Neu in den Kinos: „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ Michael Pekler · Mär 2026 · Film
Victor Hugos monumentaler Klassiker wird in der Adaption von Éric Besnard zum düster-melancholischen Charakterdrama. Einer der bekanntesten Häftlinge der Literaturgeschichte, der Strafgefangene Valjean, trifft auf den gütigen Bischof Bienvenu und kämpft gegen seine inneren Dämonen.
Ein Film über den Glauben an das Gute im Menschen und die Nächstenliebe ist vor allem dieser Tage ein Wagnis. Noch dazu, wenn die beiden Hauptcharaktere ein Bischof und ein ehemaliger Sträfling sind, und der Diener Gottes den Verurteilten auf den rechten Weg zurückzuführen versucht. Dass die Begegnung zu Beginn des 19. Jahrhunderts irgendwo in Südfrankreich stattfindet und gerade mal zwei weibliche Nebenfiguren – die Schwester und Haushälterin des Geistlichen – vorkommen, macht die Geschichte auf den ersten Blick nicht zeitgeistiger. Doch dieser Film kann sich auf die Kraft seiner Vorlage verlassen: Das Aufeinandertreffen des gütigen Bischofs Myriel, genannt Bienvenu, und des verbitterten Jean Valjean bildet die Vorgeschichte von Victor Hugos epochalem Roman „Die Elenden“.
Harte Wirklichkeit
Éric Besnards Adaption konzentriert sich klugerweise nur auf die ersten beiden Kapitel des Romans, also bevor der geläuterte Valjean unter einem Pseudonym zu einem ehrenhaften Bürger wird und sogar zu Ansehen und Reichtum gelangt, bis ihn die harte Wirklichkeit aufgrund seiner neu erlangten Güte einholt. Nach unzähligen Interpretationen – darunter zuletzt ein Hollywood-Musical mit Hugh Jackman und Anne Hathaway; eine weitere Verfilmung mit Vincent Lindon soll noch dieses Jahr in die Kinos kommen – mutet Besnards Film wie ein Moralstück über die Rettung einer menschlichen Seele an, die von der Gesellschaft zum hasserfüllten Einzelgänger gemacht wurde. Dass dieser Film die Vielschichtigkeit und Komplexität seiner Vorlage nicht erreichen kann, steht außer Frage. Dass er es gar nicht erst versucht, spricht jedoch für ihn.
Raue Schale, rauer Kern
Als Valjean (Grégory Gadebois) zu Beginn im Dorf um eine Schlafstelle bittet, verschließen sich ihm die Türen und die Kinder werfen ihm Steine hinterher. Hier geht ein gequälter Mann seines Weges, der wegen Diebstahls eines Laibes Brot und mehrerer Fluchtversuche neunzehn Jahre im Straflager verbrachte. Doch das Mitgefühl wird bald auf die Probe gestellt, als ihm der barmherzige und bescheiden lebende Bischof (Bernard Campan) in der stürmischen Nacht eine warme Suppe und ein Bett gewährt: Wieso zeigt sich der entlassene Sträfling nicht dankbar? Warum steckt hinter der rauen Schale ein noch rauerer Kern? Und sind der Hass und die Angst der bigotten Haushälterin, die vorsichtshalber ein Messer unter der Schürze verschwinden lässt und ihre Zimmertüre verriegelt, vielleicht gar berechtigt?
Stachel in der Seele
Die gesellschaftspolitische Agenda, die den 1862 erschienenen sozialkritischen Roman maßgeblich prägt – Hugo war zu diesem Zeitpunkt deklarierter Republikaner und arbeitete fünfzehn Jahre an „Les Misérables“ im Exil – macht Besnard vor allem anhand mehrerer Rückblenden deutlich, in denen Valjean im Steinbruch schuftet. Im roten Sträflingsgewand klopfen die Gefangenen den Marmor in Stücke, bis ihnen die Lunge versagt. Das Böse im Menschen, so die Botschaft, wird durch soziales Elend und gesellschaftliche Ausgrenzung geschaffen. Valjeans tiefe Verbitterung, die ihm jede Fähigkeit raubt, Schönes und Gutes in der Welt zu erkennen, sitzt wie ein Stachel in seiner Seele.
Dunkle Sterne
Besnard komprimiert diese Frage auf das Wesentliche, lässt seine vier Figuren in Form eines düster-melancholischen Charakterdramas aufeinandertreffen und verlässt das Haus Bienvenus nur für wenige Szenen und Erinnerungen. Er solle sich doch an den Sternen erfreuen, die die Nacht so wunderbar machen, meint der Bischof zu seinem Gast. Er könne nur die Dunkelheit erkennen, entgegnet Valjean, denn er sei, wie man es sich von ihm erwarte. Als er am Ende aufbricht, folgt dennoch die auch die bei Hugo prominente Szene mit dem kleinen Straßenfeger. Auch eine einzelne Münze kann ein Leben verändern.
ab 2.4., Cinema Dornbirn (dF)