Neu in den Kinos: „Sentimental Value“ Michael Pekler · Dez 2025 · Film

Der norwegische Ausnahmeregisseur Joachim Trier hat das perfekte Familiendrama gedreht. In Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, besticht „Sentimental Value“ tatsächlich in jeder Hinsicht und auf allen Ebenen. Und rückt wie nebenbei die alten Fragen von Schuld und Vergebung in ein neues Licht.

Im entscheidenden Moment darf man nicht versagen. Nora (Renate Reinsve) weiß das genau, als sie unmittelbar vor der Premiere die Nerven wegschmeißt. In wenigen Augenblicken wird sie auf der Bühne stehen. Nora ist eine großartige Schauspielerin, weshalb Tschechows „Die Möwe“ an diesem Abend natürlich trotzdem aufgeführt wird. Denn es kommt darauf an, die eigene Angst zu überwinden. Auch wenn es nur schlimmstes Lampenfieber ist.
Mit Noras Auftritt beginnt auch Joachim Triers jüngster Spielfilm „Sentimental Value“ („Affeksjonsverdi“). Trier erzählt darin eine Familiengeschichte, die von sichtbaren, vor allem aber von verborgenen Ängsten handelt. Und davon, ob sie überwunden werden können, wenn sie einem von den Erfahrungen des Lebens zugefügt wurden. Wenn man etwa wie Nora und ihre jüngere Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) als Kinder vom Vater verlassen und es im großen mehrstöckigen Haus plötzlich sehr ruhig wird. Wenn man weiß, dass eine Leerstelle nicht mehr geschlossen wird.

Wiedersehen ohne Freude

Die Lebensentwürfe der beiden Schwestern könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein: Nora hat als ehrgeizige Theaterschauspielerin Karriere gemacht, während Agnes sich für ein angeblich stabiles Leben mit Ehemann, Kind und sicherem Job als Historikerin entschied – ein Gegensatz, der in den vergangenen Jahren ihrer Beziehung nicht unbedingt förderlich war. Auf den Prüfstein gestellt wird das schwesterliche Verhältnis aber nun vor allem durch die Tatsache, dass ihr Vater Gustav (Stellan Skarsgård), von dem sie sich längst entfremdet haben, nach dem Tod der Mutter wieder in der Stadt auftaucht. Gustav, ein früher renommierter, aber mittlerweile nahezu vergessener Dokumentarfilmemacher, möchte wieder den Kontakt zu den Töchtern wieder aufnehmen. Und zwar nicht ganz uneigennützig, wie sich bald herausstellt.
Denn der Heimkehrer hat das autobiografische Drehbuch für einen Spielfilm geschrieben und wünscht sich Nora in der Hauptrolle. Es handelt sich um ein Familiendrama über seine eigene Mutter, die im Widerstand gegen die Nationalsozialisten gefoltert wurde und schließlich Suizid beging. Gedreht werden soll im ehemaligen gemeinsamen Haus, das Gustav immer noch zum Teil gehört und nach dem Begräbnis von Noras und Agnes’ Mutter nun ausgeräumt wird. Nora sagt beim angespannten ersten Wiedersehen unversöhnlich ab, sie möchte das Drehbuch nicht einmal lesen – und bringt damit erst recht die Dinge ins Rollen. Denn Gustav engagiert daraufhin die junge US-Schauspielerin Rachel (Elle Fanning). 

Schuld und Schicksal

Der Norweger Joachim Trier zählt mit Filmen wie dem mehrfach prämierten „Der schlimmste Mensch der Welt“ neben seinem schwedischen Kollegen Ruben Östlund zu den wichtigsten skandinavischen Filmemachern. Dass „Sentimental Value“ in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, war aber vor allem deshalb keine Überraschung, weil dieser Film auf allen Ebenen perfekt funktioniert: mit einer von Trier und seinem langjährigen Drehbuchpartner Eskil Vogt entworfenen Erzählung über eine sogenannte dysfunktionale Familie; mit einem von der norwegischen Starschauspielerin Renate Reinsve angeführten großartigen Ensemble; mit einem alten Familienhaus als Schauplatz, in dem sich die Schicksale kreuzen; und nicht zuletzt mit einer so klugen wie feinfühligen Bearbeitung der ewigen Themen Schuld und Vergebung. Möglicherweise ist seine Perfektion sogar der einzige Wermutstropfen in diesem Film.

Rolle des Lebens

Trier denkt seine filmische Familienaufstellung als altes Räderwerk, dessen Einzelteile zwar unterschiedliche Spuren der Abnützung zeigen, das aber noch nicht gänzlich auseinandergebrochen ist. Doch soll man es überhaupt wieder in Bewegung bringen? Und welche Schritte muss man setzen, damit die anderen ebenfalls auf einen zugehen können? „Sentimental Value“ erzählt von der scheinbaren Sicherheit, die entsteht, wenn alle ihre Rollen im Laufe der Jahre verinnerlichen – die eigene im Alltag und jene innerhalb des Familiensystems.
Eine der schönsten Szenen gehört allerdings Stellan Skarsgård und Elle Fanning, die sich als vergessener europäischer Autorenfilmer und US-Starschauspielerin in Blockbusterfilmen beim Festival von Deauville begegnen. Als Rachel beschließt, die für Nora geschriebene Rolle anzunehmen, entscheidet sie sich während der Dreharbeiten, einen norwegischen Akzent zu imitieren, um authentischer zu wirken. Umso authentischer ist dann jener Moment, in dem es im Gespräch mit Gustav darum geht, wie authentisch man nicht nur vor der Kamera, sondern im Leben sein sollte.

ab 4.12., TaSKino im GUK Feldkirch (OmU), LeinwandLounge in Bludenz, FKC
Dornbirn, Kinothek Lustenau
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