Mysterious Voices
Der Landesjugendchor Voices begeisterte am Samstagabend in der Kulturbühne AmBach in Götzis.
Michael Löbl · Dez 2025 · Musik

Die Konzerte des Landesjugendchores Voices gehören seit vielen Jahren zu den musikalischen Fixpunkten in den Weihnachtsfeiertagen, genauso wie die Neujahrskonzerte des tonart Jugendsinfonieorchesters oder des Jugendsinfonieorchesters Dornbirn. Da die beiden Termine in der Kulturbühne AmBach immer sehr schnell ausverkauft waren, gibt es seit letztem Jahr ein drittes Konzert im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg. Unter der Leitung von Jakob Peböck überzeugten die Sänger:innen am Samstagabend mit einem sehr abwechslungsreichen und anspruchsvollen Programm.

Die Konzerttitel spielen stets mit dem Wort „Voices“, von „Voices Forever“ über „Vibrant Voices“ oder „Voices Reloaded“ ist man 2025 bei „Mysterious Voices“ angekommen. Ob damit die zahlreichen Gänsehautmomente gemeint waren, die der Chor dem Publikum im Laufe des Abends bescherte?

Knappe Probenzeit

Voices ist und bleibt ein Phänomen. Dass sich über 100 junge Leute im Alter von 16 bis 28 Jahren regelmäßig in ihrer Ferien- oder Urlaubszeit zusammenfinden, um in kürzester Zeit ein anspruchsvolles Programm einzustudieren, immer in mehreren Sprachen, immer in verschiedensten Stilen von der Renaissance bis zur Gegenwart und immer auswendig – das ist keineswegs selbstverständlich. Jede:r ist bereits lange vor Probenbeginn gefordert, denn ohne die Literatur vorher alleine studiert zu haben, wird man bis zu den Konzerten nicht fit genug sein. Die zur Verfügung stehende Probenzeit ist äußerst knapp und ohne gute Vorbereitung jedes Einzelnen, wäre ein derartiges Programm nicht zu bewältigen. Die Chormitglieder sind Schüler:innen, Student:innen oder bereits berufstätig, wohnen teilweise weit entfernt, finden sich aber Jahr für Jahr zu Proben und Konzerten in Vorarlberg ein. Das muss wohl der vielbeschworene „Voices-Spirit“ sein.
Was diesen Chor aber so besonders macht, ist die stimmliche Qualität, die Homogenität der einzelnen Gruppen, die unglaubliche Dynamik und eine überwältigende Power, wenn der gesamte Chor so richtig „aufdreht“. Die Voices-Mitglieder sind im besten Alter, ihre Stimmen präsentieren sich bereits fertig entwickelt und alle Sänger:innen mussten ihre Mitgliedschaft durch ein Vorsingen „erarbeiten“. Diese frische Jugendlichkeit im Klang unterscheidet Voices von vielen anderen Chören mit ganz anderen Altersstrukturen. 

Gänsehautmomente

Eines der vielen Voices-Markenzeichen ist die Fußbekleidung. Alle singen in schwarzen Socken, Damen ebenso wie Herren. Das hat etwas zutiefst Demokratisches und löst gleichzeitig das Problem des störenden Trampelns auf der Holzbühne. Ein Duo aus dem Chor führte informativ und humorvoll durch das Programm mit Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu Billie Eilish.
Den ersten Gänsehautmoment gab es gleich zu Beginn. Links und rechts im Saal verteilt auf dem Weg zur Bühne wurde das Konzert durch „Past Life Melodies“ der australischen Komponistin Sarah Hopkins eröffnet. Das ist Weltmusik im wahrsten Sinne des Wortes, das Publikum wird durch Länder und Epochen bis in die Welt des asiatischen Obertongesanges geführt. Einen starken Kontrast dazu bot die Vertonung des 100. Psalms „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Auf „Fire“ von Katerina Gimon folgte der erste Auftritt des diesjährigen Gastensembles Stella Folk, einer Formation der Stella Musikhochschule unter der Leitung von Evelyn Fink-Mennel. Leider ist eine Musikerin des Ensembles erkrankt und musste kurzfristig absagen, was zu einigen Umstellungen und musikalischen Kompromissen führte.

Smartphones im Mittelpunkt

Immer wieder überlässt Jakob Peböck Sänger:innen aus dem Chor die Leitung einzelner Programmpunkte. Christoph Hartmann dirigierte „Linden Lea“ des Engländers Ralph Vaughan Williams, Julia Schelling leitete nach der Pause ihr eigenes Arrangement des Songs „Faith“ von Stevie Wonder. Die drei letzten Stücke Programmpunkte vor der Pause waren absolute Höhepunkte. Zunächst „Mironczarnia“ des polnischen Komponisten Jakub Neske, gefolgt von „Hymn of Acxiom“ der Amerikanerin Vienna Teng mit einer verblüffenden Choreographie leuchtender Smartphones im vollkommen verdunkelten Saal. Grandios! Wer glaubt, dem Thema „Dies irae“ sei nach Mozart und Verdi nichts mehr hinzuzufügen, sollte sich die A-Cappella-Version des Amerikaners Michael John Trotta anhören. Kurz, dramatisch, wirkungsvoll und von Voices absolut brillant interpretiert.
Es ist erstaunlich, wie viele wirkungsvolle und musikalisch hochinteressante zeitgenössische Werke von vollkommen unbekannten Komponist:innen es insbesondere in der Chorliteratur zu entdecken gibt. Hopkins, Gimon, Neske, Teng, Trotta – es würde sich lohnen, sich eingehender mit diesen Musiker:innen und ihren Werken zu beschäftigen. Auch nach der Pause hinterließen zwei Stücke einen besonders starken Eindruck: „Father Thunder“ der aus Lettland stammenden Laura Jekabsone und „Ta na Solbici“ des Slowenen Samo Vovk.  

Stilistische Bandbreite

Dazwischen gab es viel stilistische Abwechslung. Den durch Frank Sinatra berühmt gewordenen Hit „New York, New York“ sangen nur die Männer, das amerikanische Volkslied „Foreign Lander“, „When the Party’s Over“ von Billie Eilish und „Some Nights“ der Gruppe Fun demonstrierten die unglaubliche Bandbreite des musikalischen Ausdrucks, einem weiteren Markenzeichen dieses aussergewöhnlichen Chores. 
Um längere dramaturgische Bögen zu schaffen, sollte man vielleicht einmal versuchen, das Programm durch längere Blöcke zu strukturieren. Der – durchaus berechtigte – Applaus nach jeder einzelnen kurzen Nummer stört leider die Stimmung und unterbricht zu oft die musikalische Spannung. Änderungen in der Aufstellung beherrschen die Sänger:innen von Voices in verblüffender Geschwindigkeit und unterstützt durch Licht und Moderation könnten mehrere Programmteile sinnvoll kombiniert werden. Ganz ohne Zwischenapplaus geht es allerdings auch nicht, dem Publikum zu verbieten, nach so effektvollen Nummern wie „Mironczarnia“ oder „Ta na Solbici“ spontan zu applaudieren, das kann es natürlich auch nicht sein.
Zum Schluss Standing Ovations und mehrere Zugaben, eine davon in Vorarlberger Mundart. Zuschauer:innen und Sänger:innen konnten nicht genug bekommen und so wurde anschliessend im Foyer ausgiebig weitergesungen. 

www.voices4you.com

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