Mut zur Nische
Sascha Goetzel leitete das zweite Abonnementprogramm des Symphonieorchesters Vorarlberg.
Michael Löbl · Okt 2026 · Musik

Eine auf den ersten Blick etwas schräge Kombination aus Werken von Franz Schreker, Dmitri Kabalewski, Joseph Haydn und Alexander Zemlinsky erwies sich am Konzertabend im Montforthaus Feldkirch als durchaus stimmiges Konzept, das vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

Kein Kassenschlager, nicht einmal ein bekannter Komponist als Zugpferd, ein hierzulande unbekannter Solist und ein Dirigent, der vor sieben Jahren das letzte Mal beim SOV zu Gast war: Im Gegensatz zum vorigen und dem folgenden Abonnementprogramm, wo man mit der Großen C-Dur Symphonie von Schubert und Dvořáks „Symphonie aus der Neuen Welt“ zwei Blockbuster aufs Programm setzte, begegnete man beim Abo 2 am vergangenen Wochenende ausschließlich unbekannten und unkonventionellen Werken des Orchesterrepertoires.

Kontrastreicher erster Konzertteil

Die musikhistorische Klammer bildeten die Komponisten Franz Schreker und Alexander Zemlinsky, die beide um 1900 in Wien Komposition studierten und trotz sehr unterschiedlicher Lebenswege ein Leben lang eng befreundet blieben. Schreker entwickelte sich in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zu einem der erfolgreichsten Opernkomponisten Deutschlands, geriet aber nach dem Zweiten Weltkrieg mehr oder weniger in Vergessenheit. Das Konzert begann mit seinem Intermezzo op. 8 für Streicher, einem Frühwerk, welches er am Ende seiner Studienzeit schrieb. Anlass war der Kompositionswettbewerb einer Zeitung, und Schreker wurde für sein Intermezzo mit dem Ersten Preis ausgezeichnet. Die Jury lobte explizit den Wohlklang und die weiche, schwärmerische Stimmung. Genau dies gelang dem Symphonieorchester Vorarlberg unter der sensiblen Leitung von Sascha Goetzel hervorragend, Franz Schrekers Musik sorgte für einen ruhigen, fast meditativen Einstieg in das Konzertprogramm.
Das darauf folgende Violinkonzert des Russen Dmitri Kabalewski, geschrieben 1948 für den berühmten Geiger David Oistrach, ist extrovertiert, witzig, jugendlich, virtuos, kurz und bündig. Mehr Kontrast geht nicht. Der überirdisch schöne langsame Mittelsatz, eine melancholische russische Ballade, bildet den lyrischen Kontrast zu den rasanten Ecksätzen. Solist war der Holländer Niek Baar, der in seiner Heimat sowie in Berlin und München studiert hat. Er traf die unterschiedlichen Stimmungen des Konzertes genau und überzeugte durch sein brillantes Spiel sowie seine sympathische Ausstrahlung. Durch zwei Zugaben – die erste sogar gemeinsam mit dem Orchester – brachte er den sehr kurzen ersten Konzertteil mühelos auf Normallänge. Auf das Mozart-Rondo KV 373 folgte noch die Sarabande aus der d-Moll Partita von J.S. Bach.

Ein Wiedersehen nach sieben Jahren

Der aus Wien stammende Dirigent Sascha Goetzel war 2019 bereits einmal zu Gast beim SOV. Zwölf Jahre lang war er Chefdirigent des Borusan Philharmonic Orchestra in Istanbul. In dieser Zeit hat er Niveau und Reputation dieses Klangkörpers entscheidend geprägt, Goetzel und sein Orchester gastierten unter anderem bei den Salzburger Festspielen und den Londoner Proms. Derzeit leitet Sascha Goetzel das Orchestre National des Pays de la Loire in Frankreich. Vor genau einer Woche stand Matthias Honeck als Intendant des :alpenarte-Festivals auf der Bühne des Angelika-Kauffmann-Saales in Schwarzenberg, nun konnte man ihn – zum ersten Mal – als Konzertmeister des SOV erleben. Wer bitte hatte diese geniale Idee? Als Stimmführer der Wiener Symphoniker verfügt er über ausreichend Führungskompetenz, machte seine Sache hervorragend und überzeugte durch mehrere wunderschön gespielte Geigensoli.  

Sprechende Artikulation

Während viele andere große Komponisten – Beethoven, Schubert, Dvořák, Mahler, Bruckner – mit ihren neun Symphonien wie an eine magische Grenze gestoßen sind, liegt Joseph Haydn mit seinen 104 Symphonien uneinholbar an der Spitze, gefolgt von Mozart, der es immerhin auf 41 Symphonien gebracht hat. Wir sprechen wohlgemerkt von Komponisten, die regelmäßig aufgeführt werden, denn der finnische Dirigent und Komponist Leif Segerstam ist mittlerweile mindestens bei Symphonie Nr. 350 angelangt.  
Haydns Nr. 39 ist leicht erkennbar durch ihre charakteristischen Generalpausen im ersten Satz. Sie ist eine der wenigen Haydn-Symphonien in einer Molltonart, aber eine der zahlreichen, in denen der Komponist die Hornisten durch Soli in extrem hoher Lage in Bedrängnis bringt. Am Samstagabend im Montforthaus war das kein Problem, alle hohen Hornpassagen gelangen blitzsauber. Sascha Goetzel motivierte das Orchester, es wurde zupackend musiziert, nicht so extrem wie manche Originalklang-Ensembles dies tun, aber durchaus „historisch informiert“ mit sprechender Artikulation und flotten Tempi. Wirkte Haydn auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper im Programm, ergab diese g-Moll-Symphonie zu Beginn des zweiten Konzertteils dann durchaus Sinn.

Ein komplexes Meisterwerk

Den Höhepunkt des Abends bildete die Sinfonietta op. 23 von Alexander Zemlinsky. Das ist ein hochinteressantes, komplexes und wirkungsvolles Stück, geschrieben in einem sehr persönlichen Stil, am ehesten noch vergleichbar mit der Ersten Kammersymphonie von Arnold Schönberg. Aber auch Mahler, Richard Strauss oder Erich Wolfgang Korngold schimmern immer wieder durch, ohne dass Zemlinsky auch nur für einen Moment von seinem eigenen Kompositionsstil abweicht. Die Komplexität, die verschiedenen Stimmungen, die dicht aufeinanderfolgenden rhythmischen Wechsel und der lange musikalische Bogen des Mittelsatzes machen ein vollständiges Erfassen dieses Werkes beim ersten Hören fast unmöglich. Durch die heutzutage so zahlreichen niederschwelligen Angebote im Internet – Segen und Fluch zugleich – wird aber ein nochmaliges Hören dieses Meisterwerkes ganz einfach. Radio Vorarlberg sendet den Mitschnitt dieses Konzertes am 18. und 25. Januar 2027, jeweils ab 21 Uhr.
Nicht ganz nachvollziehbar ist, warum das SOV nicht Zemlinskys Originalfassung aus dem Jahr 1934, sondern eine 2013 entstandene Bearbeitung für Kammerorchester auf das Programm gesetzt hat. Noch seltsamer ist, dass man weder im Programmheft noch im orchestereigenen Podcast etwas über diese beiden Fassungen erfährt. Im Gegenteil: Im Podcast wird sogar detailliert über die Instrumentation von Zemlinskys Original gesprochen und auch die ausgewählten Tonbeispiele sind Ausschnitte der Originalversion. Der Dirigent und Komponist Roland Freisitzer hat seine Bearbeitung im Auftrag eines kleinen Ensembles verfasst, mit dem Ziel, das Stück auch in kammermusikalischer Besetzung und in kleineren Räumen spielbar zu machen und dadurch für weitere Verbreitung zu sorgen. Eine nachvollziehbare Idee, und Freisitzers Fassung ist auch durchwegs gelungen. Mehrere Bläser wurden gestrichen und die in diesem Stück besonders exponierte Gruppe mit Pauken und Schlagwerk durch ein Klavier ersetzt. Dadurch hat sich aber der Charakter von Zemlinskys Sinfonietta stark verändert, es ist in Teilen ein vollkommen anderes Stück geworden. Dabei waren die meisten Instrumente beim Violinkonzert von Kabalewski vor der Pause ohnehin im Einsatz, man hätte dem Publikum mit nur sechs zusätzlichen Musikern problemlos die doch viel bessere Originalfassung in großer Besetzung präsentieren können.
Sascha Goetzel und das Symphonieorchester boten eine überzeugende Leistung, leuchteten Zemlinskys Partitur genau aus und machten die großen Spannungsbögen des Werkes nachvollziehbar. Der spontane und langanhaltende Schlussapplaus zeigte, dass man den Zuhörern durchaus unbekannte Raritäten anbieten kann, ohne ein Nasenrümpfen zu riskieren. Das SOV-Publikum hat im Laufe der Jahre gelernt, dass es nicht immer Orchesterhits sein müssen, um ein Konzert zu einem musikalischen Genuss zu machen. Sollten wieder einmal Schreker, Kabalewski oder Zemlinsky in einem Saisonprogramm auftauchen, wird man sich an dieses Konzertwochenende erinnern.

Die nächsten SOV-Termine:
Texte & Töne Festival
Paul-Boris Kertsman, Dirigent; Werke von Unsuk Chin, Magnus Lindberg und Martin Ritter
Samstag, 7. November 20.00 Uhr, ORF Landesstudio Dornbirn
Eintritt frei

Abokonzert 3
Marzena Diakun, Dirigentin; Sebastian Klinger, Violoncello; Werke von Robert Schumann und Antonín Dvořák
Sa, 28.11., 19.30 Uhr, Montforthaus Feldkirch
So, 29.11., 17.30 Uhr, Festspielhaus Bregenz

www.sov.at

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