Neu in den Kinos: „Wenn der Herbst naht“ Michael Pekler · Aug 2025 · Film

In seinem jüngsten Spielfilm erzählt François Ozon davon, wie schnell ein beschauliches Leben aus den Fugen geraten kann: Die großartige Hélène Vincent spielt eine alte Dame, die Besuch erwartet – und mit einem Pilzgericht wenigstes ein erstes Unglück anrichtet. Ein farbenfrohes Kriminalstück, in dem die ernsten und heiteren Töne perfekt aufeinander abgestimmt sind.

Ein Film von François Ozon erinnert an eine bunte Wundertüte: Man erkennt ihn an der Verpackung und freut sich auf den Inhalt. Doch zugleich hält sich die Überraschung in Grenzen, denn man weiß, was einen erwartet: Ozons Kinoarbeiten sind stets souverän inszeniert, klug geschrieben und haben eine eigene Eleganz. Sie entstehen nahezu im Jahresrhythmus und wirken deshalb fast ein bisschen wie liebgewordene Verwandte, die einen regelmäßig besuchen. So wie „Wenn der Herbst naht“ („Quand vient l’automne“), der tatsächlich mit einem Besuch beginnt.
Michelle (Hélèlene Vincent) hat sich – der Titel des Films spielt auf Jahreszeit und Lebensalter an – im Ruhestand nach vielen Jahren in Paris in die französische Provinz zurückgezogen. Sie liebt ihr kleines Haus und den hübschen Garten, erntet ihr eigenes Gemüse und macht mit ihrer ehemaligen Arbeitskollegin und besten Freundin Marie-Claude (Josiane Balasko) Spaziergänge am Fluss oder durch den Wald. Eine glückliche ältere Dame lernt man hier kennen, die sich möglicherweise zwar manchmal ein wenig allein, aber nicht einsam fühlt. Außerdem freut sich Michelle auf ihren Enkelsohn, der am nächsten Tag mit ihrer Tochter Valérie (Ludivine Sagnier) eintreffen wird und die Herbstferien bei der Großmutter verbringen soll. Weshalb Michelle und Marie-Claude noch rasch Pilze sammeln. Das könne jedem passieren, bekommt sie später oft zu hören, nachdem ein giftiges Exemplar seinen Weg auf Valéries Teller gefunden hat. 

Gift und Geld

Man merkt François Ozons Kinoarbeiten immer seine Liebe für das Theater und das Schauspiel an, und offensichtlich bereitet ihm das Schreiben seiner Bücher mindestens so viel Spaß wie das Drehen. In „Wenn der Herbst naht“ finden sich einige bewusst gesetzte Ungereimtheiten, die dieser Geschichte von der ersten Minute an den Anstrich eines Kriminalstücks verleihen. Wollte Michelle ihre unfreundliche Tochter, die scheinbar nur an ihrem Geld interessiert ist, tatsächlich vergiften? Warum stellt sie Marie-Claudes Sohn Vincent (Pierre Lottin), der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, als Gärtner ein? Natürlich ist es für Vincent schwierig, wieder Fuß zu fassen und das nötige Startkapital für einen Neubeginn aufzustellen, aber warum lässt er sein Mobiltelefon zuhause, wenn er nach Paris fährt und Valérie einen Besuch abstattet? Einer eifrigen Polizistin und werdenden Mutter kommt das alles irgendwie suspekt vor – zumal Michelle und Marie-Claude aus einem bestimmten Grund vor allem bei ihren Kindern schlecht angeschrieben sind. 

Doppeltes Spiel

„Wenn der Herbst naht“ erinnert an eine der frühen Arbeiten Claude Chabrols, in denen hinter der bürgerlichen Fassade gerne ein ausgeklügeltes Verbrechen vermutet werden kann. Doch im Gegensatz zu Chabrol will Ozon niemandem einen Spiegel vorhalten, sondern einfach verspielt ein doppeltes Spiel spielen. Der vermutete Masterplan könnte genauso gut eine Verkettung unglücklicher Umstände sein, die dann doch wieder alles in jenem Licht erscheinen lassen, in dem Ozon seinen Film strahlen lässt: vom grün umrankten Steinhäuschen mit den roten Fensterläden bis zum goldenen Herbstlaub reicht die leuchtende Farbpalette, denn des Franzosen Bewunderung für die melodramatischen amerikanischen Großmeister Douglas Sirk und Vincente Minnelli ist ungebrochen. Und im Hintergrund dürfen sogar Schwäne ihre Runden ziehen, ohne gegen das Kitschverbot zu verstoßen. 
Am Ende ist der Herbst dann wirklich gekommen, aber einige Sommer werden vergangen sein. Ein Sprung in der Zeit, ein Riss in der Geschichte. Die Wahrheit findet sich manchmal dort, wo man sie nicht sucht. 

Ab 28.8., Cinema Dornbirn; ab 1.9., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)

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