Neu in den Kinos: „Der Magier im Kreml“ Michael Pekler · Apr 2026 · Film
In seinem jüngsten Politdrama erzählt der französische Autorenfilmer Olivier Assayas vom Aufstieg Wladimir Putins. Ein zweieinhalbstündiges Lehrstück über Autokratie, Macht und Gewissenlosigkeit. Und eine Erklärung dafür, warum das Schicksal ganzer Nationen nach wie vor in den Händen Einzelner liegt. Nach dem Bestseller von Giuliano da Empoli.
„Es ist einfach das effektivste Modell für unser Land. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um es aufzubauen – und siehe da, es funktioniert.“ Wladislaw Surkow war bis Februar 2020 Wladimir Putins engster Berater und zeitweise stellvertretender russischer Ministerpräsident. Im vergangenen Jahr gab er dem französischen Nachrichtenmagazin „L’Express“ eines seiner seltenen Interviews, in dem er das russische Selbstverständnis und den Putinismus aus seiner Sicht erklärte. „Wir brauchen einen Zaren, denn Zeiten ohne einen Zaren enden für uns immer in einer Katastrophe“, so Surkow. „Vielfalt ist gut in der Außenpolitik, nicht in der Innenpolitik.“
Strategischer Manipulator
In Olivier Assayas’ Politdrama „Der Magier im Kreml“ („Le Mage du Kremlin“) spielt Surkow eine zentrale Rolle. Putins „Zauberer“, der heute als Geschäftsmann in London lebt, dient nämlich als Vorbild für den fiktiven Protagonisten Wadim Baranow (Paul Dano), der als Architekt von Putins Machtsystem zu einem der mächtigsten Männer im postsowjetischen Russland aufsteigt. Ein intelligenter, unscheinbarer Mann, ein Kind der Neunzigerjahre, der sich vom Musikliebhaber, Avantgardekünstler und Fernsehproduzenten zum strategischen Manipulator und politischen Vordenker entwickelt. Baranow, der sich auch der westlichen Kultur nahe fühlt, weiß genau, dass nach dem Milchtrinker Gorbatschow und dem Sowjet-Totengräber Jelzin eine neue Form von Gewalt und Macht anbrechen wird. Und dass er den Einfluss, die Begabung und das Knowhow besitzt, die entsprechenden Hebel für Wladimir Putin (Jude Law) umzulegen. Als einziger Konterpart steht Baranow die freigeistige Künstlerin Ksenia (Alicia Vikander) zur Seite und zugleich gegenüber.
Roman der Stunde
„Der Magier im Kreml“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans des italienischen Autors, Journalisten und ehemaligen Beraters von Matteo Renzi, Giuliano da Empoli. Wenig überraschend lehnte Assayas eine Adaption zunächst ab, weil er die Vorlage für einen Kinospielfilm als zu abstrakt betrachtete. Weshalb es auch Assayas’ Co-Autor, dem Filmemacher und großartigen Schriftsteller Emmanuel Carrère („Yoga“) zu verdanken ist, dass einer der bemerkenswertesten Politfilme des Jahres nun im Kino zu sehen ist. Nicht weil Assayas und Carrère den nur wenige Wochen nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine als „Roman der Stunde“ gefeierten Bestseller originalgetreu umgesetzt hätten, sondern weil es dem Film gelingt, die Dynamik der politischen, ökonomischen und sozialen Umwälzungen auch auf der Leinwand in zweieinhalb Stunden so präzise wie spannend nachzuzeichnen: von der gefühlten demokratischen Freiheit und der Goldgräberstimmung der 1990er Jahre über den Aufstieg der superreichen Oligarchen bis zum autoritären Backlash des Putinismus. Während der nicht mehr amtsfähige Boris Jelzin auf seinem Präsidentensessel für die TV-Kameras unsichtbar festgebunden wird, sitzt Putin als Chef des Geheimdienstes mithilfe seiner Einflüsterer bereits in den Startlöchern. Zu diesen zählt neben Baranow vor allem der Industrielle und Medienmogul Boris Beresowski (Will Keene), der Putin die Präsidentschaft ermöglichte, später in Ungnade fiel und zum Staatsfeind erklärt wurde. Woraufhin Beresowski im Londoner Exil Suizid beging. Angeblich.
Tee und Trolle
Wie da Empoli bettet auch Assayas die Geschichte in eine Rahmenhandlung und erzählt in Form von Rückblenden: Baranow, der sich zu Beginn des Films bereits aus der Politik zurückgezogen hat, lockt mittels eines Samjatin-Zitats einen amerikanischen Historiker (Jeffrey Wright) auf sein verschneites abgelegenes Anwesen, um bei Tee und Keksen die vergangenen dreißig Jahre in einer Nacht Revue passieren zu lassen. Da geht manches vielleicht ein wenig zu schnell über die Bühne, vom Tschetschenienkrieg über den Untergang der Kursk bis zu den Olympischen Spielen in Sotschi und der Errichtung der russischen Trollfabriken. Immer wusste Baranow entsprechend zu reagieren und kann deshalb auf ein System zurückblicken, an dessen Errichtung er maßgeblich beteiligt war. Ein emotionsloser Mittäter in einem Film, der sich den einfachen Antworten verweigert, aber die richtigen Fragen stellt.
ab 9.4., Cineplexx Hohenems (dF)