Neu in den Kinos: „Rose“ Michael Pekler · Apr 2026 · Film
In Markus Schleinzers Historienfilm gibt sich eine Frau im 17. Jahrhundert als Mann aus, um als scheinbar rechtmäßiger Besitzer einen Gutshof zu bewirtschaften. Doch die „Weibs-Person“, die sich von einem Kleidungsstück die ersehnte Freiheit erhofft, stößt bald an die Grenzen der patriarchalen Strukturen. Und bringt sich in große Gefahr. Sandra Hüller wurde für ihre untypische Hosenrolle bei der Berlinale als beste Schauspielerin ausgezeichnet.
Der Name des Mannes, der sich zu Beginn auf die Reise macht, wird nie genannt. Der kleingewachsene Heimkehrer aus dem Dreißigjährigen Krieg hat ein zerschossenes Gesicht und trägt die dafür verantwortliche Kugel zur Erinnerung um den Hals. Wichtiger ist allerdings eine Urkunde, die ihn als rechtmäßigen Besitzer eines verwaisten Gutshofs ausweist. Bald hat er sogar zwei bezahlte Knechte, mit denen er das Haus und und Stall repariert. „Was ist das Leben in Betrug und Lüge?“, raunt eine Frauenstimme aus dem Off. „Kann man Freiheit nennen, so zu leben?“ Das ist die entscheidende Frage dieses Films, der – als eine Variante der Geschichte des Kriegsheimkehrers Martin Guerre – davon erzählt, wie sich der geheimnisvolle Soldat mit Betrug und Lüge die Freiheit herausnimmt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Denn der bartlose Veteran mit Wams und Hut, der mit der Pistole einen Bären erlegt und damit zum angesehenen Mitglied der Gemeinschaft wird, ist eine Frau.
Männliches Streben
Das erste Jahr ist trotz der schweren Arbeit das einfachste, denn Rose (Sandra Hüller) plant jeden Schritt mit Vorsicht und Vorausschau. Das Land gedeiht, ein Platz in der Kirche auf der rechten Männerseite gehört ihr. Doch die allwissende Erzählerin, die mit gestelzten Phrasen wie in einer Moritat eine schauerliche Geschichte zum Besten gibt, weist nicht zum letzten Mal auf das kommende Unheil hin. „Ist der Notwendigkeit einmal Genüge getan, stellt sich gerne der Wunsch ein nach mehr. Denn die Gier ist ein Rausch.“ Diese Geschichte hätte also gut ausgehen können, hätte Rose, die „an Überschuss dachte und an Gewinn“, nicht ein „gewaltiger Unternehmergeist“ überkommen. Nicht, weil sie sich als Mann verkleidet, sondern weil sie sich wie ein typischer Mann verhält, geht Rose ein hohes Risiko ein. Denn das typische männliche Streben nach mehr Besitz, Macht und Geld lässt sie einen problematischen Pakt schließen: Um Zugang zum Bach zu erhalten, heiratet Rose die Tochter des benachbarten Großbauern und teilt sich nun mit Suzanna (Caro Braun) das Haus, aber nicht das Bett. Das Damoklesschwert schwebt ein Stück tiefer.
Gemeinte Freiheit
Bei Markus Schleinzer, einem ehemaligen Schüler Michael Hanekes, ist dieser Determinismus wenig erstaunlich, zumal sein Historiendrama mit der kristallklaren Schwarzweißfotografie an „Das weiße Band“ erinnert. In „Rose“ wirkt er jedoch befremdlich. Denn Schleinzer erzählt zwar vom Versuch einer Emanzipation, betrachtet diesen aber von Beginn an als zum Scheitern verurteilt. Nicht zufällig verbeugt er sich am Ende mit einer Hommage vor Carl Theodor Dreyer und dessen „Jeanne d’Arc“ – und inszeniert eine Heldin als Widerstandskämpferin, die letztlich gegen die soziale Realität des 17. Jahrhunderts nicht ankommt. „Wollt nicht Mann sein“, verteidigt Rose ihren angeblichen Verrat am König, an der Kirche und – ihr schlimmstes Verbrechen – an der Gemeinschaft. „In der Hose war mehr Freiheit. Ist ja nur ein Stückchen Stoff.“ Ist sie natürlich nicht. Die Freiheit, die der Film seiner Protagonistin schenkt, währt indes kurz und ist scheinbar nicht bedeutend genug, um erzählt zu werden. Spannender zu beobachten ist hingegen das Scheitern der ungewöhnlichen Zweckgemeinschaft von Rose und Suzanna, die, wie ihr falscher Herr das Gefühl von Freiheit schnuppernd, diesem den Rücken freihält.
Versuchsanordnung
Nach „Michael“, einem Film über einen einzelgängerischen Pädophilen, und „Angelo“, einem Historiendrama über den im 18. Jahrhundert nach Europa verschleppten afrikanischen Kammerdiener Angelo Soliman, erzählt „Rose“ als bereits dritter Film Schleinzers von einer randständigen Figur, deren Name als Filmtitel fungiert. Schleinzer bezeichnet seinen Film als ein auf zahlreichen historischen Fällen beruhendes „Konglomerat einzelner Schicksale“, Roses fiktive Geschichte mit Wahrheitsanspruch soll also stellvertretend für viele andere von scheinbar zeitloser, sicher aber zeitgeistiger Aktualität stehen. Doch das Schicksal dieser Frau dient vor allem einer Versuchsanordnung: In penibel komponierten Bildkompositionen wird an der unausweichlichen Abwärtsspirale gedreht. In jedem Fall definiert „Rose“ mit seinem Fatalismus das Subgenre völlig anders, als es die klassischen Hosenrollenfilme à la „Viktor und Viktoria“ taten, in denen die starken Frauen den Hut letztlich wieder gegen die Haube zurücktauschen. Rose bleibt lediglich eine Geschichte, die man sich von ihr erzählt.
ab 17.4., Cinema Dornbirn