Neu in den Kinos: „Verflucht normal“ Michael Pekler · Mai 2026 · Film
Endlich ein Biopic nicht über Michael Jackson oder Odysseus, sondern über John Davidson. Der an Tourette erkrankte Schotte wirbt als unermüdlicher Aktivist seit vielen Jahren für mehr Verständnis für Betroffene. In der britischen Tragikomödie über den Mann mit einer Lebensaufgabe glänzt Robert Aramayo.
Diese Geschichte wird ein gutes Ende nehmen. Das weiß man bereits zu Beginn, wenn John Davidson (Robert Aramayo) nach langem Zögern den Festsaal des Holyrood Palace in Edinburgh betritt. An diesem Tag im Jahr 2019 soll Davidson nämlich den Orden des British Empire überreicht bekommen – von der Königin persönlich. Dass er berechtigte Bedenken hat, bei der Zeremonie teilzunehmen, liegt an seiner Krankheit. Davidson ist seit seiner Kindheit am Tourette-Syndrom erkrankt und ein „Fuck the Queen“ also jederzeit möglich.
Bevor es aber soweit kommt, führt eine Rückblende zurück ins Jahr 1983 in die schottische Kleinstadt Galashiels. Davidson ist zwölf Jahre alt und auf dem Sprung in die Oberschule, in seiner Freizeit trägt er Zeitungen aus und spielt Fußball. Ein ganz gewöhnlicher Bursche aus einer typischen mehrköpfigen Arbeiterfamilie. Bis er eines Tages beim Schuldirektor die Hände ausstrecken muss – David hat sich im Unterricht ungehörig benommen und mit Zuckungen und Verrenkungen angeblich den Clown gespielt. Von den zotigen Flüchen ganz zu schweigen. Was niemand weiß: John, hervorragend gespielt vom Nachwuchstalent Scott Ellis Watson, beginnt zunehmend unter nervösen Tics zu leiden. Und John leidet tatsächlich, denn sein Umfeld reagiert auf seine Krankheit mit heftiger Ablehnung. „Die echte Welt wird nicht so verständnisvoll sein wie wir“, meint der Direktor und verweist John von der Schule. Was sich als Irrtum erweist, denn die echte Welt reagiert auf die erst Jahre später als Tourette diagnostizierte Erkrankung verständnislos. Die dramatische Verschlechterung der Krankheit stürzt den Jugendlichen in eine schwere psychische Krise, die mit einer nicht weniger dramatischen Szene endet. Als John im Krankenhaus wieder aufwacht, schlägt auch der Film ein weiteres Kapitel auf.
Entscheidende Schritte
In seinem Biopic „Verflucht normal“ („I Swear“) schildert der britische Filmemacher Kirk Jones („Lang lebe Ned Devine!“) das Leben des Aktivisten John Davidson, der sich seit vielen Jahren in Form öffentlicher Vorträge und zahlreicher Workshops für an Tourette Erkrankte engagiert und in Großbritannien dank der BBC-Dokumentation „John’s Not Mad“ bekannt wurde. Es versteht sich von selbst, dass der heute 55-jährige Davidson eng in die Entstehung des Films eingebunden war. Kirk Jones legt in seiner fiktionalisierten Erzählung das Hauptaugenmerk naturgemäß auf jene Jahre, in denen der zukünftige Aktivist beschließt, ein anderes Leben führen zu wollen. Mitte der Neunzigerjahre wohnt Davidson als junger Mann noch immer bei seiner Mutter, der Vater hat die Familie längst verlassen, von den Geschwistern fehlt jede Spur. Er schluckt sedierende Tabletten, hat keine Freunde und selbstverständlich keinen Job. Bis er eines Tages der Mutter eines ehemaligen Schulkollegen begegnet, die als gelernte psychiatrische Krankenschwester die entscheidenden Schritte setzt: Davidson soll bei ihrer Familie einziehen, die Medikamente absetzen und sich für die Stelle als Hausmeister im Gemeindezentrum bewerben.
Feelgood-Humor
Abgesehen von der niederschmetternden Schilderung von Davidsons Kindheit macht sich in der Folge eine erstaunlich heitere Grundstimmung breit, mit der Kirk Jones offensichtlich dem Thema seine Schwere nehmen möchte. Natürlich läuft für Davidson auf dem Weg zum selbstbestimmten Leben so manches schief: Er wird ausgenutzt, beschimpft und körperlich attackiert. Doch Jones erzählt natürlich auch eine Erfolgsgeschichte und hat sich deshalb für eine typisch britische Tragikomödie entschieden, in der Davidsons obszöne Beschimpfungen sogar zum Feelgood-Humor beisteuern. Und deshalb für einen Film, der aufklärt, ohne didaktisch zu wirken.
Vor allem ist „Verflucht normal“ jedoch die große Leistung von Robert Aramayo, der durch die Fantasyserie „Ringe der Macht“ berühmt wurde und derzeit auch in „Palästina 36“ in einer Nebenrolle als britischer Offizier im Kino zu sehen ist. Aramayo drückt diesem Film seinen Stempel auf, meistert die Darstellung des Tourette-Helden mit seinen Tics bravourös und lässt „Verflucht normal“ jedenfalls zu einem schauspielerischen Kinoereignis werden.
ab 28.5., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)
ab 29.5., Cinema Dornbirn (dF)