Neu in den Kinos: „Lebensansichten eines Huhns“ Michael Pekler · Aug 2026 · Film
Im jüngsten Film von György Pálfi übernimmt eine echte Henne die Hauptrolle. Ihre Abenteuerreise durch Griechenland inszeniert der ungarische Filmemacher als eine Abfolge von Gefahr, Flucht und Hühnerglück, bis sich nicht nur beim Geflügel allzumenschliche Gefühle breitmachen.
Dieses Huhn verdankt seine Existenz allein seiner falschen Farbe. Es ist sozusagen das schwarze Schaf unter den gelben Küken. Kaum dem Ei entschlüpft, landet es auf dem Fließband mit tausenden Artgenossinnen, die alle ihrer Bestimmung entgegenrutschen – von der alle wissen, die aber niemand sehen will. Und so landet unser Huhn in der Fabrik, um auf engstem Raum das zu tun, was der Mensch von ihm erwartet. Doch es hat Glück, denn auf dem Weg zum Schlachthof wird es dank seines schwarzen Gefieders aussortiert und landet statt auf dem Mittagstisch des Lastwagenfahrers wenige Meter neben der Autobahn in der Freiheit. Nicht unbedingt dort, wo sich Fuchs und Henne Gutenacht sagen, wiewohl Ersterer sich gleich hinter der Tankstelle auf die Jagd macht.
Der tierische Blick auf die Welt ist seit Jahrhunderten fester Bestandteil der Literatur, und auch das Kino hat sich diese Besonderheit – aus ersichtlichen Gründen vorzugsweise im Animationsbereich – nicht nehmen lassen. Erzählungen voller Metaphern und Metamorphosen, vor allem jedoch fast immer einhergehend mit einer Anthropomorphisierung: Kaum ist das Tier – egal ob Kater, Mammut oder Pinguin – der Held, sieht der Mensch in ihm sich selbst.
Tiere und andere Menschen
Der ungarische Filmemacher György Pálfi, der sich mit schrägen Arbeiten wie „Taxidermia“ und „Hukkle“ einen Namen gemacht hat, lässt seine Protagonistin allerdings nur Dinge tun, die ein Huhn tatsächlich tun kann. Also nicht sprechen, sondern gackern, hüpfen, scharren, flattern und Eier legen. Das ist dem bemerkenswerten Umstand geschuldet, dass in „Lebensansichten eines Huhns“ („Kóta“) kein animiertes Geflügel zum Einsatz kommt, sondern echte Hennen. Wer bis zum Nachspann sitzen bleibt, erfährt auch ihre Namen: Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Enikő, Nóra und Anett. Sollte es einen Preis für die beste Tierrolle geben – in Cannes wird jährlich ernsthaft der beste Filmhund mit dem Palm Dog Award ausgezeichnet –, hätten ihn sich alle acht verdient.
Weniger Freude bereitet hingegen die Erzählung in Form einer Abenteuerreise, die Pálfi als eine Abfolge von Gefahr, Flucht und Vertreibung schildert, bis unsere Henne endlich im Gehege eines griechischen Bauernhofes mit heruntergekommener Taverne landet. Ein Ort der Entscheidung, an dem nicht nur das unternehmungslustige Huhn Muttergefühle entwickelt; hier treiben skrupellose Schlepper ihr Unwesen. Eine überdeutlich gezeichnete Analogie: Während die Henne der Geflügelfarm knapp entkommen ist, werden Menschen auf der Flucht von ihresgleichen eingepfercht. Dem Huhn ist das einerlei, denn es hat andere Prioritäten.
Animalisches Treiben
Dass Pálfi dennoch nicht herumkommt, die namenlose Henne zu vermenschlichen, liegt vor allem am Blick der Kamera auf das Tier: Überlegt dieses Huhn, wenn es mit den Augen rollt, tatsächlich, was es als Nächstes unternimmt? Betrachtet es seine Lage skeptisch, wenn es den Kopf zur Seite neigt? Wohl kaum, sein Tun und Treiben folgt nur dem Instinkt. Am Ende will unser Huhn nämlich nur das tun, was es am besten kann: essen und sich fortpflanzen. Wie die meisten Menschen.
Ab 7.8., Cinema Dornbirn