Neu in den Kinos: „Die My Love“ Michael Pekler · Nov 2025 · Film

Eine junge Mutter vereinsamt in einem abgelegenen Haus im amerikanischen Niemandsland, widersetzt sich allen gesellschaftlichen Erwartungen und verliert zusehends die Kontrolle über sich und ihre Kleinfamilie. Mit katastrophalen Folgen. Ein Film, so radikal wie möglich für einen Hollywoodstar: Jennifer Lawrence spielt sich in „Die My Love“ die Seele aus dem Leib.

Eine Ankunft voller Hoffnung und Leidenschaft. Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson), ein junges New Yorker Paar, ziehen in ein heruntergekommenes Haus irgendwo im amerikanischen Niemandsland in Montana. Jackson stammt aus der Gegend, seine Mutter wohnt in der Nähe. Das Haus gehörte seinem Onkel, der sich, wie sich herausstellen wird, hier erschossen hat. Jetzt steht das Haus also leer, und es gibt einiges zu tun, zumal Grace ein Kind erwartet. Doch bald stellt sich ein unbehagliches Gefühl ein. Irgendetwas stimmt hier nicht. Grace benimmt sich merkwürdig, an ihrem Roman, den sie hier in aller Ruhe hätte schreiben wollen, arbeitet sie keine Minute. Immer deutlicher wird, dass sie gar nicht vorhat, sich in das neue Heim und die Mutterrolle einzufügen, stattdessen stellen sich Langeweile und sexuelle Frustration ein, während Jackson, der mehrmals die Woche mit seinem Pick-up losfährt, um Geld zu verdienen, auf der Veranda abhängt und trinkt. Und einen ständig kläffenden Hund mitbringt. Hier braut sich Übles zusammen.

Highway to Hell

„Die My Love“. Der Titel des neuen und mittlerweile fünften Films der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay („A Beautiful Day“) klingt wie eine Aufforderung und basiert auf dem Roman „Mátate, amor“ der argentinischen Schriftstellerin Ariana Harwicz. Ramsay stülpt den inneren Monolog nach außen: Die Liebe soll, nein, sie muss sterben – stirb, du Liebe! In diesem Fall könnte die Liebe aber auch Grace sein, der man zwar nicht beim Sterben zusehen kann, aber deren Psyche an diesem Ort unaufhaltsam Schaden nimmt. Die äußeren Anzeichen sind bald nicht mehr zu übersehen, die Verhaltensauffälligkeit ist verstörend, der Umgang beider Eltern mit dem Kleinkind schwer irritierend. Manchmal geht Grace mit dem Kinderwagen etliche Meilen über den Highway zum Haus von Jacksons Mutter. Pam (Sissy Spacek) ist besorgt und zeigt sich dennoch zuversichtlich. Mutter werden sei nicht einfach, meint sie, Grace müsse erst in ihre neue Rolle hineinwachsen. Selbst schläft sie mit einem Gewehr ein oder spaziert damit als Schlafwandlerin durch die Gegend.

Tour de Force

„Die My Love“ ist alles andere als ein feinfühliger oder gar raffinierter Film über psychische Krankheit und ihre Folgen. Dass Ramsay von der postpartalen Depression einer jungen Mutter erzählen würde, stimmt höchstens ansatzweise, denn hier wird erst gar nicht der Versuch unternommen, den Ausnahmezustand von Grace zu erklären. Dieser Film zielt ausschließlich darauf ab, seine Hauptdarstellerin bei ihrer schauspielerischen Tour de Force zu präsentieren. Auch deshalb kommt man nicht umhin, „Die My Love“ mit Darren Aronofskys „Mother!“ zu vergleichen, jener filmischen Bibel-Allegorie, in der sich ebenfalls Jennifer Lawrence in der namenlosen Hauptrolle die Seele aus dem Leib spielte. Doch im Gegensatz zu Aronofskys mit Horrorelementen durchsetztem Psychodrama, in dem die Mutter die Kontrolle über ihr Eigenheim und unwillkommene Gäste verliert, mutet Ramsays Version wie der Versuch eines radikalen Gegenentwurfs an: Grace macht, was sie will – und prinzipiell nicht das, was andere sich von ihr erwarten. Sei es, dass sie auf allen vieren durchs Gras robbt, ständig Sex haben will, sich mit einem mysteriösen Motorradfahrer trifft (Lakeith Stanfield) oder sich den Kopf an einer Glasscheibe blutig schlägt. Das ist zugleich so wild wie plakativ. 

Süßes Ende

Die Erwartungshaltung steigt: Dass Grace endgültig durchdreht, ist eine Frage der Zeit, weil es in diesem Film, der wie ein räudiges Genrestück funktioniert, kein Zurück in die sogenannte Normalität geben kann. Und keine Flucht aus dem engen 4:3-Format, für das sich Ramsay auch deshalb entschieden hat, weil die Buchvorlage sie an Roman Polanskis „Ekel“ erinnerte. Die Absicht ist nachvollziehbar, und die Botschaft klar: War Lawrence in „Mother!“ die Nestbauerin und suchte mit Mann im Haus nach trauter Zweisamkeit, geht es nun dem patriarchalischen Familienmodell an den Kragen. Ständig von guten Ratschlägen umgeben, von Jackson schließlich doch in die Psychiatrie verfrachtet und danach scheinbar genesen, rückt Grace von ihrem Weg nicht ab – und nehmen die Dinge ihren Lauf. 
Dass man über diesen polarisierenden Film seit seiner Premiere in Cannes trefflich streiten kann, und er derart gegensätzliche Beurteilungen erlaubt, nimmt ihm nichts weg. Nicht streiten kann man über den perfekten Rausschmeißer aus diesem lauten Film. „Love Will Tear Us Apart“, dröhnen Joy Division, nachdem Grace, aus der Klinik entlassen, als scheinbar glückliche Heimkehrerin noch einen süßen Kuchen gebacken hat.

ab 14.11., Cinema Dornbirn (DF), TaSKino im GUK Feldkirch (OmU), Skino Schaan (OmU)

Teilen: Facebook · E-Mail