Neu in den Kinos: „Blue Moon“ Michael Pekler · Mär 2026 · Film
Richard Linklater lässt den in den 1930er Jahren berühmten Broadway-Autor Lorenz Hart für einen einzigen Abend auferstehen. Ethan Hawke verkörpert den Liedtexter auf unnachahmliche Weise – als einen am Ende seiner Karriere stehenden Mann, der unglücklicherweise die Hoffnung nicht aufgibt, noch einmal vom Publikum geliebt zu werden.
Das Rufzeichen ist für Lorenz Hart fast so schlimm wie die Aufführung selbst. Der berühmte Songtexter hat die Premiere von „Oklahoma!“ frühzeitig verlassen. Er hat das in seinen Augen niveaulose Stück nicht länger ertragen. Und er weiß, dass mit dieser Inszenierung seine Karriere endgültig besiegelt ist. Nicht weil er es geschrieben hat, sondern weil er es nicht geschrieben hat. Lorenz Hart ist am Abend des 31. März 1943 an einem Tiefpunkt angelangt. Der Komponist Richard Rodgers, mit dem er die letzten zwei Jahrzehnte erfolgreich Broadway-Musicals produzierte, hat ihm die Zusammenarbeit aufgekündigt und mit dem Liedtexter Oscar Hammerstein einen neuen Partner gefunden. „Oklahoma!“ mit Rufzeichen ist für Hart der Anfang vom Ende.
Die Zusammenarbeit von Regisseur Richard Linklater und Schauspieler Ethan Hawke ist hingegen noch lange nicht zu Ende, sondern geht mit „Blue Moon“ bereits zum neunten Mal über die Bühne. Zu Beginn sieht man Hawke als Lorenz Hart im strömenden Regen durch eine enge New Yorker Seitengasse stolpern, bevor er – eine Zigarre zwischen den Zähnen und eine Melodie auf den Lippen – mit einem letzten Fluch zusammenbricht. Eine Radiostimme verkündet den Tod des berühmten Songwriters, der mit Broadway-Nummern wie „My Funny Valentine“ und „The Lady is a Tramp“ Erfolge feierte. Lorenz Hart, Sohn deutsch-jüdischer Immigranten, starb 1943 im Alter von 48 Jahren an einer Lungenentzündung. Sein Alkoholismus war bekannt, seine Homosexualität ein Tabu. „Mr. Hart was not married“, lautet der letzte Satz im Nachruf der „New York Times“. Eine von Harts schönsten Nummern ist „Blue Moon“.
Imaginierte Wirklichkeit
Im Gegensatz zu Linklaters anderem aktuellen Porträtfilm „Nouvelle Vague“ über Jean-Luc Godard und die Entstehungsgeschichte von „Außer Atem“, ist sein fiktives Biopic über Lorenz Hart ein imaginiertes Kammerspiel, das an einem einzigen Abend, den 31. März 1943, im legendären New Yorker Restaurant „Sardi’s“ über die Bühne geht. Es ist jener Abend, an dem „Oklahoma!“ seine Uraufführung feiert und die Gäste – allen voran Rodgers und Hammerstein – zur Premierenfeier im Künstlertreff erwartet werden. Dass Hart die Aufführung besuchte, ist dokumentiert, der folgende Abend hingegen reine Fiktion – und zugleich bestechend nahe an der Wirklichkeit.
Als Hart eintrifft, ist das Lokal noch nahezu leer, neben einem jungen Soldaten, der als Pianist für die musikalische Unterhaltung zuständig ist, dient ihm vor allem Freund und Barmann Eddie (Bobby Cannavale) als Gesprächspartner. Man diskutiert über unmögliche Dialogzeilen in „Casablanca“, über den Krieg, die Kunst und natürlich die Liebe. In der Ecke sitzt der Schriftsteller E. B. White, dem Hart seine Bewunderung ausspricht, doch alles wirkt wie ein erster Akt eines Dramas, das unaufhaltsam auf einen tragischen Höhepunkt zusteuert. Denn Hart wartet in Wahrheit nicht nur auf die junge Kostümbildnerin Elizabeth (Margaret Qualley), in die er gerade verliebt ist, sondern vor allem auf Ex-Partner Rodgers (Andrew Scott), um ihn zu einer weiteren Zusammenarbeit zu überreden.
Letzter Rettungsring
Linklater und der für das beste Originaldrehbuch oscarnominierte Autor Robert Kaplow machen aus Hart einen so liebenswürdigen wie bemitleidenswerten Mann, der weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist, aber die Hoffnung nicht aufgeben will. Den Rettungsring soll vor allem Rodgers werfen, weshalb es vor allem an diesem Abend die Fassade zu wahren gilt. Was nicht immer gelingt. „Blue Moon“ ist aber natürlich auch ein Film von Ethan Hawke, der die Begeisterung des redseligen kleinen Mannes – Hart war nur zirka 150 cm groß – in jedem Augenblick spürbar macht. Und seine Verwundbarkeit und die Fähigkeit, mit den Demütigungen des Lebens umzugehen.
„Blue Moon“ ist ein Film wie eine Einbildung, die einem eine elegante Bar im Amerika der 1940er Jahre vorgaukelt, wo alles aus sanftem Licht, Klang und Atmosphäre besteht. Wo kluge Menschen bemerkenswerte Dinge sagen oder sie zumindest bemerkenswert klingen lassen. Und der beste Verlierer an diesem Abend ist Lorenz Hart. „Blue moon, you saw me standin' alone.
Without a dream in my heart, without a love of my own.“
ab 27.3., Cinema Dornbirn