Neu in den Kinos: „15 Liebesbeweise“ Michael Pekler · Dez 2025 · Film
Zwei Frauen und fünfzehn Briefe: Um das Kind ihrer schwangeren Ehefrau adoptieren zu dürfen, muss Ella Rumpf dem französischen Gericht beweisen, dass sie in der gleichgeschlechtlichen Beziehung ihrer zukünftigen Rolle gewachsen ist. Ein unaufgeregter, sehenswerter Liebesfilm.
Eines Nachmittags tauscht sich Céline (Ella Rumpf) mit einem Freund über die Rolle des Vaters aus. Céline ist merklich angespannt, doch der Freund kann sie beruhigen. Sie hätten da etwas gemeinsam, denn beide seien sie zum Zuschauen verurteilt, wenn die Frau das Kind zur Welt bringt. Natürlich wolle man sich als Vater auf die Geburt vorbereiten und alles lernen, was danach zu tun ist, doch eigentlich spiele man die zweite Geige. Da können Erleichterung und Eifersucht in einer Gefühlsmischung aufeinandertreffen.
Céline wird nämlich nicht nur Mutter, sondern übernimmt in ihrer Beziehung zugleich die Vaterrolle. Ihr Kind erwartet dank künstlicher Befruchtung in Dänemark nämlich ihre Ehefrau Nadia (Monia Chokri). Die Tontechnikerin und die ältere, schwangere Zahnärztin sind selbst für Pariser Verhältnisse ein ungewöhnliches Paar, das manchmal sogar im engsten Bekanntenkreis seinen Kinderwunsch und die Rollenverteilung erklären muss. Vor allem aber hinkt das französische Gesetz im Jahr 2014 der Lebenswirklichkeit hinterher: Um das Kind adoptieren zu dürfen, muss Céline dem Gericht fünfzehn persönliche „Briefe“ von Freunden und Verwandten vorlegen. Diese sollen Céline bescheinigen, dass sie ihrer zukünftigen Rolle in der gleichgeschlechtlichen Ehe gewachsen ist.
Unwägbarkeiten und Unsicherheiten
Dieses Szenario erinnert zunächst auffallend an das Sozialdrama „Zwei Tage, eine Nacht“ der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, in dem Marion Cotillard als gekündigte Arbeiterin genügend Stimmen aus der restlichen Belegschaft erhalten muss, um ihren Job zu behalten. In ihrem Langfilmdebüt „Fünfzehn Liebesbeweise“ („Des preuves d’amour“) schlägt die französische Regisseurin Alice Douard jedoch einen anderen Weg ein. Denn Douard verfolgt in ihrem auf eigenen Erfahrungen basierenden Drama keine sozial-, sondern eine identitätspolitische Agenda. Weshalb sie nicht von bürokratischem Hürdenlauf oder von Célines Schwierigkeiten, genügend „Liebesbeweise“ zu ergattern, erzählt, sondern vorrangig von allfälligen privaten Unwägbarkeiten und Unsicherheiten. Der Brief ihrer Mutter (Noémie Lvovsky), einer berühmten Pianistin, wäre für Céline besonders hilfreich, scheint aber aufgrund des seit Jahren fragilen Mutter-Tochter-Verhältnisses außer Reichweite. Und auch die Beziehung zwischen Céline und der werdenden Mutter Nadia gestaltet sich keinesfalls konfliktfrei. Die Vereinbarung, dass Céline als die Jüngere das nächste Kind bekommen darf, bietet ihr natürlich keine Garantie.
Empathie und Engagement
Wichtiger als die gesellschaftskritische Anklage ist Douard jedenfalls ein Plädoyer für Empathie und Engagement in fordernden Zeiten – und sie beweist, der absurden Rechtslage entsprechend, dabei durchaus Sinn für Humor. Was heißt es, eine gute Mutter zu sein? Das ist die zentrale Frage dieses Films, der vor allem von der schweizerisch-französischen Schauspielerin Ella Rumpf („Tiger Girl“) souverän getragen wird, während Douard diese Geschichte völlig klischeefrei, ohne moralischen Zeigefinger und dramatisches Coming-out erzählt.
Das juristische Prozedere, das Céline durchlaufen muss, ist heute übrigens nicht mehr nötig. Die sogenannten „Liebesbeweise“ wurden 2021 aus dem Gesetz entfernt.
ab 1.1., TaSKino im GUK Feldkirch (frz. OmU)
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