Neu in den Kinos: „Hamnet“ Michael Pekler · Jän 2026 · Film
Mit dem Historiendrama rund um die Entstehung des berühmtesten Stücks des berühmtesten Dramatikers der Welt ist der US-Regisseurin Chloé Zhao ein großer Wurf gelungen. „Hamnet“ gilt als heißer Oscar-Anwärter vor allem für Hauptdarstellerin Jessie Buckley in der Rolle der Agnes Shakespeare.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts ist man sich im beschaulichen englischen Dorf Stratford-upon-Avon sicher, dass mit der Frau im roten Kleid etwas nicht stimmt. Zwar ist Agnes (Jessie Buckley) nicht als Hexe verrufen, doch ihre auffällige Naturverbundenheit wird skeptisch beäugt. Agnes versteht sich als Heilerin, treibt sich oft allein im Wald herum und hält sich sogar einen Falken. Ihr Lieblingsplatz ist unter einem riesigen Baum neben einer Höhle. Und dort bringt sie auch ihr erstes Kind, ein Mädchen namens Susanna, zur Welt. Der Vater ist der örtliche Lateinlehrer und noch nicht berühmte William Shakespeare (Paul Mescal).
Während der verliebte junge Mann daneben noch unter der strengen Aufsicht seines Vaters in dessen Werkstatt arbeiten muss, ist für die gottesfürchtige Mutter (Emily Watson) klar, dass das Liebespaar heiraten und das nächste Kind eine Hausgeburt sein muss. Weshalb die Zwillinge Judith und Hamnet nicht mehr im Wald geboren werden. Doch während der ältere Hamnet gesund zur Welt kommt, scheint Judith die Geburt zunächst nicht zu überleben. Ein böses Omen.
Große Tragödie
Der Oscar-Anwärter „Hamnet“ ist die seit Wochen gelobte Verfilmung des gleichnamigen Historienromans der irischen Schriftstellerin Maggie O’Farrell, in dem der Ausgangspunkt – oder besser: der traurige Anlass – für Shakespeares bekannteste Tragödie erzählt wird. Als pure Fiktion, wohlgemerkt. Dass nicht wie geplant der Brite Sam Mendes, der nun neben Steven Spielberg als Co-Produzent verantwortlich zeichnet, sondern die US-Chinesin Chloé Zhao („Nomadland“) die Regieführung übernommen hat, ist angesichts der Fokussierung auf Agnes Shakespeare nachvollziehbar: Nicht Williams kreativer Prozess vom Lehrer zum Weltdichter steht in „Hamnet“ im Vordergrund – tatsächlich spielt er keine Rolle –, sondern die Geschehnisse im Haus der Familie während seiner Abwesenheit als aufsteigender Dramatiker in London.
Denn während sich William in der Hauptstadt einen Namen macht, bleibt Agnes mit den drei Kindern und der Schwiegermutter sich selbst überlassen. Das Glück des geliebten Mannes, den sie verlieren würde, wenn er zuhause bliebe, ist ihr wichtiger als die Einheit der Familie – was sich angesichts der auf sie zukommenden Tragödie als Fehler erweist. Raffiniert deutet Zhao diesen Konflikt an, wenn die Kamera, die Agnes noch zu Beginn neugierig durch die Wälder folgt, immer häufiger zu starren Einstellungen tendiert: Selbst der Raum unter dem Dach, in dem die Shakespeares leben, gleicht mit seinem kleinen Podest und Stufen einer Bühne. Ob hier die männliche Kultur und die weibliche Natur miteinander ringen, bleibt der Interpretation überlassen.
Unwiederbringlich verloren
Die wahre Stärke dieses Films liegt jedoch nicht in seiner Darstellung von William Shakespeare und dessen berühmtestem Stück aus weiblicher Perspektive im Sinne einer feministischen Geschichtsschreibung, sondern in seiner Schilderung von Trauerarbeit im letzten Akt. Dieser spielt im Globe Theatre, das Agnes zur Premiere des „Hamlet“ besucht. Eine unwiederbringlich verloren gegangene Liebe, die mit dem Tod eines Kindes unmöglich geworden ist, verwandelt sich hier in kollektiven Schmerz. So erlösend hat sich die Katharsis im Kino schon lange nicht mehr angefühlt wie am Ende von „Hamlet“ und „Hamnet“.
ab 22.1., Cinema Dornbirn (dF), Skino Schaan (OmU); ab 23.1. TaSKino im GUK Feldkirch (OmU)