Neu in den Kinos: „Die Odyssee“ Michael Pekler · Jul 2026 · Film
Zehn Jahre braucht König Odysseus, um nach dem Ende des Trojanischen Kriegs und zahlreichen Abenteuern heimzukehren. Für seine Interpretation der bekanntesten Irrfahrt der Literaturgeschichte nimmt sich Christopher Nolan zwar immerhin drei Stunden Zeit, lässt in seinem bombastischen Historienfilm aber den nötigen Tiefgang vermissen. Das Ergebnis ist ein Werk über einen Kriegsheimkehrer, der zwischen Kämpfen und Grübeln gefangen bleibt.
„Ten years at this fucking beach. Let’s go home.“ Odysseus hat genug vom Krieg. Zehn Jahre hat die Belagerung Trojas gedauert, bis ihm endlich die List mit dem Danaergeschenk eingefallen ist. Das Pferd ist seine Fahrkarte in die Heimat, wo seine Frau und sein inzwischen erwachsener Sohn auf ihn warten. Seine drei Schiffe mit rotem Segel nehmen eine andere Route als jene von Agamemnon, eines Hünen in schwarzer Rüstung, der für den Sieg gegen Troja sein eigenes Kind den Göttern geopfert hat. Nun beginnt vor den Ruinen der Stadt die wahre Reise des Kriegsheimkehrers Odysseus – und wird weitere zehn Jahre dauern.
Homer für Anfänger
Obwohl die Homer zugeschriebene „Odyssee“ seit ihrer Entstehung vor über zweieinhalb Jahrtausenden kaum noch von jemandem gelesen wird, sind die vierundzwanzig Gesänge als eine der einflussreichsten abendländischen Dichtungen nach wie vor allgegenwärtig: in unzähligen Motiven und als großer Mythos, in der Kunst und seit dem vergangenen Jahrhundert selbstverständlich unzählige Male im Kino. Jede Abenteuerreise, jedes Stationendrama und jedes Roadmovie verdankt dieser Irrfahrt seine Existenz. Wobei Homers komplexe Erzählstruktur mit ihren vielen Rückblenden, Nebenschauplätzen und Parallelhandlungen heutzutage nicht unbedingt als publikumsfreundlich betrachtet werden kann. Nicht zufällig trägt mit James Joyce’ „Ulysses“ eines der wenigen tatsächlichen Meisterwerke der modernen Literatur in Anlehnung an den antiken Helden dessen Namen im Titel.
Klotzen statt kleckern
Es mag also nur auf den ersten Blick verwundern, dass sich Christopher Nolan eines Stoffes angenommen hat, der – abgesehen von der Bibel – so bekannt ist, dass man sich nur noch für die persönliche Aufbereitung und Neudeutung des US-Regisseurs zu interessieren braucht. Denn Nolan lässt sich nicht nur gerne nachsagen, mit jedem weiteren Film das Kino neu zu erfinden, sondern ist bekanntlich auch einer der letzten Filmautoren, die beharrlich auf analogem 35-mm-, oder noch lieber wie nun „Die Odyssee“, auf 70-mm-Material drehen – und der sich damit sein eigenes Markenzeichen geschaffen hat. Seit Monaten beschäftigt der größte Blockbuster des Jahres die Branche, die diese 250 Millionen teure Produktion mit Argusaugen verfolgt, macht sich dieser Film ein marktstrategisches Vergnügen daraus, die Erwartungshaltung zu steigern und befeuert durch sein Casting die Fandiskussionen auf Social Media: Ist Matt Damon für die Rolle des Odysseus nicht zu alt? Ist Zendaya als Göttin Athene überhaupt ertragbar und vor allem Lupita Nyong’o als schwarze Helena? Die österreichische Pressevorführung im größten Einsaalkino des Landes, dem Wiener Gartenbaukino, wird die am besten besuchte des Jahres bleiben.
Von Menschen und Göttern
Doch was hat man nach erschöpfenden drei Stunden für sein teures Geld hier eigentlich gesehen? Wie interpretiert Nolan die epische Dichtung für das 21. Jahrhundert? Erlebt der kriegsmüde Odysseus, der sich wie ein Vater um seine Männer kümmert, am Ende eine Charakterentwicklung, die ihren Namen verdient? Und ist eine solche überhaupt möglich, wenn man sieben Jahre mit Kalypso auf einer Insel verbringt? Man merkt Nolans Film nur allzu deutlich an, dass er kein Historienspektakel sein will – und dennoch immer wieder eines sein muss. Geschickt verwebt Nolan, wie bereits die Vorlage, die Zeitebenen und Schauplätze, wechselt zwischen den gefährlichen Prüfungen, die auf Odysseus warten, und der heimatlichen Festung auf Ithaka, wo die treue Penelope (Anne Hathaway) die sie bedrängenden Freier, allen voran den fiesen Antinoos (Robert Pattinson) abwehren muss. Die große Schlacht um Troja, als grausames Gemetzel an den Trojanern inszeniert, bekommt wiederum Odysseus’ Sohn Telemachos (Tom Holland) auf der Suche nach seinem Vater als Rahmenhandlung von König Menelaos (Jon Bernthal) erzählt. Doch so sehr sich dieser Film offensichtlich auch um die Metaebene von Homers Dichtung bemüht, um die ewigen Fragen nach Schuld, Rache und Vergebung – wohlgemerkt von Göttern und Menschen gleichermaßen –, so wenig möchte Nolan es für ein zeitgenössisches Publikum verabsäumen, die menschlichen und göttlichen Grausamkeiten spektakulär in Szene zu setzen: ob an den Trojanern, in der Höhle des einäugigen Polyphem, in der von Skylla bewachten Meerenge oder bei dem von den Laistrygonen verübten Massaker. Hier wird gelitten, gefressen und geblutet. Das ist physisches Kino par excellence. Immerhin steigt Odysseus nicht zu Circe ins Bett, nachdem sie seine Männer auf drastische Weise mit bloßen Händen in Schweine verwandelt hat. Wenigstens hat sie wie Kalypso mittlerweile als Männerfantasie ausgedient.
Von der großen Sehnsucht
Dass ausgerechnet diesem so ehrgeizigen und akribisch vorbereiteten Film jener visuelle Einfallsreichtum und jene philosophische Tiefe fehlen, die etwa Nolans experimentelles Traumstück „Inception“ und zuletzt den Schuld-und-Gedächnis-Film „Oppenheimer“ über den Vater der Atombombe auszeichneten, mag angesichts seiner Vorlage erstaunen. Doch Nolans Odysseus ist eben kein listenreicher Held, sondern ein Gefangener seiner selbst, getrieben von Sehnsucht und Heimweh. Ein Mann, der mit schlechtem Gewissen als einziger Überlebender seiner Mannschaft auf einem Floß nach Hause zurückkehrt. Wenn er am Ende als Bettler unerkannt die Heimat erreicht – Uberto Pasolini hat mit „Rückkehr nach Ithaka“ (2024) daraus ein sehr bemerkenswertes Drama mit Ralph Fiennes als Odysseus und Juliette Binoche als Penelope gedreht –, wirkt sein Bericht für seine Frau, die ihn noch nicht erkennt, wie das Geständnis eines Kriegsverbrechers. Von seiner posttraumatischen Belastungsstörung heilt sich dieser Odysseus wenig später tatkräftig selbst: Er braucht die Gewalt, um sich seiner selbst zu versichern. Vielleicht so wie Christopher Nolan diesen Film.
ab 16.7., Cineplexx Hohenems (dF und OF), Kino Bludenz (dF), Kinothek Lustenau (dF), Cinema Dornbirn (dF), Cineplexx Lauterach (dF und OF), GuK Kino Feldkirch (dF und OmU am 17.6.), Skino Schaan (OmU)