Neu in den Kinos: „Eddington“ Michael Pekler · Nov 2025 · Film
Irgendwann hat das Coronavirus auch die letzte amerikanische Kleinstadt erreicht. Unter der Regie des Horrorfilmregisseurs Ari Aster liefern sich Joaquin Phoenix als Sheriff und Pedro Pascal als Bürgermeister ein Duell, in dem es keinen Sieger geben kann. Eine ambitionierte Politsatire nahe an der Karikatur, die oft und gerne übers Ziel hinaus schießt.
New Mexico, Frühling 2020: Selbst im verschlafenen Wüstenkaff Eddington ist die Welt nicht mehr in Ordnung, denn die Corona-Pandemie wirft bereits ihre Schatten auf die Kleinstadt. Dem hustenden und verwirrten Obdachlosen, der zu Beginn fluchend auf dem Highway in Richtung Eddington unterwegs ist, wird man später in Eddington wiederbegegnen. Meist steht er am Straßenrand, beobachtet Demonstrationen und Randale, stänkert herum oder bricht in eine Bar ein, um Alkohol zu stehlen. In Ari Asters „Eddington” ist er eine völlig überzeichnete Nebenfigur, die dennoch einen Stein ins Rollen bringen wird.
Spinner und Schwurbler
Zuvor lernt man natürlich die wesentlichen Protagonisten kennen, die das Gesicht der Kleinstadt prägen. Da wäre zum einen der konservative Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix), ein Gegner des sogenannten Maskenzwangs, den er zwar durchsetzen sollte, aber selbst bei jeder Gelegenheit missachtet. Cross wirkt nicht unbedingt wie die hellste Kerze auf der Torte und seine randlose Brille macht ihn auch nicht klüger aussehen. Zumindest neigt er nicht zu Verschwörungstheorien, anders als seine offensichtlich traumatisierte Frau Louise (Emma Stone) und ihre bei ihm eingezogene Mutter Dawn (Deirdre O’Connell). Auf der anderen Seite steht mit Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal) ein progressiver, wenngleich nicht wirklich sympathischer Gegenspieler. Garcia, vor seiner Frau wohl aus gutem Grund verlassen und mit seinem pubertierenden Sohn im Clinch, möchte am Stadtrand ein umstrittenes neues Rechenzentrum in den Wüstensand setzen – vorausgesetzt er gewinnt die anstehenden Wahlen.
Nabel der Welt
Ari Aster, mit Filmen wie „Hereditary“ und „Midsommar“ einer der führenden Vertreter des Elevated-Horror-Genres, wechselt mit „Eddington“ abermals die Tonart. Doch der angekündigte Westernthriller ist dieser Film auch nicht geworden. Vielmehr hat man den Eindruck, dass Aster, wie bereits bei der schwarzen Komödie „Beau Is Afraid“, vornehmlich daran gelegen ist, in zweieinhalb Stunden seine Kreativität abseits des Horrorgenres unter Beweis zu stellen. „Eddington“ ist eine politische Satire, die an eine Karikatur grenzt und deren wenig subtile Gesellschaftskritik sich selbst unterläuft. Kaum hat sich Sheriff Cross aus privaten Gründen – er vermutet eine ehemalige Affäre zwischen Garcia und seiner Frau – dazu entschieden, gegen den Amtsinhaber anzutreten, bleibt es nicht beim geworfenen rhetorischen Fehdehandschuh. Während Cross und seine beiden Deputies eine miserable Wahlkampagne starten, verliert sich Louise, die von der Entscheidung ihres Mannes alles andere als begeistert ist, zusehends in den Fängen eines Sektenanführers. Und als wäre das nicht genug, machen auch Black Lives Matter, superwoke Jugendliche und sogar Terroristen in Eddington Halt. Alles, was Amerika und somit die Welt bewegt, scheint an diesem Ort zusammenzukommen. Dass ausgerechnet der Polizist der indigenen Bevölkerung aus dem angrenzenden Reservat nach dem ersten Mord die richtige Spur verfolgt, kann in diesem Szenario schon wieder als glaubhaft durchgehen.
Die Welt besprechen
Wie Aster von den Auswirkungen der gesellschaftspolitischen Großwetterlage auf eine durchschnittliche amerikanische Kleinstadt erzählt, von den Verhärtungen und Brüchen innerhalb der Gemeinde und der Familie, ist durchaus bemerkenswert. Nicht weniger eindrücklich stellt er die Auswirkungen von Internet und sozialen Medien dar. Diese reichen von Verschwörungstheorien und Obskurantismus über Polizeigewalt und sexuellen Missbrauch bis zu privaten Liebesnöten. Irgendwann ist das allerdings zu viel des Guten. Wie kompliziert die Welt und ihre Verstrickungen auch sein mögen, in denen wir uns verfangen – der bloße Hinweis darauf weckt noch keine Zweifel. Selbst im kleinen Eddington lebt jeder in seiner eigenen Welt, und jeder in diesem Film scheint jederzeit etwas zu sagen zu haben. Wie auch Ari Aster selbst.