Neu in den Kinos: „Sorry, Baby“ Michael Pekler · Dez 2025 · Film
In ihrem beeindruckenden Regiedebüt erzählt Eva Victor die Geschichte einer jungen Literaturprofessorin, die nach einem sexuellen Übergriff den Weg zurück in die Normalität sucht. Mit einem nuancierten Spiel zwischen Trotz, Trauer und Humor überzeugt die französisch-amerikanische Autorin und Schauspielerin auch in der Hauptrolle. Die Golden-Globe-Nominierung ist mehr als verdient.
Auf den ersten Blick scheint die junge Literaturprofessorin Agnes (Eva Victor) ihr Ziel erreicht zu haben. Sie hat eine feste Anstellung an der Universität, wohnt in einem hübschen Haus außerhalb der Stadt und bekommt zu Beginn des Films Besuch von ihrer besten Freundin Lydie (Naomie Ackie). Die Wiedersehensfreude ist groß, denn Lydie, ihre ehemalige Studienkollegin und Mitbewohnerin, ist inzwischen nach New York gezogen. Es ist Winter, bitterkalt, und der Himmel über Massachusetts ist klar. Am Abend steht eine Einladung zum Essen mit einer Gruppe anderer ehemaliger Studierender an, die Agnes widerwillig annimmt. Als eine offensichtlich eifersüchtige Bekannte anmerkt, dass Agnes ihren Job nur unter bestimmten Umständen erhalten habe, verlässt sie den Raum.
Etappensiege
„Sorry, Baby“, in dem die Filmemacherin Eva Victor auch die Hauptrolle übernommen hat, ist in gewisser Weise ein Film der Stunde, allerdings ohne zeitgeistig zu sein. Agnes wurde als Doktorandin Opfer eines sexuellen Übergriffs durch ihren Vorgänger, der daraufhin fluchtartig die Universität verließ. Victor erzählt die sich über vier Jahre erstreckende Geschichte von Agnes in mehreren Kapiteln, die nicht chronologisch geordnet sind. Die Ankunft Lydies zu Beginn des Films markiert also nicht den Beginn der Geschichte, sondern lediglich eine Etappe auf Agnes’ Weg zurück in die sogenannte Normalität, den sie Schritt für Schritt beschreitet und den dieser Film in seiner ganzen Ambivalenz beschreibt.
Fremdsein
Die Tage, Monate und schließlich Jahre vergehen, eine Katze kommt ins Haus, eine zarte Romanze mit dem sympathischen Nachbarn zeichnet sich ab. Doch dazwischen gibt es Panikattacken im Auto und einen ersten Tag im neuen Arbeitszimmer, das ausgerechnet jenes ihres Vorgängers war. Dessen Übergriff zeigt Victor konsequenterweise indirekt, mit einer stillen Außenansicht seines Hauses, aus dem Agnes Stunden später mit offenen Schuhbändern herausstolpert. Und schlagartig wird das Vertraute im eigenen Heim fremd: das Knarren des Fußbodens, die ins Schloss fallende Tür, das Rauschen des Windes durch die kahlen Bäume.
Leben lernen
In gewisser Hinsicht – etwa in der Zeichnung seiner Protagonistin, aber auch im Tonfall und Stil – erinnert „Sorry, Baby“ an die frühen Arbeiten von Greta Gerwig („Lady Bird“). Agnes besitzt einen trockenen Humor, sie ist eloquent. Sie ist nicht unfreundlich, bemüht sich aber auch gar nicht, freundlich zu sein. Victor interessiert sich nicht für eine möglichst dramatische Erzählung, sondern für die aufmerksame Beschreibung eines Zustands, festgehalten in wichtigen und scheinbar unwichtigen Situationen. Diese reichen vom Gespräch mit dem empathielosen Gynäkologen, der Agnes dafür rügt, dass sie sich nach dem Übergriff gewaschen hat, über die desinteressierte Universitätsleitung, die nichts für Agnes tun kann, ihr aber ihr Mitgefühl „von Frau zu Frau“ zum Ausdruck bringt, bis zu dem Moment, in dem Lydie nicht mehr als Single zu Besuch kommt. Agnes muss wieder leben lernen.
ab 19.12., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)