Neu in den Kinos: „Send Help“ Michael Pekler · Jän 2026 · Film
Ein unsympathischer Chef und seine undurchschaubare Angestellte finden sich als die einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer verlassenen Insel wieder. Und obwohl das gemeinsame Schicksal sie zusammenschweißen könnte, hassen sich die beiden bis aufs Blut. Der Regieveteran Sam Raimi hat einen schwarzhumorigen Survivalthriller gedreht, der sich nicht zwischen Kapitalismuskritik und Geschlechterkampf entscheiden will.
Linda Liddle (Rachel McAdams) hat noch einen Krümel Thunfisch im Mundwinkel. Das dazugehörige Sandwich musste sie schnell in der Schublade verschwinden lassen, als der neue Chef Bradley Preston (Dylan O’Brien) das Großraumbüro inspizierte. Für die weitere Karriere – so Linda überhaupt bisher eine gemacht hat – ist das nicht zweckdienlich. Linda kann nämlich besser mit Zahlen umgehen als mit Menschen, weshalb sie auch nach der Arbeit zuhause nur mit ihrem Nymphensittich ihre Lieblingssendung anschaut. Wer in der Survivalshow in die nächste Runde kommen will, muss in der Wildnis überleben können. Linda hat, wie sich bald zeigen wird, vor dem Fernseher richtig gut aufgepasst. Weshalb sie wenig später ihrem verletzten Chef, mit dem sie auf eine einsame Insel abgestürzt ist, einen selbst gefangenen Fisch in den Mund schieben kann. Rache kann süß sein.
Insel der Unseligen
Sam Raimi, einer der einflussreichsten Horrorregisseure des vergangenen Jahrhunderts („Tanz der Teufel“), hat mit „Send Help“ einen grotesken Survivalthriller gedreht, in dem er auf das in der Literatur und im Kino bewährte Motiv der Robinsonade zurückgreift. Allerdings geht es nicht nur darum, den Flugzeugabsturz überstanden zu haben und sich auf der Insel gegen die gefährliche Natur, sondern sich auch gegen den einzigen anderen Überlebenden zu behaupten – wer sich an John Boormans „Hell in the Pacific“ (1968) mit Lee Marvin und Toshiro Mifune erinnert fühlt, liegt richtig. Anstelle des US-Soldaten und seines japanischen Erzfeindes kämpfen heutzutage allerdings die übergangene Angestellte und ihr unsympathischer Chef gegeneinander. Denn obwohl das gemeinsame Schicksal sie zusammenschweißen könnte, hassen sich Linda und Bradley bis aufs Blut. Was in der Folge auch fließt.
Paradiesischer Rosenkrieg
Bereits beim Absturz über dem Pazifik lässt Raimi seinen grimmigen Humor aufblitzen, an dessen Schraube er im Laufe des Films immer weiter dreht. Kaum hat die ausschließlich männliche Firmenleitung im Privatjet über Lindas Bewerbungsvideo abgelacht, während die mausgraue Angestellte emsig Zahlenreihen ausrechnen musste, bestraft die schnöseligen Abteilungsleiter das Leben – mit einem ungustiösen Tod. Raimis alter Hang zum Splatterkino blitzt auch später immer wieder auf, etwa wenn Linda im Kampf mit einem Eber ihre Fähigkeiten als Steinzeitjägerin unter Beweis stellt. Wirklich grausam und richtig ans Eingemachte geht es allerdings nie, denn „Send Help“ will sich in erster Linie als schwarze Komödie verstanden wissen. Weil Linda dank ihrer einschlägigen Vorkenntnisse Oberwasser hat, fällt das an Michael Douglas und Kathleen Turner im „Rosenkrieg“ erinnernde Duell meist zugunsten des hier gar nicht schwachen Geschlechts aus. Wobei Lindas dunkle Seite immer stärker zum Vorschein kommt. Und bald steht fest: Wer nicht gerettet werden will, braucht keine Hilfe.
Am Ende weiß man jedenfalls, dass der größte Feind des Menschen nicht wilde Tiere, giftige Beeren, Einheimische oder Einsamkeit sind. Die Hölle, das ist hier definitiv der andere.
ab 29.1., Kino Bludenz, Cineplexx Hohenems