Musikalisches Ausrufezeichen des Kulturvereins illlitz
Martin Summer und Tobias Neubauer gaben in Schruns einen exklusiven Liederabend
Silvia Thurner ·
Mär 2026 · Musik
Im vergangenen Jahr startete der Kulturverein illlitz in Schruns neu durch. Nun ließ er mit einer Einladung zu einem Liederabend aufhorchen. Zahlreiche Musikbegeisterte erlebten ein Novum im inspirierenden Ambiente der Kulturbühne Schruns, denn Liederabende gab es dort bislang keine zu hören. Beeindruckend waren nicht nur die Lieddeutungen, sondern auch das hervorragend zusammengestellte Programm. Eigentlich genießen Musikliebhaber:innen derlei exklusive Programme lediglich bei der Schubertiade in Hohenems oder Schwarzenberg. Den drei gigantischen Schubertballaden „Ganymed“, „Prometheus“ und „Grenzen der Menschheit“ setzten der Bass Martin Summer und Tobias Neubauer den Liederzyklus „Erdenschönheiten“ von Gerda Poppa zur Seite. Ergänzt wurde das Programm mit ironisch aufrüttelnden Liedern aus dem „Liederbuch des Hafis“, op. 30 von Viktor Ullmann.
Martin Summer hat in den vergangenen Jahren eine herausragende Karriere als Opern-, Oratorien- und Liedsänger gemacht. Seine Vielseitigkeit stellte der Bass kürzlich unter anderem im Gewandhaus Leipzig unter Beweis, wo er in Haydns „Die vier Jahreszeiten“ unter der Leitung von Franz Welser-Möst mitwirkte. Demnächst führt ihn die Rolle des Rocco aus Beethovens „Fidelio“ nach Cleveland.
Stimmkräftig füllte Martin Summer mit seinem sonoren Bass den Raum in der Kulturbühne Schruns und zog die Zuhörenden ganz unmittelbar mit seiner ausgeprägten Textverständlichkeit, seiner genauen Diktion und Artikulation in den Bann. Martin Summer „drosselte“ seine stimmlich im Opernfach geschulten Potenziale hervorragend und passte seine Melodieführungen den Charaktereigenschaften an, die der Liedgesang fordert.
Ungezwungene Konzertatmosphäre
Die Liedauswahl von Martin Summer und Tobias Neubauer war sehr passend zusammengestellt. Sie ermöglichte es dem Sänger, unterschiedliche Aspekte seiner Liedkunst zu präsentieren. In Schuberts Balladen entfaltete er seine interpretatorisch-sängerische Ausdruckskraft facettenreich. Das fein dosierte ironisch-humorvolle Temperament mit schauspielerischer Qualität kam in Viktor Ullmanns „Lieder des Hafis“ besonders zur Geltung. Gerda Poppas „Erdenschönheiten“ führten den Bassisten in die musikalischen Ausdruckswelten unserer Zeit, die er sensibel und obertonreich ausfüllte.
Am Klavier wurde Martin Summer von Tobias Neubauer begleitet. Der inspirierte Pianist hatte eine nicht leicht zu bewältigende Aufgabe, denn selbstverständlich konnte ihm der Kulturverein illlitz lediglich einen relativ kleinen Flügel zur Verfügung stellen, der zudem nicht einwandfrei gestimmt war. Trotzdem kam die Gestaltungskraft von Tobias Neubauer, der die Gesangsstimme trug und die textdeutenden Passagen in den Schubertballaden bestmöglich ausformte, zur Geltung. Besonders eindrucksvoll wirkten die humorvoll überzeichneten Klavierparts in Viktor Ullmanns „Lieder des Hafis“.
Vielgestaltige Ausdrucksqualitäten
„Erdenschönheiten“ komponierte Gerda Poppa nach einem Text von Christian Morgenstern. Inspiration waren unter anderem der aufklarende Himmel und die Erholung der Natur durch die Reduktion der umweltzerstörenden Aktivitäten während der Corona-Lockdowns 2022. Erstmals interpretierte Martin Summer den Liederzyklus anlässlich der Kompositions-Preisverleihung an Gerda Poppa im Jahr 2024. Die Aufführung des Liederzyklus in Schruns bot nun ein willkommenes Wiederhören dieser vielsagenden Komposition.
Im ersten Lied „Für Viele“ breitete der Pianist einen weit gesteckten Rahmen für den eher im Rezitationston gehaltenen Gesangspart aus. Die Textverständlichkeit, mit der Martin Summer die Vokallinien formte, unterstrich den Aussagegehalt hervorragend. Im zweiten Lied „Du bist mein Land“ traten der Sänger und der Pianist in einen feinsinnigen musikalischen Dialog, in dem die Wellenbewegungen des an Land fließenden Wassers plastisch ausgedeutet wurden. Vokalisen bildeten die Grundlage für „Fisches Nachtgesang“. Diese Passage implizierte Weite und brachte die obertonreiche Stimme des Bassisten zur Geltung.
Auf die rhythmisierte Melodielinie ging der Pianist im „Waldkonzert“ ein. Zudem belebten Registerwechsel sowie bewusst in den Vordergrund gestellte Tonqualitäten unterschiedlicher Lautgebungen den musikalischen Duktus. Im Vergleich zu den Textinhalten wirkte der musikalische Ausdruck in „Hier im Wald mit dir zu liegen“ zwar mit schwebendem Charakter, insgesamt jedoch etwas zu hart. Spitz gesetzte Tonrepetitionen und reibende Intervalle drängten im straff artikulierten Abschlusslied „Kleine Erde“ nach vorne und regten mit dem offenen Schluss zum Weiterdenken an.
Imposante Balladen und ein beeindruckender Perspektivenwechsel
Die drei Balladen „Ganymed“, „Prometheus“ und „Grenzen der Menschheit“ beruhen auf Texten von Wolfgang von Goethe und bilden bedeutende Hauptwerke im Schaffen von Franz Schubert. Die unterschiedlichen Positionen des Menschen gegenüber dem Göttlichen ließen viele Deutungen zu und boten in der Trilogie ein spannendes Hörerlebnis. In gemäßigtem Tempo intonierten Martin Summer und Tobias Neubauer „Ganymed“, um die musikalisch-textliche Entwicklung als Kontinuum erfahrbar zu machen. Einnehmend und kraftvoll formte Martin Summer „Prometheus“. In „Grenzen der Menschheit“ begeisterten die sonore Tiefe und das warme Timbre in der Höhe.
Einen beeindruckenden Perspektivenwechsel nahmen Martin Summer und Tobias Neubauer mit den ausgewählten Liedern „Vorausbestimmung“, „Betrunken“, „Unwiderstehliche Schönheit“ und „Lob des Weines“ aus dem „Liederbuch des Hafis“, op. 30 von Viktor Ullmann vor. Die Lieder sind humorvoll gesetzt, mit zahlreichen musikalischen Raffinessen, die von tänzerischen Stilmitteln bis zu reizvollen musikalischen Überreibungen reichen. Wenn man jedoch bedenkt, dass die Lieder im Jahr 1940, kurz vor der Deportation des Komponisten ins Konzentrationslager entstanden sind, erhalten die Lieddeutungen eine zusätzliche Bedeutungsebene.
Alle Lieder lebten vom eher opernhaften Erzählen des Sängers in einem hervorragenden Einvernehmen mit dem Pianisten. Besondere Aufmerksamkeit zogen die bedeutungsvollen Nachspiele der Klavierparts auf sich. Die für diese musikalische Gattung eher ungewohnte Location bewirkte eine ungezwungene und angenehme Atmosphäre. Das Publikum dankte mit stürmischem Applaus für den geistreichen Liederabend.