatten eigens für die „klang_sprachen“ nach Gedichten von José Oliver neue Werke komponiert. Durch die aufmerksame Spielart der Musiker:innen und den ruhigen, ausgewogenen Vortrag des Lyrikers entfaltete sich im Saal eine anregende und dichte Atmosphäre.
Thomas C. Desi und Gunter Schneider sind beide in Bludenz geboren, sie leben jedoch seit vielen Jahren in Wien bzw. in Tirol. Seinem neuen Werk „kl:eine Auferstehung“ legte Thomas Desi die Zeilen „nach dem großen regen öffnet sich der löwenzahn“ zugrunde und fand für die musikalische Gestaltung eine originelle Klanggebung. Auf einer Leine hängte der Perkussionist nasse Putztücher auf, die auf darunter positionierte, unterschiedlich große Blechdosen tropften. Diese „Installation“ und darüber hinaus Tastbewegungen am Griffbrett der Streicher ergaben einen wunderbar anregenden, rhythmischen Klanggrund für die feinsinnig ineinander verwobenen melodischen Linien und den von José Oliver rezitierten Text.
Spannend war auch das organisch angelegte Werk mit dem griffigen Titel „Vom Klang der Leere“ von Gunter Schneider. Luftgeräusche und leicht pulsierende Klangflächen bildeten den Rahmen für impulsive Tonfloskeln, die in die Flächen hineingesetzt wurden. Den philosophischen Text rezitierte der Autor mit einem hervorragend abgestimmten Sprachduktus.
„Schwarzmilan“ von Anto Sophia Manhartsberger formte den zugrundeliegenden Text mit plastischen Bildern aus und deutete den Text durch den illustrativen musikalischen Klangcharakter erfrischend klar. Nava Hemyari verband in ihrem Werk „Für O“ jiddische Elemente mit musikalischen Mitteln und schuf damit eine prägnante Verbindung zwischen Sprachbetonungen und -rhythmen sowie musikalischen rhythmischen Mustern, die eine ansprechende Wirkung verbreiteten.
Klex Wolf gewidmet
Der gesamte Abend war dem im Jahr 2024 verstorbenen Tiroler Komponisten Klex Wolf gewidmet. Gemeinsam mit Robert Renk war er Mitbegründer der „klang_sprachen“. Zwei originelle Variationssätze aus seiner Feder, über das berühmte, seit dem 15. Jahrhundert oft vertonte Folia-Thema, bildeten einen ansprechenden Rahmen. Zuerst erklang die „Weiterkomposition“ von Klex Wolf nach Carl Philipp Emanuel Bachs Werk „Les Folies d’Epagne“. Besonders jener Abschnitt, in dem die Instrumente pointillistisch ineinander verschachtelt wurden und damit ein klangfarblich reizvolles Vexierbild entstand, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Auch über Sergej Rachmaninov baute Klex Wolf einen Variationensatz auf. In den kompositorischen Fluss bettete José Oliver lyrische Texte sowie ein spanisches Wiegenlied ein.
Die Musiker:innen des Kammerorchesters „InnStrumenti“ präsentierten die neuen Kompositionen mit viel Esprit und großer Aufmerksamkeit für die Rezitationen von José Oliver. Durch die konzentrierte Spielart stellten sich geistreiche Verbindungen mit der Sprache ein. Dadurch wurden die großen musikalischen Anteile, die jede Sprache in sich birgt, hervorragend herauskristallisiert und erfahrbar gemacht. Die Fäden liefen beim Dirigenten Gerhard Sammer zusammen. Er dirigierte mit klarer Geste und verband sowohl die Musiker:innen als auch die Rezitationen von José Oliver zu einem stimmigen Ganzen, das begeisterte.